In Japan ist es nicht unüblich, für jedes menschliche Problem eine technische Lösung zu finden. So sitzt die Erfinderin Ai Sato, 40, in einem Konferenzraum des Lebensmittelkonzerns Kirin, hoch über den Dächern von Tokio, und erzählt mit strahlendem Gesicht von ihrer Erfindung. Es ist ein Löffel. Der Löffel ist grau, federleicht, er wird per USB-Kabel geladen – und kann potenziell Leben retten.
Ai Sato ist im Kirin-Konzern, der unter anderem für seine Soßen bekannt ist, Mitglied der „Health Science Business Division“, also der Gesundheitsabteilung. Gleichzeitig ist sie aber auch Vorsitzende der Sparte „Electric Salt Business and Development“, grob übersetzt „der Entwicklung des elektrischen Salzgeschäfts“ – ein Zukunftsmarkt. Vor eineinhalb Jahren kam ihr Löffel auf den Markt, der die Aufgabe hat, Menschen daran zu hindern, zu viel Salz in ihre Suppen zu schütten. Sie hält den Löffel lachend in die Höhe, und wird gleich die Funktionsweise erklären.
Suppen sind ein bedeutender Teil von Japans ausgefeilter Esskultur. Sie werden in diversen Zubereitungsformen serviert, als Miso-Suppe, klare Suppe, als Suppe zu Nudelgerichten wie Udon, Soba und Ramen. Die Leidenschaft der Japanerinnen und Japaner für ihre Suppe wurde bereits 1985 im internationalen Filmhit „Tampopo“ für die Welt dokumentiert, und wer heute eine Suppenküche in Tokio besucht, darf sich immer noch unterhalten lassen vom lust- und geräuschvollen Schlürfen der Nudeln.

Das in jeder Suppenvariation reichlich vorhandene Salz ist jedoch ungesund. Es sorgt für Bluthochdruck, führt zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und steigert das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Wer dauerhaft viel Salz zu sich nimmt, schädigt Nieren und Gefäße und erhöht das Krebsrisiko. Auch die Deutschen essen zu viel Salz, vor allem versteckt in Fertigprodukten, die in Industrieländern in den vergangenen Jahren immer populärer geworden sind.
Gleichzeitig ist Salz wichtig, um Körperfunktionen wie den Wasserhaushalt, die Nerven- und Muskelaktivität zu regulieren. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt etwa sechs Gramm täglich, in Japan liegt der Verbrauch aber bei zehn Gramm, etwa zwei Teelöffeln. Ai Sato könnte also tatsächlich Leben retten durch ihre Erfindung, zumindest aber Lebenszeit.
Als Forscherin für Kirin war Ai Sato gerade dabei, an Verbesserungen der Hygiene bei Krankenhausessen zu arbeiten, als sie auf ihre Löffel-Idee kam, so erzählt sie es heute. Bei ihrer Recherche in einem Universitätsklinikum erzählten ihr Ärzten von dem Problem mit dem Salz. „Die Patienten wussten, dass sie weniger Salz essen sollten. Aber sie haben es im Alltag nicht geschafft, das umzusetzen“, sagt sie.
Ai Sato machte sich daraufhin gemeinsam mit einem Professor der Meiji-Universität daran, etwas zu entwickeln, was den Geschmack von Salz nicht ersetzen, aber die Wirkung verstärken könnte. Sato demonstriert es nun im Konferenzraum, indem sie den Löffel an den Mund hält und erklärt, wie wichtig die Kontaktstellen für die Elektroden am Griff für den Effekt sind. Dort nämlich wird die Verbindung zwischen Menschen und Suppe in einen Stromkreislauf umgewandelt.
Die Forschungsabteilung, in der Ai Sato arbeitet, umfasst nur fünf Mitarbeiter
Eine Stromstärke von 0,1 bis 0,5 Milliampere fließt vom Arm durch den Löffel und die Suppe in den Mund und verstärkt die Wirkung der Natrium-Ionen (Na+), also der positiv geladenen Teile in Kochsalz auf der Zunge. Für Nicht-Elektriker: das ist so wenig, dass man es nicht spüren kann. Eine Stromstärke, die zu Muskelkontraktion führt, beginnt bei etwa 20 Milliampere. Und für Nicht-Chemiker: Das Salzaroma wird schlicht betont. Man muss also tatsächlich weniger davon in die Speise schütten, um denselben Effekt zu erzielen.
Neben ihren Löffeln hat Ai Sato ihre neueste Erfindung mit zum Termin gebracht, eine Suppentasse, die ihr Strom-Verstärker-System im Boden und im Griff integriert hat. Sato schenkt nun Miso-Suppe aus einer Thermoskanne ein. Die Suppe schmeckt gut und moderat salzig. Wenn man aber die Tasse einschaltet, bündelt sich das Salzerlebnis auf der Zungenspitze, „es kommt auch ein bisschen darauf an, wie Sie die Suppe trinken und wie sensibel Sie sind“, sagt Sato. Bei der Gelegenheit weicht sie auf den japanischen Begriff „umami“ aus, als zusätzliche Beschreibung neben „salzig“, „sauer“, „süß“ und „bitter“. Er beschreibt einen herzhaften, wohltuenden, lang anhaltenden Geschmack.

Es werden noch keine riesigen Stückzahlen umgesetzt, doch nun arbeitet Ai Sato daran, die Löffel und Tassen stabil genug für Großbetriebe zu machen. „In Kantinen oder Krankenhäusern wird Geschirr mit großer Hitze automatisch gereinigt, das müssen die Geräte aushalten können“, erklärt sie. Zudem fehlen noch Freigaben von international anerkannten Nahrungsmittelbehörden wie der US-amerikanischen „Food and Drug Administration“ (FDA), um die Geräte international zu vermarkten. Für Kinder sind sie bislang nicht zugelassen, auch nicht für Patienten mit Herzschrittmachern.
Wirklich groß würde ihre Idee werden, wenn Kirin die Löffel und Becher im industriellen Maßstab produziert und verkauft. Immerhin wurde ein hausinternes Start-up gegründet, dem Ai Sato vorsteht. Es soll die salzsparenden Produkte vermarkten – am besten international. Als Erstes kommt die Ausweitung der Geschäftsidee in andere asiatische Länder, wo ebenfalls viel Suppe und Eintöpfe konsumiert werden – denn sowohl Löffel wie Tasse brauchen Flüssigkeit, um den Strom durchzuleiten. Mit einem trockenen Schweinebraten funktioniert die Technik nicht.
Der Kirin-Konzern ist in Deutschland auch durch sein Bier bekannt, das in manchen Thai-Restaurants serviert wird, obwohl es aus Japan stammt. In Japan hingegen ist Kirin ein Riese, mit weltweit 31 934 Mitarbeitern in 177 Tochterunternehmen. Der Umsatzerlös lag im vergangenen Geschäftsjahr bei 2338 Milliarden Yen, etwa zwölf Milliarden Euro, das liegt etwa auf Höhe von Nestlé. In Tokio prangt der Kirin-Schriftzug an jeder Ecke, nicht zuletzt, weil viele der überall zu findenden Getränkeautomaten diese Aufschrift tragen, und von Mineralwasser über Immun-Shots bis zu Kaffee aus der Dose ein großes Angebot bereithalten.
Die Forschungsabteilung, in der Ai Sato arbeitet, umfasst nur fünf Mitarbeiter, die aber sind einzig dafür angestellt, sich über die Zukunft der Ernährung Gedanken zu machen. „Der elektrische Löffel war ein Nebenprodukt aus der Forschung an Virtual Reality“, erzählt Sato. In Zukunft, so hofft sie, könne man Abnehmwilligen mit der Simulation von Nahrungsgenuss helfen, etwa so, wie die enorm erfolgreichen Diät-Spritzen das heute schon tun, in dem sie den Verzicht leichter machen. Science-Fiction-Fan Sato aber möchte dem Gehirn den Genuss ohne Speise verschaffen, so wie im Film „Matrix“, sagt sie.
Für Chemie interessierte sie sich schon als kleines Mädchen. Ein Lebensweg als Forscherin war in ihrem Elternhaus in Hiroshima nicht vorgesehen, doch nachdem sie als junge Frau den britischen Nobelpreisträger und Biologen John Sulston bei einem Vortrag kennengelernt hatte, wollte sie nichts anderes mehr machen. Auf die Frage, wie viele Frauen gemeinsam mit ihr Chemie studiert haben, im Vergleich zu Männern, überlegt sie genau und sagt dann: „fünf von 40. Aber bei Maschinenbau und Physik war das Verhältnis noch schlechter!“ Dann lacht sie wieder.
So wurde sie eine Art Daniela Düsentrieb, die tüftelt und forscht, um den Alltag der Menschen zu verbessern. Ob ihre Eltern heute stolz auf sie sind? Ai Sato überlegt und sagt dann, dass sie es nicht wisse. Aber sie hat nicht nur ihren Traumberuf gewählt, sondern auch eine Tochter bekommen, ihren Eltern also eine Enkelin geschenkt. Neben der vielen Lebenszeit, die sie zusammengerechnet allen Suppen-Freunden auf der ganzen Welt verschafft.
Hinweis der Redaktion: In einer früheren Fassung war in einer Bildunterschrift wie auch im Textabsatz mit der technischen Beschreibung bei Milliampere-Angaben von „Spannung“ die Rede; gemeint war die Stromstärke. Wir haben das korrigiert.
