IWF-Tagung Doktor Schäuble und der liebe Freund Yanis

Auch in Washington trägt er keine Krawatte: Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis.

(Foto: Andrew Harrer/Bloomberg)
  • Finanzminister Wolfgang Schäuble und sein griechischer Amtskollege Yanis Varoufakis haben kurz hintereinander auf einer Konferenz in Washington Reden gehalten.
  • Bei dem Wettbewerb um die Gunst des Publikums werden einmal mehr ihre unterschiedlichen Charaktere deutlich: Schäuble will allein mit sachlichen Argumenten überzeugen, Varoufakis kontert mit einer emotionalen Rede.
Von Claus Hulverscheidt, Washington

Es ist ein karges, entbehrungsreiches Leben, das der Gast aus Europa seinen Zuhörern da schmackhaft zu machen versucht. Politischer Fortschritt ist demnach nur möglich, wenn die handelnden Akteure permanent unter Druck gesetzt werden. Glück ist, wenn es gelingt, eine kaum noch überschaubare Zahl an Regeln einzuhalten. Und Krisen sind gut, denn sie erzwingen den Wandel.

Wie wohltuend, wie erfrischend, wie belebend klingt da doch die Botschaft, die nur gut eine Stunde später durch denselben kleinen Saal des Washingtoner Brookings-Instituts weht. Von der wunderbaren Kraft der Demokratie spricht der zweite Stargast des Tages, von Freiheit und von Selbstbestimmung. Freundliches Raunen im Publikum: "Hier in Washington", sagt ein ergriffener Zuhörer an den Redner gewandt, "haben Sie ein Heimspiel."

Der Charme des bezaubernden Raubeins

Vielleicht konnten die Brookings-Chefs vor Wochen ihr Glück selbst kaum fassen, als es ihnen gelungen war, Wolfgang Schäuble und Yanis Varoufakis, die Protagonisten jenes nicht enden wollenden griechischen Dramas, für ein und denselben Tag als Redner zu verpflichten. Ein gemeinsamer Auftritt der beiden hätte dem ganzen die Krone aufgesetzt. Aber das bekamen nicht einmal die so energischen Amerikaner hin. So also werden es zwei identische Veranstaltungen binnen drei Stunden - in derselben Kulisse, mit denselben Menschen auf dem Podium, nur mit unterschiedlichen Hauptdarstellern.

Den Schönheits- und Sympathiepreis des Publikums gewinnt einmal mehr der eloquente Grieche mit seinem Mix aus entwaffnender Dreistigkeit und dem Charme des bezaubernden Raubeins. Und doch ist es am Ende so, wie es fast immer läuft: Den Tagessieg fährt sein deutscher Amtskollege ein. Denn nur einen Steinwurf entfernt hat Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), gerade verkündet, dass sie den Bitten des griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras nach einer Stundung von IWF-Darlehen leider nicht nachkommen kann. Die Gefahr, dass der Athener Regierung das Geld ausgeht, bevor sie sich mit den Euro-Partnern und dem Währungsfonds auf die Bedingungen für die Auszahlung weiterer Kredite geeinigt hat, wächst damit weiter.

Einmal mehr überschattet die Griechenland-Krise die Frühjahrstagung von IWF und Weltbank, die an diesem Wochenende in der US-Hauptstadt stattfindet. Auf den Fluren und in den Hinterzimmern werden Optionen erwogen, Alternativen eruiert, mögliche technische Abläufe debattiert - einen echten Plan B aber für den Fall, dass Athen tatsächlich pleite geht, hat niemand. Schäuble nicht, Lagarde nicht und auch Varoufakis nicht.