Konjunktur in Deutschland:Vielleicht lässt sich die Rezession verhindern

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Konjunktur in Deutschland: Zwei Spezialisten unter sich: Olaf Scholz, damals noch Bundesfinanzminister, im Juli 2021 bei einem Treffen mit Kristalina Georgiewa, der Direktorin des Internationalen Währungsfonds.

Zwei Spezialisten unter sich: Olaf Scholz, damals noch Bundesfinanzminister, im Juli 2021 bei einem Treffen mit Kristalina Georgiewa, der Direktorin des Internationalen Währungsfonds.

(Foto: Xander Heinl/imago images/photothek)

Deutschlands Wirtschaft könnte aus Sicht des Internationalen Währungsfonds ums Schrumpfen herumkommen. Aber nur, wenn die Krisen der Welt nicht weiter eskalieren.

Von Claus Hulverscheidt, Berlin

Krieg, Inflation, Pandemie, Energieknappheit, Hauspreisblase: Wer die Liste der Risiken durchgeht, die der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem jährlichen Bericht zur wirtschaftlichen Lage in Deutschland zusammengetragen hat, dem kann schon angst und bange werden. In Schwermut verfallen wollten die IWF-Abgesandten bei der Vorstellung ihres "Gesundheitschecks" am Montag in Berlin dennoch nicht. Zwar sei die Lage so fragil wie selten, sagte Delegationsleiterin Oya Celasun. Wenn die vielen Krisen nicht weiter eskalierten, seien dieses und nächstes Jahr aber Wachstumsraten von knapp beziehungsweise gut zwei Prozent drin. Das wäre deutlich weniger als noch vor wenigen Monaten erwartet, aber mehr als im langjährigen Durchschnitt. Celasun und ihre Kollegen hatten die wirtschaftliche Lage vor der Fertigstellung ihres Berichts zwei Wochen lang mit Regierungsvertretern, Arbeitgebern, Gewerkschaften, Bundesbank und anderen Institutionen erörtert.

Die größten Gefahren für Wachstum und Wohlstand gehen den Ökonomen zufolge von einem abrupten, dauerhaften Stopp russischer Gaslieferungen aus. Sollte es dazu kommen, müssten sich Bürger und Firmen auf Lieferengpässe einstellen, die bis zu zwei Jahre andauern könnten. Um zu verhindern, dass sich die Situation durch die Pleite eines oder mehrerer Energieversorger noch verschärft, so die IWF-Empfehlung, müsse die Regierung den Firmen erlauben, höhere Einkaufspreise an die Kunden weiterzugeben. Zugleich müssten einkommensschwache Familien finanziell unterstützt werden. Überhaupt seien gezielte Hilfen für benachteiligte Gruppen sinnvoller als Tankrabatte oder andere Programme, von denen auch Menschen profitierten, die derlei Subventionen gar nicht bräuchten. Solche Maßnahmen "sind teuer und stören die Preisbildung", hieß es.

Sorgen bereitet den Deutschland-Experten des Währungsfonds, der von Kristalina Georgiewa geleitet wird, auch die hohe Inflationsrate. In diesem Jahr dürfte sie durchschnittlich 6,5 Prozent erreichen und könnte auch 2023 mit etwa 3,5 Prozent noch deutlich über dem Zielwert der Europäischen Zentralbank (EZB) liegen. Dabei ist schon einkalkuliert, dass die EZB noch in diesem Jahr mit einer Erhöhung der Leitzinsen beginnt. Sollte sich die Wirtschaftslage schlechter entwickeln als erwartet, müsse die Bundesregierung mit neuen staatlichen Hilfspaketen dagegenhalten - notfalls auch auf Pump. Insgesamt liege Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) mit seinem Vorhaben aber richtig, die Neuverschuldung von etwa 140 Milliarden Euro in diesem auf 7,5 Milliarden Euro im nächsten Jahr herunterzufahren.

Muss Deutschland womöglich seine Steuern erhöhen, fragt der IWF

Mittelfristig regt der IWF allerdings eine Debatte darüber an, ob die finanzielle Ausstattung des Staats angemessen ist oder ob irgendwann Steuererhöhungen notwendig werden könnten. Die Pandemie und auch der Krieg in der Ukraine hätten gezeigt, dass die Regierung mehr in Bereiche wie die Gesundheitsvorsorge, die Verteidigung oder die Energiewende investieren müsse, sagte Celasun. Dafür benötige sie Geld. Zugleich warnte die IWF-Ökonomin vor einer Rückabwicklung der Globalisierung. Zwar sei es vernünftig, etwa die Energieversorgung auf ein breiteres Fundament zu stellen. Gerade Länder wie Deutschland hätten aber extrem von globalem Handel und internationaler Arbeitsteilung profitiert. Entsprechend hoch würden die Kosten ausfallen, sollte die Welt in mehrere rivalisierende, sich voneinander abschottende Wirtschaftsblöcke zerfallen.

Der IWF hatte Mitte April bereits seine Prognose für das Wachstum der Weltwirtschaft deutlich nach unten korrigiert. Demnach wird das globale Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um lediglich 3,6 Prozent wachsen, das sind 0,8 Prozentpunkte weniger als bei der letzten Prognose vor gerade einmal vier Monaten vorhergesagt. Auf den ersten Blick mag der Unterschied gering erscheinen. In absoluten Zahlen gerechnet bedeutet er jedoch, dass der Staatengemeinschaft gut 660 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung entgehen dürften. Damit fehlen auch Hunderte Milliarden an Löhnen, Steuereinnahmen und familieninternen Überweisungen, die dringend gebraucht würden, um die pandemiebedingten Wohlfahrtsverluste auszugleichen und die gestiegene Armut zu bekämpfen.

Wie groß die Unsicherheit in der deutschen Wirtschaft ist, zeigte am Montag auch der neue Geschäftsklimaindex des Münchner Ifo-Instituts. Zwar legte das Konjunkturbarometer im Mai leicht von 91,9 auf 93,0 Punkte zu, weil in vielen Betrieben die Produktion besser läuft als erwartet. Mit Blick auf die nähere Zukunft jedoch bleiben die Firmen skeptisch. Das gilt sowohl für das verarbeitende Gewerbe und die industriellen Dienstleister als auch für den Handel und das Baugewerbe. Immerhin: "Anzeichen für eine Rezession sind derzeit nicht sichtbar", so Ifo-Chef Clemens Fuest.

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