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Internationaler Währungsfonds:"Nennt mich Kristalina"

IWF-Chefin Kristalina Georgiewa 2018 in Polen

Die neue Chefin des IWF, Kristalina Georgiewa, steht ihrer Vorgängerin Christine Lagarde an Selbstbewusstsein nicht nach.

(Foto: imago images/ZUMA Press)
  • Die direkte Art der neuen IWF-Chefin Kristalina Georgiewa und ihr Wille voranzugehen, kommen bei der Jahrestagung von IWF und Weltbank gut an.
  • Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, lacht viel, streut gern mal einen Scherz ein - und gibt sich nahbarer als ihre Vorgängerin Christine Lagarde.
  • Auch hat sie keine Angst vor den Mächtigen, auch nicht vor Donald Trump: Den Handelsstreit zwischen den USA und China nennt sie "bescheuert".

Angst vor großen Namen, so viel lässt sich nach ihrem ersten Auftritt auf der Weltfinanzbühne sagen, hat Kristalina Georgiewa wahrlich nicht. Was sie vom Handelsstreit halte, den Donald Trump angezettelt habe und der nun sowohl die USA als auch China wirtschaftlich lähme, wurde die neue Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) bei der Jahrestagung von IWF und Weltbank in Washington gefragt. Georgiewa antwortete, ohne zu zögern: "Eine Politik nach dem Motto ,Wenn du mehr verlierst, als ich verliere, bin ich der Sieger', ist bescheuert!" Sollte der US-Präsident, dessen Büro nur einige Hundert Meter von der IWF-Zentrale entfernt liegt, die Botschaft vernommen haben - er dürfte wenig begeistert gewesen sein.

Gerade mal drei Wochen ist Georgiewa im Amt - drei Wochen, in denen die ehemalige EU-Kommissarin und Weltbankmanagerin bereits deutlich gemacht hat, dass ihr ein Platz in der zweiten Reihe nicht reicht. Sie traf sich mit Regierungschefs, telefonierte mit Finanzministern und rief die großen Industrieländer dazu auf, ihre Hausaufgaben zu machen und sich entschlossen gegen den allgemeinen Konjunkturabschwung zu stemmen. Manche Kritiker hatten befürchtet, Georgiewa mangele es gegenüber den Mächtigen der Welt vielleicht an politischem Gewicht, weil sie selbst nie Ministerin oder Notenbankchefin war. Doch davon ist nichts zu spüren: "Ich bin sicher, dass sie das sehr gut machen wird", gibt sich Bundesfinanzminister Olaf Scholz in Washington überzeugt, und ein anderer ranghoher europäischer Funktionär sagt: "Jeder, der in der Vergangenheit mit ihr zusammengearbeitet hat, ist sehr von ihr angetan."

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Georgiewas direkte Art, ihr Wille voranzugehen kommen zur rechten Zeit, denn die Welt kann angesichts der Fülle an wirtschaftlichen Problemen Führung wahrlich gebrauchen. Es sind ja nicht nur der Handelsstreit, der EU-Austritt Großbritanniens und die politischen Spannungen im Nahen Osten, die die Weltkonjunktur belasten. Dazu kommen der Klimawandel, Ungleichheit, alternde Gesellschaften, Geschlechterungerechtigkeit, Korruption, Nationalismus und geringes Produktivitätswachstum - alles Themen, die auf der Agenda der Bulgarin ganz oben stehen.

Die Volkswirtin folgt dabei keiner bestimmten ökonomischen Denkschule, wohl aber starken Überzeugungen: Dazu gehört etwa der feste Glaube, dass die stärkere Einbindung von Frauen in die Wirtschaft und der Kampf gegen den Klimawandel nicht nur gesellschaftliche Notwendigkeiten sind, sondern ebenso wirtschaftliche und politische. Auch wenn man dafür sorgen wolle, dass in internationalen Verhandlungen die Interessen aller berücksichtigt würden und nicht einfach das Recht des Stärkeren gelte, so sagt sie, "dann brauchen wir mehr Frauen am Verhandlungstisch".

Sicher fehlt es Georgiewa, die das harte Englisch einer Osteuropäerin spricht, an der aristokratischen Grandezza, mit der ihre Vorgängerin Christine Lagarde die Menschen so sehr für sich einnimmt. Und vielleicht wird auch der IWF ein wenig des Glanzes verlieren, den Lagarde auf ihn abstrahlte. Dennoch haben viele Mitarbeiter rasch Gefallen gefunden am Stil ihrer neuen Geschäftsführenden Direktorin, kurz MD. "Lagarde ließ sich auch von leitenden Angestellten als 'MD' ansprechen oder als 'Madame Lagarde'", sagt einer, der beide gut kennt. "Georgiewa kam rein und sagte: 'Nennt mich Kristalina.' Das kommt an."

Georgiewa arbeitete zeitweise als Lebensmittelverkäuferin

Die 66-Jährige, für die der IWF eigens die bisher geltende Altersobergrenze aufhob, nimmt kein Blatt vor den Mund, lacht viel und streut gern ein Sprichwort oder einen Scherz in ihre Reden und Antworten ein. "Sie können 30 Sekunden warten, bis ich das hier aufgesetzt habe", sagt sie mit Blick auf den Kopfhörer für die Simultanübersetzung, als ein ägyptischer Journalist bei der Jahrestagung bittet, eine Frage auf Arabisch stellen zu dürfen. "Oder 30 Jahre, bis ich Arabisch gelernt habe."

Für einen großen Vorteil hält es Georgiewa, dass sie die erste IWF-Chefin aus einem Land ist, das selbst einmal die Hilfe des Währungsfonds in Anspruch nehmen musste. Die Ökonomin, die von sich sagt, sie sei "auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs aufgewachsen", arbeitete im kommunistischen Bulgarien zeitweise als Lebensmittelverkäuferin und war Mitte 30, als sie ein Bankkonto erhielt. Während des Wendechaos erlebte sie Armut und Inflation, "die alle Ersparnisse meiner Mutter binnen einer Woche auffraß". Verwandte erkrankten, weil das Grundwasser in ihrem Stadtviertel verseucht war.

All diese Erfahrungen trugen dazu bei, dass sie Volkswirtschaft studierte, sich auf Umweltthemen spezialisierte, später ein Elektroauto kaufte - und die Reformauflagen akzeptierte, die in den Neunzigerjahren mit den Krediten des IWF einhergingen. Sie betrachtete sie als harsch, aber notwendig, um Sozialismus, Arbeitslosigkeit und Überschuldung zu überwinden. "Wir haben erlebt, wie sich Dinge durch eine gute Politik ändern können", sagt sie heute und zieht daraus auch Schlussfolgerungen für ihre aktuelle Aufgabe: Statt Reformen um des Reformierens willen zu verlangen, müsse der IWF mit den betroffenen Regierungen gezielte, länderspezifische Programme ausarbeiten, "die das Leben der einfachen Menschen verbessern".

Damit sie ihre Wurzeln nie vergisst, traf sich Georgiewa im Zuge der IWF-Tagung außer mit Ministern und Notenbankchefs auch mit Vertretern von Nichtregierungsorganisationen und anderen gesellschaftlich engagierten Gruppen. Ihr Wunsch an die Aktivisten war eindeutig: "Bitte machen Sie mir auch in Zukunft Feuer unterm Hintern."

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