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Jahrzehntelang geheim:Kodak bunkerte Atomreaktor im Keller

Wer hätte nicht gerne einen "Californium Neutron Flux Multiplier" im Haus, um einen schönen Neutronenstrahl zu erzeugen? Der amerikanische Kamerahersteller Kodak kaufte sich so ein Ding - einen kühlschrankgroßen Atomreaktor, gefüllt mit atomwaffenfähigem Uran. Kaum einer wusste davon.

Die Lokalzeitung Democrat and Chronicle schreibt oft über Kodak, immerhin ist sie die eingesessene Tageszeitung am Stammsitz des Kameraherstellers in Rochester im US-Bundesstaat New York. Doch vor kurzem erfuhren die Reporter des Blattes etwas über Kodak, das selbst Reportern neu war, die Kodak von der Blüte bis zur Pleite kennen: Kodak besaß einen eigenen Atomreaktor, meldete die Zeitung unter der Überschrift "Wussten Sie das?".

Eastman Kodak black and white film, negatives, film development reels and black and white photographic prints are shown in this studio illustration in Washington

Völlig ungefährliche Strahlen: Negative von Kodak.

(Foto: Gary Cameron/Reuters)

Der Reaktor, etwas größer als ein Kühlschrank, war nicht offiziell geheim, aber jahrzehntelang wusste praktisch niemand, dass er dort stand. Als die Lokalzeitung nachfragte, konnte Kodak nicht einmal sagen, ob die lokalen Behörden wie Polizei, Feuerwehr und Katastrophenschutz eingeweiht waren. Auch Anwohner wurden nicht informiert. Selbst innerhalb der Firma kannte fast keiner den Reaktor.

Kodak hatte allerdings eine offizielle Erlaubnis von der US-Atomaufsichtsbehörde ( PDF-Datei). Diese erlaubte der Kamera-Firma, hochangereichertes Uran zu benutzen. In der Natur kommt Uran nur mit einem sehr geringen Anteil an spaltbarem Material vor. In Zentrifugen wird das Uran aufwändig angereichert. Erst dann kann es in Atomkraftwerken eingesetzt werden. Reichert man es weiter an, entsteht Material für eine Atombombe.

Das Kodak-Material wäre also prinzipiell auch geeignet gewesen, um es in einer Atombombe zu verwenden. Im Einsatz waren aber nur etwas mehr als eineinhalb Kilogramm, viel zu wenig für eine konventionelle Bombe, die weitaus mehr Material enthalten muss.

Kodak kaufte das Gerät 1974 für Forschungszwecke, bestätigte das Unternehmen auf SZ-Anfrage. Das war noch zu Zeiten des Atomoptimismus, vor den Unglücken von Three Mile Island (1979) und Tschernobyl (1986).

Der sogenannte Californium Neutron Flux Multiplier (CFX) produziert einen Neutronenstrahl. Mit diesem Strahl konnten die Kodak-Forscher das Material für analoge Fotos testen. Kodak versprach in der Werbung, dass Papier und Farbe mehr als 100 Jahre halten. Der "Californium Neutron Flux Multiplier" half, das zu simulieren, indem etwa Farbstrukturen dem Neutronenstrahl ausgesetzt wurden.

Der CFX war auf dem Betriebsgelände in Rochester versteckt, das Kodak Park heißt. Unter dem Keller des Gebäudes Nummer 82 wurde extra ein unterirdisches Labyrinth angelegt, zu dem kaum jemand Zutritt hatte.

Kodak betont, dass nie Strahlung an die Umwelt abgegeben wurde, und verweist darauf, dass solche Anlagen auch in Universitätslaboren im Einsatz sind. Das Unternehmen gesteht aber auch ein, dass dem Vernehmen nach kein anderes US-Unternehmen ein solches Gerät auf dem eigenen Gelände betrieben hat. In Deutschland hätte Kodak dafür keine Erlaubnis bekommen, sagen die Experten vom Forschungsreaktor München.

Die Lokalzeitung Democrat and Chronicle vermutet hinter der Geheimniskrämerei auch die Angst vor Terroristen, besonders seit 9/11. Potentielle Attentäter könnten Interesse an dem spaltbaren Material haben, um eine schmutzige Bombe zu bauen. Nun ist der Kodak-Reaktor zwar der Öffentlichkeit bekannt, doch Uran-Diebe kommen zu spät: Selbst das in höchster Finanznot steckende Unternehmen Kodak erkannte mittlerweile, dass Forschung für analoge Fotografie sich nicht mehr lohnt. Im Jahr 2007 wurde der Reaktor endgültig entsorgt.

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