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Italiens Wirtschaft:"Wir haben das Worst-Case-Szenario"

Italien steckt in der Rezession, die politische Sackgasse nach den Wahlen sorgt für Unruhe. Die Finanzmärkte reagierten mit starken Kursverlusten, die Zinsen für Staatsanleihen klettern kräftig. Insgeheim hoffen viele auf Rettung aus Frankfurt.

Elf Stunden sah sich Brunello Cucinelli die Zitterpartie an. Bis zwei Uhr morgens folgte der Kaschmirkönig den verrückten Volten der Stimmenauszählung in Italien. Ans Einschlafen war dann erst einmal nicht zu denken. Angst vor der Unregierbarkeit? Angst vor dem Rausfliegen aus dem Euro? Angst vor dem Börsencrash? Nein. Er lacht. "Ich war aufgewühlt von der Erneuerung", sagt Cucinelli fröhlich. Und spricht von einer wundervollen Erneuerung Italiens.

Der Luxusunternehmer sitzt am Morgen danach im weißen Turmzimmer seines Renaissance-Kastells in Solomeo und schaut über die umbrische Hügellandschaft. Zum Mittagessen hat er sich mit fünf Freunden in einem Restaurant in Perugia verabredet. "Wir glauben, dass der Keim einer wirtschaftlichen, ethischen, politischen und moralischen Erneuerung aufgegangen ist", sagt er.

Cucinelli ist kein weltfremder Spinner. Der Landarbeitersohn hat 1978 sein eigenes Unternehmen gegründet, das er vor neun Monaten an die Mailänder Börse gebracht hat. Er verkauft seine Mode aus kuscheliger Götterwolle in aller Welt. Seine Pullis kosten 1000 Euro. Das Stück. Nun hat der Sieg der jungen Fünf-Sterne-Bewegung des Bloggers Beppe Grillo ein Gefühl der Befreiung in ihm entfacht. "Am 25. Februar ist in Italien eine neue, junge Führungsklasse mit Idealen geboren", frohlockt der Unternehmen. Darauf will er mit seinen Freunden anstoßen. Grillo hätte keiner von ihnen gewählt.

Finanzmärkte reagieren mit alter Furcht

An den Finanzmärkten ist dagegen die alte Furcht vor dem Italien-Risiko zurück. Am Morgen nach der Wahl wird das Vertrauen in das hochverschuldete Land gleich auf die Probe gestellt. Immerhin: Das römische Schatzamt sammelte 8,75 Milliarden Euro ein, ohne große Probleme. Zwar stieg der Zins auf die kurzfristigen Anleihen um 50 Basispunkte auf 1,24 Prozent. Doch für Luca Cazzulani, Staatsanleihen-Spezialist bei der Großbank Unicredit hat es keinen Zweck, das Ergebnis der Auktion mit den Erwartungen von vor ein paar Tagen zu vergleichen. Schließlich haben die Anleger "ein völlig unerwartetes Wahlergebnis" zu verkraften. Der Zinssatz kehrte auf das Niveau im vergangenen Oktober zurück. Die Nachfrage nach den italienischen Staatstiteln war aber ordentlich. Cazzulanis Bilanz der Auktion: "Es ist nichts Besorgniserregendes geschehen."

Die Zinsdifferenz zwischen italienischen Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit und den Bundesanleihen erhöhte sich am Dienstag. Sie schwankte zwischen 3,30 und 3,40 Prozentpunkten. Damit sprang der Risikoaufschlag deutlich über die sogenannte Monti-Marke von 2,87 Prozentpunkten. Sie war der Lohn für die harten Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung, die der Notstandspremier Mario Monti in den 13 Monaten seiner kurzen Amtszeit durchgesetzt hatte.

"Das Wahlergebnis ist kein Weltuntergang"

Am frühen Morgen herrschte in den Studienabteilungen der Großbanken Hochbetrieb. Marco Valli, Chefökonom für Europa bei Unicredit in Mailand, blieb gelassen. "Das Wahlergebnis ist sicher kein Weltuntergang", sagte er in einer Konferenzschaltung. Valli rechnet mit einem Regierungsbildungsauftrag für den Sozialdemokraten Pier Luigi Bersani. "Top-Priorität" einer möglichen Großen Koalition unter dessen Führung sei eine Wahlrechtsreform und Maßnahmen zu einer drastischen Reduzierung der Kosten des politischen Apparats in Italien. Zu Wirtschaftsreformen werde es kaum kommen. Der Markt habe zunächst einmal "aus dem Bauch reagiert", kommentiert Marco Sturlese von der Luxemburgischen Fondsgesellschaft Fenice. Auch der Mailänder Wirtschaftsprofessor Guilio Sapelli hält die Reaktion für übertrieben. "Die Märkte haben Angst vor Grillo, aber Grillo steht den Märkten viel näher als es den Eindruck hat. Und er hat kompetente Leute hinter sich", meint Sapelli.

Bemerkbar machte sich nach dem Wahlschock, dass Italien bei der Haushaltskonsolidierung gut vorangekommen ist. Im kommenden Jahr wird die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone bereits einen Primärsaldo seines Staatshaushalt von vier Prozent aufweisen. "Monti hat seinen Job nicht beendet, aber seine Reformen werden sich positiv auf das Wachstumspotenzial auswirken", meint Unicredit-Ökonom Valli. "Italien ist in einer deutlich besseren Form als vor Monti", sagt er. Die größte Gefahr ist für ihn "ein Zurückrudern" der neuen Regierung. Das müsse unbedingt verhindert werden.

Italien hat seit Jahresbeginn bereits ein Viertel seines Finanzierungsbedarfs gedeckt. Und nur noch 35 Prozent der Staatsschulden liegen in ausländischer Hand. "Italien ist nicht in einer Situation, in der es nicht ein paar Monate Stillstand aushalten könnte", sagt Valli.