Frauenrechte:Jung, weiblich, arbeitslos

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Eine Kellnerin in Rom räumt den Tisch in einem Restaurant ab: Im Corona-Jahr 2020 kamen in Italien auf vier neue Arbeitslose drei Frauen. (Foto: Tiziana Fabi /AFP)

Die Jahrhundertkrise trifft Frauen nirgends in Europa so heftig wie in Italien. Von den Hilfen der EU erwarten sie keine Besserung - im Gegenteil.

Von Ulrike Sauer

Manchmal verschlagen einem Zahlen die Sprache. Wie diese hier: 99 000 : 2000 - so lautet das Verhältnis von Frauen und Männern in einer römischen Arbeitslosenstatistik. Von 101 000 Beschäftigten, die im vergangenen Dezember in Italien ihre Stelle verloren haben, waren 99 000 Frauen. Die ungeheuerlichen Zahlen bestätigten einen Trend: Im Corona-Jahr 2020 kamen in Italien auf vier neue Arbeitslose drei Frauen.

Ein Debakel, das nur die weibliche Hälfte des Krisenlandes trifft?

Mitnichten. Die Zahlen sind Ausdruck eines großen nationalen Problems: Italien bezahlt die Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt mit einer hartnäckigen Wirtschaftsschwäche. Die Pandemie hat die chronischen Defekte des Landes nur schonungslos offenlegt. "Wenn wir dieses Problem nicht lösen, kommt Italien nicht aus der Krise", sagt Paola Mascaro. Sie ist die Präsidentin von Valore D, einem Bündnis von 230 Unternehmen, das sich für Chancengleichheit im Berufsleben engagiert. Nach Berechnungen der römischen Zentralbank würde ein Anstieg der weiblichen Beschäftigungsquote auf europäisches Niveau Italiens Wirtschaftsleistung um sieben Prozent erhöhen. "Wir können es uns nicht mehr leisten, das zu ignorieren", sagt Mascaro in der Jahrhundertkrise.

Dass die wirtschaftlichen Lasten der Pandemie ungleich verteilt sind, ist keine italienische Spezialität. Weltweit spricht man seit dem Sommer von einer "Shecession", einer "Siezession", die als besondere Variante der Rezession in erster Linie Frauen trifft. Ihre Wucht aber ist in Italien gewaltig.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Im Unterschied zu früheren Krisen, die hauptsächlich die Industrie belastet haben, bekommt diesmal das Dienstleistungsgewerbe den Wirtschaftseinbruch besonders stark zu spüren. Von den Schließungen sind Frauendomänen wie Tourismus, Gastronomie, Pflege und Kultur am härtesten getroffen.

Hinzu kommt: Just auf diesen Betätigungsfeldern sind befristete Verträge stark verbreitet. Damit sind jetzt viele Frauen vom Kündigungsverbot ausgeschlossen, das die römische Regierung gleich zu Beginn der Pandemie verhängt hat. Die einschneidende Maßnahme schützt also überwiegend die stärkeren Teilnehmer am Arbeitsmarkt: Männer. Sie bezogen auch drei Viertel des Kurzarbeitergeldes in Italien.

Die Italienerinnen sind die großen Verliererinnen der Corona-Krise. Erst 2019 hatten sie einen symbolischen Erfolg verbuchen können, damals war ihre Beschäftigungsquote erstmals über die 50-Prozent-Marke gesprungen. Es ging voran, wenn auch langsam. Zum Vergleich: In Europa liegt die durchschnittliche weibliche Erwerbstätigkeit bei 63 Prozent. 2020 fiel die Quote in Italien auf 48,5 Prozent zurück. Nur in Griechenland ist sie noch niedriger.

Die weibliche Misere ist das Ergebnis von Versäumnissen

Linda Laura Sabbadini kämpft seit Langem für die Gleichstellung. Die Römerin hat als Generaldirektorin des italienischen Statistikamtes Istat die Arbeit der Forschungseinrichtung zu Gender- und Sozialthemen umgekrempelt. Die weibliche Misere ist für sie das Ergebnis von Versäumnissen: Italien habe nie versucht, sich konsequent von seinen patriarchalischen Strukturen zu lösen. Das Land habe nie Strategien entwickelt, um die Erwerbstätigkeit der Frauen zu fördern. Es habe nie daran gedacht, die klassische Rollenverteilung in der Familie aufzubrechen. Und es war nie bereit, in den Aufbau sozialer Infrastrukturen zu investieren, die Müttern oft erst eine Berufstätigkeit ermöglichen. "Nur zwölf Prozent der Kleinkinder haben einen staatlichen Kita-Platz", sagt Sabbadini.

Als Mario Draghi im Februar in seiner Antrittsrede als Premier die Gleichberechtigung zu einer Priorität seiner Regierung erklärte, klang das ermutigend. "Die Mobilisierung aller Energien zur Überwindung der Krise kann nicht auf die Beteiligung der Frauen verzichten", sagte er. Gender-Gleichstellung bedeute nicht, sich auf eine Einhaltung von Frauenquoten zu beschränken. "Sie verlangt gleiche Wettbewerbsbedingungen unter den Geschlechtern", sagte Draghi. Er werde sich für ein Sozialsystem einsetzen, das es Frauen ermöglicht, ihrer Karriere dieselbe Energie zu widmen, wie die Männer das tun.

Damit lag der frühere EZB-Chef ganz auf einer Linie mit der kämpferischen Istat-Direktorin Sabbadini. "Solange das Potenzial der Frauen nicht genutzt wird, vergeuden wir die Wohlstandschancen unseres Landes", sagt die Feministin. Emblematisch ist die Lage junger Italienerinnen zwischen 25 und 29 Jahren: Ihre Beschäftigungsquote ist die niedrigste in Europa und liegt sogar sechs Prozentpunkte unter der griechischen. "Wir reden hier von Frauen, die besser ausgebildet sind als ihre männlichen Altersgenossen, doch die unser Land nicht beschäftigen kann", sagt Sabbadini.

Die historische Chance aus Brüssel richtet sich - wie so oft - an Männer

In Italien richten sich nun alle Hoffnungen auf das europäische Hilfsprogramm Next Generation EU. 200 Milliarden Euro sollen das Schuldenland nach drei Jahrzehnten auf den Wachstumspfad zurückbringen. Zwar reden alle von einer historischen Chance, doch heißt das wohl wie so oft: für Männer. Mit dem Konjunkturpaket wollen die Europäer ihre Wirtschaft digitalisieren und klimagerecht machen.

57 Prozent der Mittel gehen in Branchen, in denen der Männeranteil mehr als 80 Prozent beträgt. So wird besonders stark in jene Hälfte der Bevölkerung investiert, die unterproportional von der neuen Arbeitslosigkeit betroffen ist. "Das war für eine grüne Digitalpolitikerin das Paradies, aber für eine Feministin war es eine Katastrophe", sagt die deutsche EU-Parlamentarierin Alexandra Geese. Die Grünen-Abgeordnete rief vor einem Jahr die Kampagne "Half of it" hervor. Sie fordert, dass die Hälfte der EU-Mittel gezielt für Frauen ausgegeben wird.

In Deutschland stieß Geese kaum auf Resonanz. In Italien löste sie die Gründung einer neuen Frauenbewegung aus, die seit Monaten für eine gerechte Verteilung der Milliardensummen mobilmacht. "Der Aufbauplan der EU ist wirklich eine einmalige Gelegenheit, um die Gleichstellung zum Motor Italiens zu machen", sagt Sabbadini, die Mitgründerin der italienischen "Half of it"-Gruppe.

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