Energiewende in Italien:Zu schön und zu alt für Solarstrom

Klimaschutz in Italien: Solaranlage auf Sizilien

Nicht überall sind Solarzellen wie hier in den Bergen der Madonie auf Sizilien willkommen.

(Foto: Gandolfo Cannatella/imago)

In Italien scheint die Sonne, an der langen Küste bläst der Wind: eigentlich ideale Voraussetzung für die Energiewende. Doch das Land hat ein Problem - das die Regierung nun endlich lösen will.

Von Ulrike Sauer, Rom

Von Berlin aus betrachtet ist der sizilianische Standort ideal. Die Kraft der süditalienischen Sonne lockte den deutschen Solaranlagenbauer Ib Vogt nach Centuripe, ins Innere der an Natur- und Kulturschätzen reichen Mittelmeerinsel. Im vergangenen Dezember reichte die Planungsfirma einen Antrag für den Bau eines Photovoltaik-Kraftwerks mit 384 Megawatt Stromleistung ein. Es soll im Flusstal des Dittaino im Westen des Ätna errichtet werden. Bei der Inbetriebnahme der 711 360 Solarmodule wäre es das bisher größte realisierte Projekt des Berliner Entwicklers, der sich "die Dekarbonisierung des globalen Stromsektors" auf die Fahnen geschrieben hat.

In Centuripe wollen sie aber von dem Berliner Projekt nichts wissen. Dass Ib Vogt 228,7 Millionen Euro im wirtschaftsschwachen Inselinneren investieren würde, kümmert die Bewohner nicht. Und dass Italiens Regierung im Wettlauf des Planeten zur Klimawende gerade versucht, den Ausbau der erneuerbaren Energien zu forcieren, lässt die Sizilianer auch kalt.

Auf Luftbildern sieht Centuripe wie ein fünfarmiger, versteinerter Seestern aus. Im Internet rühmt sich die 5800-Einwohner-Gemeinde, die ihre Blütezeit in der römischen Kaiserzeit erlebte, ihrer malerischen Lage. Majestätisch erhebe sich der Ort in 730 Metern Höhe auf halbem Weg zwischen Catania und Enna, ist dort zu lesen. Der Blick schweife über die drei umliegenden Flusstäler bis zum Vulkan Ätna und zu den Gebirgszügen Erei und Nebrodi. Und demnächst nun über 496 Hektar schwarz glänzende Siliziumplatten? Nicht hier.

Das Projekt wurde bereits im vergangenen Juli blockiert. Die Denkmalschutzbehörde in Enna legte ihr Veto gegen den Bau des Solarkraftwerks ein. "An der Oberfläche wurden in der Nähe mehrere Kiesel gefunden, die der frühpaläolithischen Fazies zuzuordnen sind", heißt es in der Begründung. Irritierendes Fazit: Der Klimaschutz scheitert auf Sizilien an der Steinzeit. Auch führen die Architekten der Kulturbehörde "Zonen mit umfangreichen Keramikfragmenten" als Motiv für die Ablehnung an. Der Grund ist in Wahrheit ein anderer: "Aus unserem Dorf, das als Balkon Siziliens bekannt ist, würde man auf die mit Spiegelflächen bedeckten Hügel blicken", sagt Gemeinderat Giuseppe Biondi.

Die Menschen befürworten grüne Technologien - solange sie ihnen nicht zu nahe kommen

Italiens Problem ist: Centuripe ist überall. Auf schöne Landschaften und wertvolle Kulturgüter trifft man in allen Winkeln. So stellt das Phänomen "Nimby" das entscheidende Hemmnis der Energiewende dar. Nach der Devise "Not in my backyard" (nicht in meinem Hinterhof) befürworten auch die Menschen zwischen Bozen und Syrakus grüne Technologien, solange sie ihnen nicht zu nahe kommen. Die Folge: "Die Behörden blockieren heute neue Anlagen zur klimaneutralen Erzeugung von drei Gigawatt Strom", sagt Umweltminister Roberto Cingolani. Seine Aufgabe ist es, diese Widerstände auszuhebeln.

November 2, 2021, Glasgow, United Kingdom: This handout picture made available by Chigi Palace Press Office shows.Itali

Italiens Premier Draghi (Mitte) vorige Woche mit seinem Umweltminister Roberto Cingolani (rechts) auf dem UN-Klimagipfel COP 26 in Glasgow.

(Foto: Filippo Attili/imago)

Der namhafte Physiker war vor acht Monaten von Mario Draghi als Antreiber der grünen Revolution Italiens in die Regierung gerufen worden. Viel steht für das Land auf dem Spiel. Italien erhält aus dem postpandemischen EU-Aufbaufonds in den kommenden fünf Jahren 200 Milliarden Euro für seine Modernisierung. Davon sind 69 Milliarden Euro für Umweltinvestitionen vorgesehen. 5,9 Milliarden Euro stehen allein für erneuerbare Energien bereit. Doch solange keine konkreten Projekte genehmigt werden, bleibt der Geldhahn zu. Italien stehe vor der Alternative: "Entweder verzichten wir auf unsere Bürokratie oder auf das Geld aus Brüssel", sagt Cingolani.

Dabei hat das Land eigentlich gute Karten. Italien setzte traditionell stark auf Wasserkraft und führte einmal den Ausbau der Sonnenkraft in Europa an. Doch dann geriet die Wende ins Stocken. 2020 stammten 41,7 Prozent des erzeugten Stroms aus erneuerbaren Quellen. Die lang gestreckte Mittelmeerhalbinsel könnte sich potenziell in ein Eldorado sauberer Energien verwandeln. Wenig Wolken, viel Sonne und 8300 Kilometer Küste bieten ideale Voraussetzungen für den Ausbau von Solar- und Windkraft.

Dass die Energiewende nicht vorankommt, liegt maßgeblich an den schwerfälligen Genehmigungsverfahren. Es sind elf verschiedene Genehmigungen erforderlich. Wenn es gut läuft, vergehen vier Jahre, bevor alle Stellen den Antrag abgestempelt haben. Sehr oft geht es aber nicht gut. 70 Prozent der Projekte werden von den Aufsichtsbehörden gestoppt. Beispiel Latium: Allein in der Region rund um Rom hat das Kulturministerium 126 Projekte blockiert. 2,2 Milliarden Euro Investitionen liegen dort auf Eis.

Wunsch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander. Bis 2030 muss Italien 70 Gigawatt neue Erzeugungskapazität installieren, um das Ziel des Pariser Klimaabkommens zu erfüllen. Das bedeutet, dass jedes Jahr acht Gigawatt neu ans Netz kommen müssen. 2020 waren es 0,8 Gigawatt. Schleppt sich der Ausbau weiter vor sich hin, erfüllt das sonnige Land sein Ziel erst im Jahr 2108 - statt 2030. Der Kaffeehersteller Andrea Illy gibt die Hoffnung aber nicht auf: "Beim Klimaziel setzt die Regierung ein Stück ihrer Glaubwürdigkeit aufs Spiel und sie handelt deshalb schnell."

Roberto Cingolani versucht seit vergangenen Februar, Italien aus seiner Blockadehaltung loszueisen. Der Spitzenforscher und frühere Entwicklungschef des Technologiekonzerns Leonardo mutet Italien einen Traditionsbruch zu. Umweltschutz wird seit Jahrzehnten mit der Unantastbarkeit der Natur gleichgesetzt, und die wirksamste Waffe lokaler Bürgerinitiativen ist es, bei Gerichten und Behörden Widerspruch einzulegen. Sie berufen sich dabei auf den in der italienischen Verfassung verankerten Landschaftsschutz. Dahinter hat der Kampf gegen die Klimakrise zurückzustecken.

Der Zielkonflikt entflammte auch in der Regierung. Am Kabinettstisch kriegen sich Cingolani und der Minister für Kulturgüter, Dario Franceschini, der für die Denkmal- und Landschaftsschutzbehörden verantwortlich ist, permanent in die Haare. Cingolani setzte eine Vereinfachung der Genehmigungsverfahren durch. "Wir haben ihre Dauer von 1500 auf 250 Tage reduziert", sagt er. Außerdem wurde die Macht der Bremser beschnitten. "Wenn eine Behörde in Verzug gerät, greift der Staat ein und tritt an ihre Stelle", sagt der Minister. Die Regierung habe so für klare Regeln gesorgt.

Der Umweltminister weiß jedoch: Damit allein ist die Herausforderung nicht zu bewältigen. "Das Land muss sich entscheiden, auf welcher Seite es steht", fordert er. Das Streben nach Klimaneutralität könne nicht überall dem Landschaftsschutz untergeordnet werden. "Wir können das Nimby-Syndrom nicht länger dulden", sagt Cingolani.

Darauf setzen auch die Solarentwickler in Berlin. Im sizilianischen Inselinneren treibt Ib Vogt neben Centuripe zwei andere Photovoltaik-Großprojekte voran. "Unser Unternehmen engagiert sich weiter für die Erzeugung von nachhaltigem Strom für das italienische Netz", teilt die Firma mit.

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