Japan:Wünsche an den neuen Premierminister

Japan: Folienherstellung bei Illies: Das Hamburger Handelshaus gilt als ältestes deutsches Unternehmen in Japan.

Folienherstellung bei Illies: Das Hamburger Handelshaus gilt als ältestes deutsches Unternehmen in Japan.

(Foto: C. Illies & Co.)

Japan ist ein gutes Pflaster für deutsche Unternehmen, sogar in Zeiten der Pandemie. Das heißt nicht, dass alles bleiben soll, wie es ist.

Von Thomas Hahn, Tokio

Auf Dauer hilft nur ein Ende der Pandemie. Das war die Botschaft, die vor einem Jahr übrig blieb vom Gespräch mit Frank Oberndorff, dem Japan-Chef der Hamburger Handelsgesellschaft Illies. Er saß damals in seinem Büro im Tokioter Bezirk Meguro vor dem Computer. Online-Interview, wie es sich gehörte in der Pandemie, die nicht enden wollte. Er war entspannt. Japans Regierung hatte den Einreisestopp für Ausländer gelockert, sodass Techniker und Ingenieure unter Auflagen ins Land durften. Oberndorff hatte schnell billige Kredite bekommen. Und er hatte keine Mitarbeiter entlassen müssen. Allerdings traute Frank Oberndorff der näheren Zukunft nicht ganz. Wenn auch 2021 ein Virus-Jahr mit knappen Kundenbudgets und Einreisebeschränkungen würde, sagte er - "dann wird es für alle schwierig".

Und jetzt? Es ist Herbst geworden im zweiten Jahr der Pandemie. Wie geht es Illies und seinem Manager Oberndorff im fernen Osten ein knappes Jahr nach dem bangen Blick nach vorne?

Japan ist ein gutes Pflaster für deutsche Unternehmen. Der Staat pflegt hier die Wirtschaft mit besonderer Sorgfalt. Kommerz ist kein Schimpfwort wie in manchen Gesellschaftsteilen Europas. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer in Japan (AHK Japan) erklärt: "Mit einem Handelsvolumen von 38,6 Milliarden Euro ist Deutschland Japans wichtigster Handelspartner in Europa und umgekehrt." Und in der Pandemie hat sich gezeigt, dass der japanische Umgang mit Geld Corona-Probleme zwar nicht beheben kann - aber viel Zeit bringt, um diese Probleme zu bekämpfen.

So hat das zumindest die Firma Illies erlebt, die ein Symbol für das blühende deutsche Geschäft im Inselstaat ist. Sie ist Japans älteste Auslandsfirma, gegründet 1859 auf der Insel Dejima, Präfektur Nagasaki. Ihr Geschäftsmodell, Maschinen und Hightech-Anlagen nach Japan zu verkaufen, ist einträglich - nach den vielen Corona-Monaten kann man fast sagen: unverwüstlich. Frank Oberndorff wirkt jedenfalls immer noch gelassen, seinen Gemütszustand beschreibt er als "völlig entspannt".

Das Jahr 2020 war "hervorragend" - dank hoher Auftragsbestände

Er empfängt in einem Konferenzraum der Firmenzentrale. Durchsichtige Schutzwände teilen den langen Tisch. Draußen rauscht die nimmermüde Tokioter S-Bahn vorbei, und jenseits der Bahntrasse sind die Bauarbeiten an den nächsten Wolkenkratzern im Gange. Japan hat gerade den Coronavirus-Notstand beendet. Rund 60 Prozent der 126 Millionen Menschen im Inselstaat sind vollständig geimpft. Und an diesem Montag wird ein neuer Premierminister vereidigt; Fumio Kishida folgt dem zurückgetretenen Yoshihide Suga. Aufbruchstimmung gibt es trotzdem nicht, dazu sitzt die Corona-Furcht zu tief. Und der sachliche Konservative Kishida ist kein Mann für Begeisterungsstürme.

Aber Oberndorff ist optimistisch. Seine Prognose stimmte. Je länger die Pandemie anhielt, desto schwieriger wurde die Lage. Wenn Illies Großaufträge hat, dauert es, bis sich die Einnahmen daraus in der Erfolgsrechnung niederschlagen. "Das Geschäftsjahr 2020 war im Endeffekt hervorragend", sagt Oberndorff, "aber das ergab sich aus Umsätzen von Geschäftseingängen, die etliche Monate zurücklagen." 2021 ist die Einnahme-Delle da. "Einerseits, weil die japanischen Kunden uns aus Angst vor Ansteckung verständlicherweise nicht sehen wollten. Andererseits, weil sie sich auch in ihrem eigenen Unternehmen nicht mehr so viel getroffen haben." Es fielen keine Entscheidungen. Projekte standen still.

Und die Projekte, die liefen, waren durch die Einreisebeschränkungen komplizierter. Mittlerweile verlangt Japans Regierung nach der Ankunft nur noch zehn, nicht mehr 14 Tage Quarantäne. Aber immer noch sind die Bedingungen schwierig für die Techniker und Ingenieure, die Illies ins Land holen muss, um die Maschinen zu installieren. Sie dürfen sich nur von ihrem Hotel zur Arbeit bewegen. Sie dürfen nicht für weitere Projekte bleiben.

Billige Kredite sind eine wichtige Säule der Wachstumsstrategie

"Das wird schon eine deutliche Einbuße ergeben." Zahlen nennt Oberndorff nicht. Aber dass er ohne die billigen Kredite nicht so entspannt wäre - das sagt er deutlich. "Ausbleibendes Geschäft wird jetzt zugepflastert mit Geld, das dieses ausbleibende Geschäft erst mal überbrückt." Oberndorff hat immer noch keine Leute entlassen. Er hielt die Firma am Laufen, obwohl fast nichts lief.

Billige Kredite sind eine wichtige Säule der japanischen Wachstumsstrategie. Keine Zentralbank setzt so konsequent auf niedrige Zinsen wie die japanische. Sie tut dies im Schulterschluss mit Japans Regierung, und obwohl Japans Banken ächzen, sieht es nicht so aus, als würde sich an der Geldpolitik viel ändern. Deutsche Unternehmen profitieren davon. Oberndorff ist froh, dass er die Kreditlinie ohne falschen Stolz ausweitete. "Alles, was sich dargeboten hat, haben wir genommen", sagt er, "als das alles da war, hatten wir eine unfassbare Liquidität. Das brauchen wir für unser Geschäft nie." Dafür hat er keine Sorgen in Zeiten der Verluste. Illies ist gewappnet für die Zeit, in der es wieder losgeht.

Den deutschen Unternehmen geht es insgesamt nicht schlecht im pandemischen Japan. Die AHK Japan hat in einer Umfrage festgestellt, dass 71 Prozent von ihnen "in den letzten zwölf Monaten wachsende oder stabile Geschäfte" verzeichnet haben. Das heißt nicht, dass alles bleiben soll, wie es ist. "Eine der Hauptforderungen an die neue Regierung ist die Lockerung der Einreisebedingungen und Anerkennung internationaler Impfpässe", sagt AHK-Japan-Geschäftsführer Marcus Schürmann.

Frank Oberndorff stimmt zu. Für ihn ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Normalität zurückkehrt. Aber diese Normalität wird auch gebraucht. Auf die Frage, wie lange Illies die Corona-Krise noch aushält, sagt selbst der entspannte Oberndorff: "Natürlich nicht endlos." Auf Dauer hilft kein billiger Kredit. Sondern nur ein Ende der Pandemie.

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