Shrinkflation in JapanWas schrumpfende Schokokekse über Japans Wirtschaft verraten

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So leer wie im April 2021 sind die Straßen in Japan nicht mehr. Die Corona-Zahlen sind niedrig, die Inflation auch. Nur Geld ausgeben wollen die Japaner nicht.
So leer wie im April 2021 sind die Straßen in Japan nicht mehr. Die Corona-Zahlen sind niedrig, die Inflation auch. Nur Geld ausgeben wollen die Japaner nicht. Yuichi Yamazaki/Getty Images

Trotz Pandemie bleibt die Inflation in Japan deutlich unter den gewünschten zwei Prozent. Die Menschen dort finden es einfach zu riskant, Geld auszugeben. Wehe, wenn sie ihre Haltung ändern.

Von Thomas Hahn, Tokio

Dass etwas nicht stimmte, sah Masayuki Iwasa als Erstes an den Schokokeksen. Er war damals ein bekennender Fan des Produkts Chocoliere der Firma Bourbon. 16 mit Schokolade befüllte Keksriegel enthielt eine Packung, so kannte er es. Aber irgendwann stellte Iwasa fest, dass nur noch 14 Riegel in einer Packung waren. Bei gleichem Preis. Das nahm er noch hin. Aber dann stellte er fest, dass die 14 Riegel kürzer geworden waren. Wieder bei gleichem Preis und ohne Ankündigung. "Das hat mich geärgert, das wollte ich anderen mitteilen."

Also legte Masayuki Iwasa, 45, ein Aktienhändler aus Ushiku in der japanischen Präfektur Ibaraki, eine Webseite an, auf der er auflistete, welche Produkte mit der Zeit bei gleichem Preis kleiner werden. Vor zwei Jahren war das. So akribisch pflegt Iwasa seither sein Portal, dass er sich einen Namen als Chronist der sogenannten Shrinkflation gemacht hat, einer japanischen Inflation der anderen Art. "Insgesamt 400 Produkte habe ich gezählt", sagt er, "vor allem Snacks, Süßigkeiten, Speiseeis." Ergebnis: Preissteigerungen gibt es auch - aber meistens kompensieren Hersteller gestiegene Kosten, indem sie an der Menge der Zutaten sparen. "60 bis 70 Prozent dieser Produkte sind kleiner geworden."

Shrinkflation. Der Begriff klingt wie ein Klamaukfilmtitel aus Hollywood, aber das Phänomen ist ernst zu nehmen. Vielleicht sogar als Vorbote einer großen japanischen Wirtschaftskrise?

Schon lange rätseln Ökonomen, warum die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt mit ihrer ultralockeren Geldpolitik und ihrer Rekordverschuldung so träge, aber gleichzeitig auch so unverwundbar wirkt. Seit 2012 bewegt sie sich mit dem Strom der sogenannten Abenomics-Politik, die der rechtskonservative Premierminister Shinzō Abe nach seiner Wiederwahl 2012 einführte. Das Konzept entpuppte sich vor allem als ein unverkrampftes Geldbeschaffungsprogramm für die heimische Wirtschaft, das Abes Regierung im Schulterschluss mit der japanischen Zentralbank durchzog. Seither kauft die Zentralbank konsequent Staatsanleihen von Geschäftsbanken und anderen Finanzinstitutionen, unterstützt so Kredite zu extrem niedrigen Zinsen und hält indirekt den Staat flüssig. Japan lebt quasi auf Pump bei seinen eigenen Menschen. Es druckt sich das Geld, das es braucht, und macht Schulden, ohne an morgen zu denken. Märchenhaft.

Nach der Gesundheitskrise bekamen viele Familien einen Zuschuss von 770 Euro pro Kind

Mit dieser Geldpolitik hat Japan einen Trend gesetzt. Die USA und Europa folgten und verzeichneten zu Zeiten der brummenden Weltkonjunktur überzeugende Erfolge. Auch Japan hatte bessere Bilanzen. Aber sehr dynamisch wirkte Nippons Wirtschaft immer noch nicht: spärliches Wachstum, gleichbleibende Gehälter, eine Teuerungsrate, die weit hinter dem Ziel von zwei Prozent blieb.

Und jetzt? Mächtige Corona-Hilfspakete und pandemiebedingte Lieferengpässe haben in Amerika und Europa die Preise auf Rekordniveau steigen lassen. Auch Japans Industrie spürt die Engpässe. Japans Regierung gibt derweil enorme Summen aus, um nach der Gesundheitskrise neuen Schwung zu erzeugen, unter anderem 100 000 Yen (770 Euro) Bargeld für jedes Kind in Familien mit einem Jahreseinkommen unter 9,6 Millionen Yen (circa 74 000 Euro). Aber die Inflation steigt im Inselstaat kaum. Dafür schrumpfen Produkte. Was ist da los?

"Interessant", sagt Frank Rövekamp, als er von den Beobachtungen des Shrinkflation-Chronisten Iwasa hört. Der Ökonom Rövekamp leitet das Ostasieninstitut der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft in Ludwigshafen. Er ist Professor für japanische Wirtschaft und Politik, und auch wenn Shrinkflation vorerst vor allem ein Phänomen des Einzelhandels ist - für Frank Rövekamp passt es ins Bild. Eine gut dosierte Inflation kurbelt den Konsum an, heißt es, weil jeder dem nächsten Preisanstieg zuvorkommen will. Aber in Japan denken viele vor allem an die Unsicherheit, die damit verbunden ist.

Über 30 Jahre ist es mittlerweile her, dass Japans Immobilienboom in sich zusammenfiel wie ein Luftballon, den man nach dem Aufblasen nicht zugeknotet hat. Japans Bubble-Ökonomie hatte zuvor fantastische Werte zustande gebracht. "Der Kaiserpalast war so viel wert wie Kalifornien. An den Börsen in Japan konzentrierten sich 40 Prozent der Weltbörsenkapitalisierung", sagt Frank Rövekamp. Aber der Markt überhitzte, Grundstückpreise verfielen, Aktienpreise sanken. Ende der Goldgräberstimmung. Deflation.

Wenn Japans Zentralbank Staatsanleihen kauft, ist das im Grunde verkappte Staatsfinanzierung

Seither wartet Japan vergeblich auf den nächsten Boom. Man hat sich daran gewöhnt, dass Gehälter, Preise und Renten nicht steigen. Mehr noch: Nach den Verlusterfahrungen der Neunzigerjahre akzeptiert man nicht das geringste Risiko. "Damals haben wir gelernt, dass Investitionen gefährlich sein können", erklärt Masayuki Iwasa. Selbst er als Aktienhändler bezeichnet sich als vorsichtig. Viele andere geben ihr Geld fast gar nicht mehr aus der Hand. Sie behalten möglichst viel davon auf dem Girokonto. Oder zu Hause in bar. Der demografische Wandel verstärkt den Trend, die Pandemie erst recht. "Ohne Investition wird das Geld weniger, das ist auch ein Risiko", sagt Iwasa, "aber die Angst vor der Zukunft ist wohl etwas größer."

Dieser Hang zur Rücklage zeigt sich auch im Bankensektor. Wenn Japans Zentralbank Staatsanleihen kauft, ist das im Grunde verkappte Staatsfinanzierung. Die Geschäftsbanken, die praktisch als Zwischenhändler der Staatsanleihen zwischen Staat und Zentralbank wirken, bekommen dadurch viel frisches Geld. Dieses könnten sie in Umlauf bringen, Kredite vergeben, in das Wachstum der japanischen Wirtschaft investieren. Aber es passiert etwas anderes. "Wir beobachten, dass die Geldbasis, also die Summe, welche die Geschäftsbanken bei der Zentralbank halten, unglaublich wächst", sagt Rövekamp. Die Geschäftsbanken investieren das frische Geld also zurückhaltend. Man kann sagen: Was Japans Zentralbank aus den Sparstrümpfen der Nation nimmt, landet letztlich wieder genau dort. "Eine merkwürdige Situation", sagt Rövekamp.

Aber sie führt im Land zu dem Gefühl, dass Japans Wohlstand sicher ist. Und die Zentralbank hütet dieses Gefühl aufmerksam. "Sie könnte die Geschäftsbanken etwa durch höhere Strafzinsen dazu zwingen, das Geld unter die Leute zu bringen", sagt Rövekamp. Aber das tut sie nicht. Warum? "Sie hat Angst davor, dass zu schnell zu viel Geld auf den japanischen Markt kommt." Deshalb ist es so wichtig, dass die Preise stabil bleiben. Auch wenn dafür die Produkte kleiner werden.

Noch funktioniert dieser japanische Kreislauf. Die Frage ist nur, wie lange noch. "Nicht ewig", sagt Frank Rövekamp. "Wenn die Leute irgendwann ernsthaft das Vertrauen in den Yen verlieren und daran zweifeln, dass ihr Erspartes seinen Wert behält, wäre das katastrophal." Die Inflation würde überschießen. Die Zentralbank müsste mit höheren Zinsen und dem Verkauf ihrer Staatsanleihen gegensteuern. Eine riesige Staatsverschuldungskrise würde drohen.

Frank Rövekamp sieht Japan vorläufig noch weit entfernt davon. Und Masayuki Iwasa kann sich gar nicht vorstellen, dass seine Landsleute jemals den Glauben an ihre Yen auf dem Konto oder in der Schublade daheim verlieren könnten. "Japaner verwenden das Geld nicht", sagt er, "wir sparen." Der Pessimismus ist zu groß. Premierminister Fumio Kishida will höhere Gehälter, sogar einen neuen Kapitalismus. Iwasa findet auch, dass die Menschen Zeichen für eine neue Zuversicht bräuchten, damit das Leben für alle besser wird. Aber ob Japan das bezahlen kann? Masayuki Iwasa selbst achtet jedenfalls weiterhin sehr konsequent auf sein Geld. Seit seine Lieblingsschokokekse geschrumpft sind, hat er sie nicht mehr gekauft.

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