Italien:Seht her, eine neue Fluggesellschaft

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Leonardo da Vinci ist der Namensgeber des Flughafens Fiumicino in Rom.

(Foto: ALBERTO LINGRIA/AFP)

Die gute alte Alitalia ist Vergangenheit. Doch Italien hat bereits eine neue nationale Fluggesellschaft: ITA. Schon in zwei Wochen soll die erste Maschine starten - und die Lufthansa bekommt Konkurrenz.

Von Jens Flottau und Ulrike Sauer

Der Jungfernflug AZ 2008 ist für den 15. Oktober programmiert. Ein Airbus 319 soll um 6.30 Uhr auf dem römischen Flughafen Fiumicino starten und den Mailänder City-Airport Linate anfliegen. Die Flugnummer stammt von der alten Alitalia. Auch den Ticketverkauf besorgt noch die insolvente Fluggesellschaft. Betreiben wird den Flug dann aber ITA, die in zwei Wochen wie ein Phönix aus der Asche der Alitalia aufsteigen soll. Turbulenzen behindern jedoch die Vorbereitungen zum Neustart.

ITA-Chef Alfredo Altavilla muss im Endspurt eine Menge Hürden aus dem Weg räumen. Erst vor zehn Tagen begann das Start-up mit der Einstellung des Personals. Weil mit den Gewerkschaften keine Einigung über die Arbeitsverträge erzielt wurde, schließt die Fluggesellschaft nun direkt mit den einzelnen Bewerbern Verträge ab. Sie will zunächst 2800 Mitarbeiter an Bord nehmen, denen um 30 Prozent gekürzte Gehälter angeboten werden. Dagegen laufen die Gewerkschaften Sturm. Aufgeheizt wird das Klima in Rom auch durch die Sorgen der bisher mehr als 10 500 Alitalia-Beschäftigten, die eine Verlängerung ihres Kurzarbeitergelds bis 2025 fordern. Vor einer Woche blockierten Streikende für drei Stunden die Autobahn zum römischen Flughafen. Nahezu täglich finden in der Hauptstadt Protestaktionen statt.

Der Übergang von Alitalia zu ITA verläuft zudem holprig. Die Regierung musste am Freitag intervenieren, um bei den kommissarischen Verwaltern von Alitalia eine Freigabe von Ausbildungsgängen für das Flugpersonal zu erwirken. Haben Piloten und Flugbegleiter die vorgeschriebenen Kurse nicht absolviert, kann die Flugaufsicht ihrem Wechsel zu ITA nicht zustimmen. "Wir hoffen, dass zu den bestehenden Hürden keine weiteren hinzukommen, denn die Situation ist schlecht genug", sagt der Gewerkschafter Salvatore Pellecchia.

ITA und die römische Regierung halten trotz der Schwierigkeiten am Starttermin fest. "Wir wissen, dass es höchst komplexe Entscheidungen zu treffen gilt und die Zeit sehr knapp ist", sagte Verkehrsminister Enrico Giovannini. Die staatliche Fluggesellschaft hebt am 15. Oktober mit dem Fuß auf der Bremse ab. Aufgrund von geringem Passagierinteresse und niedrigen Buchungszahlen rollt sie nur mit einem Teil ihrer kleinen Flotte, die derzeit aus 52 Alitalia-Flugzeugen besteht, an den Start. Auch fehlen ihr noch die Genehmigungen für Langstreckenflüge. Gleichzeitig setzt Airline-Chef Altavilla aber auf Wachstum und bestellte nun bei Airbus 59 neue Flugzeuge.

Die neue Airline würde mit ihren ambitionierten Langstreckenplänen direkt gegen die deutsche Konkurrenz Lufthansa anfliegen

Anders als Alitalia setzt ITA auf einen einzigen Flugzeughersteller - Airbus. Damit will sie Kosten sparen, vor allem beim Training der Piloten und in der Wartung. Die nun veröffentlichte Einigung mit Airbus und dem Leasingunternehmen Air Lease Corporation (ALC) verdeutlicht, dass ITA auch auf der Langstrecke eine wichtige Rolle spielen wird.

ITA bestellte direkt bei Airbus 28 Flugzeuge, darunter zehn Langstreckenjets vom Typ A330neo, elf Maschinen der A320neo-Familie und sieben kleinere A220. Von ALC kommen weitere fünf A330neos, elf A320neo und 15 A220. Insgesamt beschafft ITA damit also 59 Maschinen, die zwischen dem zweiten Quartal 2022 und Ende 2025 ausgeliefert werden sollen. Weitere 25 Flugzeuge sollen in den nächsten vier Jahren von anderen Leasingunternehmen angemietet werden.

Die Airline will ihre Flotte in den nächsten vier Jahren von 52 auf 105 Jets mehr als verdoppeln - viele der älteren Maschinen sollen bis dahin ausgemustert werden. 70 Prozent der Flotte sollen 2025 aus Maschinen der jüngsten Generation bestehen, die emissionsärmer und kerosinsparend sind. Damit hätte sie wieder ungefähr die Größe ihrer notorisch defizitären Vorgängerin als nationale Airline Italiens erreicht, für deren Altlasten sie nach einer Entscheidung der Europäischen Kommission aber nicht eintreten muss. Die Kommission hatte zuletzt beschieden, dass ITA nicht die Rechtsnachfolge von Alitalia antrete.

Für Airbus ist der Auftrag in wegen der Pandemie weiterhin schwierigen Zeiten ein wichtiger Erfolg. Alitalia hat zwar ebenfalls vor allem Airbus-Jets eingesetzt, war bei Langstreckenmaschinen aber vor allem Boeing-Kunde und flog Regionalmaschinen des brasilianischen Herstellers Embraer.

Besonders bemerkenswert ist der Versuch der ITA, in großem Stil ins Langstreckengeschäft zurückzukehren. Von Airbus und ALC kommen 15 neue Maschinen, zudem will ITA nach eigenen Angaben auch noch das neueste Airbus-Großraummodell A350 beschaffen, verrät aber noch nicht, wie viele. In der Regel ergeben Teilflotten mit weniger als zehn Flugzeugen wirtschaftlich keinen Sinn. ITA hat zusätzlich Zugriff auf alte Alitalia-Jets. Mit derart ambitionierten Plänen würde sie direkt gegen Lufthansa anfliegen, die sehr viel Langstreckengeschäft vor allem aus Norditalien über die Drehkreuze in München und Frankfurt abzieht.

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