Internationaler Währungsfonds Die Frau, die den IWF aus der Krise führte

Ist bislang erstaunlich erfolgreich darin, US-Präsident Trump nicht zu brüskieren: IWF-Chefin Christine Lagarde.

(Foto: REUTERS)
  • Der IWF hatte lange einen schlechten Ruf, wirkte wie aus der Zeit gefallen - doch dann kam Christine Lagarde.
  • Sie erhöhte die Akzeptanz des Fonds wieder und schafft den Spagat zwischen Trumps Sprache und den Interessen der Europäer.
  • Mancherorts wird sie schon jetzt als mögliche EZB- oder EU-Kommissions-Chefin gehandelt.
Von Cerstin Gammelin, Berlin

Kaufempfehlungen für Klamotten gehören eigentlich nicht zu den Aufgaben von Christine Lagarde. Trotzdem hat sie vergangenen Freitag eine Empfehlung verschicken lassen: Bitte nicht in Shorts kommen, so liest sie sich. Erhalten haben sie alle Teilnehmer der an diesem Mittwoch beginnenden Herbsttagung von IWF und Weltbank. Man empfehle den Dresscode "geschäftliche Kleidung oder langärmlige Batikhemden", Krawatten optional. Das biete die "richtige Balance zwischen den lokalen Wetterbedingungen und der geschäftlichen Natur des Treffens". Offenbar hält Lagarde den Hinweis für nötig: Die globale Finanzelite trifft sich auf der Ferieninsel Bali. Da soll keiner glauben, man mache hier Urlaub.

An die 15 000 Menschen fliegen auf die Insel, um über Trump, China, Schulden, Putin und die Weltkonjunktur zu reden. Indonesien, das Land, das wegen dramatischer Naturkatastrophen wie in der vorvergangenen Woche, als es mehr als 2000 Tote nach einem Tsunami gab, immer wieder in die Schlagzeilen gerät, soll plötzlich ein Stück Normalität zeigen und das weltgrößte Finanztreffen ausrichten. So will es Lagarde. Und so will es auch die Regierung in Jakarta, die darum gebeten hat, die Konferenz trotz der jüngsten Katastrophe stattfinden zu lassen.

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Aber das Vorhaben kommt nicht überall gut an. Bei einigen IWF-Mitgliedern ist man verwundert, dass die Chefin zugestimmt hat. Da modernisiert sie den Fonds, kümmert sie sich um gute Verhältnisse zu allen Mitgliedern von Argentinien bis zu den USA - und dann setzt den guten Ruf aufs Spiel, indem sie Banker, Gouverneure, Finanzminister und andere Experten nach Bali fliegen lässt. Die Branche habe noch immer genug damit zu tun, ihren nach der Finanzkrise ramponierten Ruf zu polieren, heißt es. Andererseits gibt man aber auch zu, dass es "politisch heikel" sei, das Treffen abzusagen, weil das so aussehe, als gebe es eben doch keine Normalität in Indonesien. Zu hören ist auch die Frage, wie glaubwürdig man über Klimaschutz beraten könne, wenn Tausende für ein paar Tage auf die kleine Insel im Indischen Ozean einfliegen.

Bisher hatte Lagarde den Fonds sicher durch die globalen Veränderungen gesteuert. Sie hatte den Chefposten vor sieben Jahren unter schwierigen Umständen übernommen. Ihr Vorgänger Dominique Strauss-Kahn musste wegen des Vorwurfs der sexuellen Belästigung gehen. Außerdem war der Ruf des Fonds wegen seines Auftretens in Argentinien und in Indonesien angeschlagen. Die vermeintlich guten Ratschläge, die er einst der Regierung in Jakarta gab, hatten nicht nur der Entschuldung des maroden Staates gedient, sondern auch handfesten politischen Interessen der USA. In Argentinien avancierte der Fonds wegen seiner harten Sparprogramme, die viele Menschen in Armut stürzen ließen, um die Jahrtausendwende zur meistgehassten Institution. Der damalige deutsche Finanzminister Peer Steinbrück ließ erkennen, dass er den Fonds für verzichtbar halte. Der IWF wirkte wie aus der Zeit gefallen.

Dann übernahm Lagarde. Ähnlich wie Angela Merkel die CDU in die gesellschaftliche Mitte führte, suchte Lagarde die Akzeptanz der Washingtoner Institution zu verbreitern. Zuerst dort, wo sie sich am besten auskannte: in Europa. Kanzlerin Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble halfen, den Fonds in der Euro-Krise zu einem wichtigen Akteur zu machen. Der IWF beteiligte sich an den Kreditprogrammen für Griechenland, Irland und Portugal. Das half der Eurozone - dem Image des Fonds allerdings weniger.

Die guten Beziehungen Lagardes zu den Europäern ficht das nicht an. Die IWF-Chefin kommt weiterhin ins Kanzleramt, sie diniert mit dem französischen Präsidenten, redet in diversen Hauptstädten. Das macht die Konservative zu einer gefragten Strippenzieherin. Als EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker mit US-Präsident Donald Trump kürzlich einen Handelsdeal abmachte, hatte Lagarde einige Vorarbeit im Weißen Haus geleistet.

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Zwar sagt die 63 Jahre alte Juristin von sich, sie strebe keinen Job in Europa an, wenn dort im kommenden Jahr wichtige Posten vergeben werden. Aber wenn es am Ende darum geht, eine geeignete Frau für ein Amt wie die Präsidentin der Europäischen Zentralbank oder der Europäischen Kommission zu finden, wird sich Europa an Lagarde erinnern.

In den Hauptstädten wird deshalb aufmerksam registriert, dass der IWF nicht von US-Präsident Donald Trump attackiert wird. Lagarde revanchiert sich, indem sie Trumps Sprache adaptiert. Im Vorfeld des Treffens von Bali spricht sie von "besserem Handel", nicht mehr von freiem Handel. Den Präsidenten wird das freuen. Die anderen Staats- und Regierungschefs nehmen es hin. Auch, weil Lagarde zugleich auf die Regeln der Welthandelsorganisation pocht.

Außerdem greift sie auch Themen auf, die nie zum Kerngeschäft gehört haben: Me Too, Geschlechterfragen, Klimaschutz oder Migration. Das freut nicht alle; Spötter bezeichnen den IWF auch als den Eine-Billion-Thinktank. Andere halten die Öffnung für zwangsläufig. Die Finanzkraft des IWF sei angesichts der globalen Finanzmärkte viel zu klein, um globale Krisen zu befrieden, sagt etwa der Ökonom Adam Tooze. Da sei es richtig, mehr anzubieten.

Ob Lagarde als erfolgreiche Chefin des IWF gelten kann, wird sich bald entscheiden. Es hängt davon ab, ob es dem IWF gelingt, Argentinien mit dem gerade gewährten 50-Milliarden-Dollar-Kredit aus der Krise zu helfen. Lagarde hat anders als ihre Vorgänger ausdrücklich auf rigide Sparprogramme verzichtet. Sie setzt stattdessen auf Reformen, die sich verglichen mit denen in Griechenland sanft anhören. Und es hängt davon ab, ob sie es schafft, das Treffen auf Bali geräuschlos zu überstehen.

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