Japan "Der Druck auf die Menschen ist enorm"

Früher waren es ältere Männer, inzwischen sind es zunehmend junge Leute, die sich das Leben nehmen oder an Erschöpfung sterben. Eine Gewerkschafterin erklärt, warum.

Interview von Marcel Grzanna

In Japan erkennt die Regierung nur wenige Hundert Todesfälle pro Jahr als Folge von Überarbeitung an. Doch nicht-staatliche Quellen sprechen von mehr als 10 000 Opfern pro Jahr. Hifumi Okunuki ist Chefin der Tokioter Gewerkschaft Tozen und Dozentin für Arbeitsrecht an der privaten Frauen-Universität Sagami. Im Gespräch mit der SZ erklärt sie, in welchen Zwängen Angestellte in Japan stecken, wenn sie ins Büro kommen, welche Perspektive junge Menschen im Land noch haben und was sie ihren Studentinnen mit auf den Weg gibt.

SZ: Frau Okunuki, in Japan sterben viele Menschen an Überarbeitung. Entweder sie begehen Selbstmord, weil sie depressiv geworden sind, oder sie erleiden einen tödlichen Herzinfarkt oder Schlaganfall, weil sie den Stress nicht mehr bewältigen können. Wie bereiten Sie Ihre Studentinnen auf solch ein Berufsleben vor?

Hifumi Okunuki: Ich dränge sie dazu, ihre Rechte als Arbeitnehmerinnen in den Unternehmen anzusprechen und durchzusetzen. Ich werbe dafür, dass sie in eine Gewerkschaft eintreten, um für Tarifverträge zu kämpfen. Aber die wenigsten nehmen meinen Rat zu Herzen. Neulich traf ich eine meiner Studentinnen wieder, die ich als lebensfrohe Frau in Erinnerung behalten hatte. Sie sah fahl und depressiv aus. Sie erzählte, dass sie voller Freude begonnen habe zu arbeiten, aber schnell festgestellt habe, dass alle um sie herum jeden Tag bis Mitternacht im Büro säßen. Sie traute sich nicht, auszuscheren und auf ihr Recht zu pochen. Ich bat sie eindringlich, dass sie die Notbremse ziehen müsste, wenn sie die Situation nicht mehr ertragen könnte.

Das gelingt nicht jedem. Die weltweit bekannte Werbeagentur Dentsu geriet kürzlich in die Schlagzeilen, weil sich eine 24-jährige Angestellte das Leben genommen hatte, die im Internet ihren Leidensweg dokumentierte.

Die Tote kam von der Tokio-Universität, der besten Japans. Sie galt als fröhlicher Mensch, dem alle Türen im Leben offen- standen. Nach nur wenigen Monaten hatte Dentsu ihre Persönlichkeit gebrochen. Als sie körperlich und geistig bereits am Ende war, machte sie dennoch weiter, weil sie fürchtete, dass ihre Reputation zerstört würde. Eine ihrer letzten Nachrichten im Internet lautete: "Es ist vier Uhr morgens, ich bin völlig fertig, mein Körper streikt, ich will nur noch sterben. Ich kann nicht mehr."

Wie kann es so weit kommen, dass ein Unternehmen Mitarbeiter in den Tod treibt?

Dentsu funktioniert wie eine militärische Organisation. Es gibt zehn eiserne Regeln, die Angestellte beschwören müssen. Eine davon ist, dass Mitarbeiter jede Aufgabe so angehen müssen, als hinge ihr Leben davon ab. Diese Regeln bescheren Dentsu seine Produktivität, aber eben auch die Selbstmorde von Angestellten. Der Druck, der dort auf die Menschen ausgeübt wird, ist enorm. Die Tote klagte nicht nur über unmenschliche Arbeitszeiten, deretwegen sie pro Nacht kaum mehr als zwei Stunden schlief. Sie schrieb auch davon, dass ihr Vorgesetzter eines ihrer Konzepte vor ihren Augen in den Mülleimer schmiss, nachdem sie übers Wochenende zwei Tage und Nächte zu Hause daran gearbeitet hatte. Es ist ein Irrsinn, dass Dentsu es geschafft hat, dass sich diese Frau nach nur sechs Monaten umbrachte.

Aber Dentsu ist kein Einzelfall?

Tod durch Überarbeitung, der in Japan Karoshi genannt wird, gibt es seit den 1980er-Jahren. Anfangs waren vor allem Männer mittleren Alters betroffen. Heute fallen junge Menschen und Frauen Karoshi gleichermaßen zum Opfer. Es betrifft fast jedes Unternehmen und kommt in kleinen wie großen Betrieben vor.

Warum ist Japan davon so stark betroffen?

Das japanische Wirtschaftswachstum stützt sich vornehmlich auf hart arbeitende Angestellte. Die Mitarbeiter opfern sich regelrecht auf für ihre Firmen und stellen alle anderen Interessen und auch alle sozialen Kontakte in den Hintergrund. Die Älteren machen es den Jüngeren vor. Die strenge Hierarchie lässt jüngeren Arbeitnehmern wenig Spielraum, diese Verhaltensmuster aufzubrechen. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als sich diesem Rhythmus anzupassen. Solange die Älteren nicht nach Hause gehen, tun sie es auch nicht. Das Ergebnis: Alle arbeiten bis zum späten Abend und treffen sich am nächsten Morgen wieder. Dann beginnt alles von vorne.

Welche Perspektiven haben junge Arbeitnehmer in Japan noch?

Sie wollen nur das Schlimmste vermeiden. Eigentlich will niemand für eines der sogenannten schwarzen Unternehmen arbeiten, bei denen die Wahrscheinlichkeit am größten ist, an Überarbeitung zu sterben. Es gibt jedoch Jobberater, die den Berufseinsteigern einreden, dass ihr Profil genau zu einer dieser Firmen passen würde, die als schwarzes Unternehmen verschrien sind. Sie erzählen den Studenten, dass sie wie geschaffen dafür seien, ein paar Überstunden zu schieben, und dass es nicht schlimm sei, kaum noch Pausen zu nehmen. Ich rate den jungen Leuten eindringlich, solchen Einschätzungen nicht zu glauben.

Hifumi Okunuki ist Vorsitzende der Gewerkschaft Tozen.

(Foto: privat)

Aber wenn junge Menschen das Schlimmste vermeiden wollen, weshalb bewerben sie sich dann überhaupt noch bei solchen Firmen?

Weil es ums Prestige geht. Viele streben nach Anerkennung in unserer Gesellschaft, die es als großen persönlichen Erfolg wertet, wenn man sich in den Dienst eines dieser schwarzen Unternehmen stellt und nicht daran zugrunde geht. Wer es auf die beste Universität schafft und dort zu den Besten gehört, von dem wird erwartet, dass er keiner Herausforderung aus dem Weg geht. Aufgeben gilt als große Schande, als ein Versagen im Leben. Aber niemand sieht, welches Leid oft dahintersteckt, das häufig genug ja auch tödlich endet. Manche Studenten bilden sich dann ein, sie würden das schon irgendwie schaffen. Aber die Realität in den Unternehmen ist viel härter, als es sich die Studenten überhaupt vorstellen können. Die Universität, von der sie glauben, sie hätte sie abgehärtet, ist dagegen so entspannend wie eine Ferienreise. Von Dentsu glauben immer noch einige, dass die Arbeit dort Spaß macht, weil sie kreativ ist. Hart, aber erfüllend. Tatsache ist aber, dass es die Hölle ist und die wenigsten Mitarbeiter kreativ arbeiten.

Was tut die Politik?

Seit 2014 gibt es ein Gesetz, das der Regierung vorschreibt, Karoshi zu verhindern. Deshalb hat sie kürzlich das erste Weißbuch herausgegeben, das eine Begrenzung der Arbeitszeit empfiehlt. Immerhin beginnt die Politik endlich damit, Karoshi als soziale Krankheit anzuerkennen. Aber noch gibt es keine gesetzliche Grenze für Überstunden. Bislang weigern sich viele Unternehmen, diese Grenze zu akzeptieren. Mein Eindruck ist, dass die Regierung die Rechte von Arbeitern sowieso sehr stiefmütterlich behandelt. Sie kooperiert lieber mit Unternehmen, um die Produktivität nicht zu gefährden.

Bei Dentsu trat der Chef zurück, weil der öffentliche Druck zu groß wurde nach dem Todesfall. Werden die Unternehmen auch finanziell zur Rechenschaft gezogen?

Es gab da mal den Fall eines jungen Mannes, der sehr viel arbeitete und mit seinem Vorgesetzten zum Trinken in eine Bar gehen musste. Das tat er, weil er keine andere Wahl hatte. Sein Chef zog die Schuhe aus, füllte einen davon mit Sake und zwang den jungen Mann, aus dem Schuh zu trinken. Solche und andere Demütigungen trieben ihn in den Selbstmord. Die Familie des Toten zog bis vors Oberste Gericht und wurde entschädigt. Aber das ist nicht die Regel.