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Italien:Bankenretter wider Willen

Banca Carige SpA Put Under Administration For Capital Woe

Düstere Aussichten: eine Filiale der Bank Carige in Rom.

(Foto: Alessia Pierdomenico/Bloomberg)
  • Nachdem die europäische Bankenaufsicht die Regionalbank Carige aus Genua unter Zwangsverwaltung gestellt hatte, beschloss der italienische Staat, das zehntgrößte Kreditinstitut des Landes zu retten.
  • Damit widerspricht die Regierung ihren eigenen populistischen Ankündigungen.
  • Am Tag vor Silvester hatte der italienische Regierungschef Giuseppe Conte noch versprochen: "Wir werden keinen Euro Steuergelder in die Banken stecken."

Das neue Jahr, es beginnt für Italien mit einem doppelten Déjà-vu: Erst hatte die europäische Bankenaufsicht die altehrwürdige Bank Carige am Morgen des 2. Januar unter Zwangsverwaltung gestellt. Für die EZB war es eine Premiere, angesichts der über die Feiertage eskalierten Krise bei der früheren Sparkasse aus Genua verwunderte sie aber nicht. Am späten Montagabend kam dann in Rom das Kabinett zu einer Krisensitzung zusammen und verabschiedete für den Notfall ein Gesetzesdekret zur Rettung von Italiens zehntgrößtem Kreditinstitut, um einen Run der Kunden auf ihre neun Milliarden Euro an Einlagen zu verhindern.

Die selbsternannte "Regierung des Wandels" aus Fünf-Sterne-Bewegung und Lega führt damit die alte, bisher von den Populisten verdammte Rettungspolitik ihrer Vorgängerinnen fort. Nun müht sich neben dem nationalen Hilfsfonds der Banken und der EZB-Aufsicht unter deren neuem Chef, dem Italiener Andrea Enria, doch auch der Staat, Carige zu retten. Das 1483 gegründete Geldhaus ist bereits das achte regionale Institut, das in existenzbedrohende Schwierigkeiten geraten ist.

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Der Niedergang von Carige steht beispielhaft für die Schwäche der kleinen und mittleren Kreditinstitute im Land. Größtes Aufsehen hatten vor gut zwei Jahren der Niedergang der toskanischen Traditionsbank Monte dei Paschi di Siena (MPS) und die Beinahe-Pleiten von zwei Volksbanken aus dem wohlhabenden Veneto erregt. In Italien war jedes Mal von einem Einzelfall die Rede - dabei verliefen alle Krisen nach dem gleichen Muster: Stets spielt ein unumschränkt waltender Lokalfürst eine Rolle, der die Bank für Kungeleien, Betrügereien, Filz und Klientel-Politik öffnet. Und immer erweisen sich die Banken als zu klein und zu rückständig, um wettbewerbsfähig zu sein.

In Genua war es Giovanni Berneschi der mehr als zwei Jahrzehnte lang die Geschicke von Carige bestimmte. Der selbstherrliche Chef verweigerte keinem Bittsteller die Unterstützung. Wie überall in Italien brüstete man sich auch in Ligurien der Solidität des Geldhauses, seiner starken lokalen Wurzeln und seiner Aversion gegen die toxische Turbofinanz der Großkonzerne.

Das Geldhaus hat eine lange Geschichte, aber zu wenig Kapital

Erst Italiens Schuldenkrise offenbarte nach 2011 die Verfehlungen des Systems. 2013 legte die römische Zentralbank bei Carige dubiose Machenschaften offen, die Staatsanwälte ermittelten, und Berneschi wurde zu acht Jahren Haft verurteilt. Die mit notleidenden Krediten kämpfende Bank fiel bei den Stresstests der EZB durch und musste mehrere Kapitalerhöhungen stemmen, um ihre Bilanzlöcher zu stopfen. 2015 stieg dann Vittorio Malacalza bei der angeschlagenen Bank ein. Der Industrielle aus Piacenza, der mit dem Verkauf seiner Stahlwerke reich wurde, übernimmt 27,5 Prozent. Mit seinen beiden Söhnen investierte er in vier Jahren 423 Millionen Euro. Inzwischen sind die Anteile der Familie gerade noch 20 Millionen Euro wert.

Seit 2012 hat Carige 3,4 Milliarden Euro an Verlusten angehäuft. Vier Bankchefs in fünf Jahren und drei Kapitalspritzen von mehr als zwei Milliarden Euro konnten die Bank nicht stabilisieren. 2007, vor dem Ausbruch der Finanzkrise, brachte es Carige noch auf einen Börsenwert von sechs Milliarden Euro, heute ist das Institut mit 4300 Mitarbeitern und einer Million Kunden gerade noch 78 Millionen Euro wert.

Die Krise hatte sich zwei Tage vor Weihnachten zugespitzt. Eine weitere Kapitalerhöhung um 400 Millionen Euro war geplatzt, weil Großaktionär Malacalza sich beim Votum im Verwaltungsrat der Stimme enthielt. Er schien nicht an den Sanierungsplan der Manager zu glauben, die er selbst erst 90 Tage zuvor berufen hatte. Mit dem Geld sollten 320 Millionen Euro an den gemeinsamen Hilfsfonds der italienischen Banken zurückgezahlt werden, die Carige im November als Not-Anleihe zu einem Zinssatz von 13 Prozent erhalten hatte. Die anderen Banken waren damit dem Scheitern einer Carige-Emission am Finanzmarkt zuvorgekommen.

Dabei waren Italiens Banken 2017 eigentlich auf dem Weg der Besserung. Die neuerlichen Marktturbulenzen seit dem Antritt der neuen Regierung im vergangenen Juni haben sie aber hart getroffen. Denn mit der Links-rechts-Koalition in Rom kehrten plötzlich Unsicherheit und Misstrauen der Anleger zurück. Es griff die Angst vor einer neuen Schuldenkrise und einem möglichen EU-Austritt Italiens um sich. Die Risiko-Aufschläge für italienische Staatsanleihen verdreifachten sich und die Papiere verloren massiv an Wert, was wiederum die Banken in Schwierigkeiten brachte. Sie sind große Gläubiger des Staates. Zudem erhöhten sich die Refinanzierungskosten der Geldinstitute. Und die Koalitionsführer Matteo Salvini und Luigi Di Maio verschärften mit ihren Angriffen auf die Banken den Druck noch. "Die Banken müssen für ihre Arroganz bezahlen", forderte etwa Vize-Premier Di Maio. Von insgesamt 120 Milliarden Euro Börsenwert büßten die elf größten Banken 2018 so 35 Milliarden Euro ein. Noch am Tag vor Silvester beteuerte Regierungschef Giuseppe Conte: "Wir werden keinen Euro Steuergelder in die Banken stecken."

Am Montag dann kam doch die Wende. Die Regierung versprach Carige staatliche Garantien für neue Anleihen des Instituts. Obendrein erklärte sie sich für den Notfall bereit, einen Einstieg des Staates nach dem Vorbild der Rettungsaktion bei Monte dei Paschi vor zwei Jahren ins Auge zu fassen. Dieser Weg ist jedoch schwierig. Die EU-Kommission verwehrte den Italienern diese Möglichkeit im Falle der beiden Volksbanken aus dem Veneto. Sie wurden dann vom Mailänder Geldkonzern Banca Intesa übernommen. Ähnlich sieht auch das Wunschszenario für die Carige-Rettung aus. Mit frischem Geld soll die Bank ihre faulen Kredite weiter reduzieren und sich einem starken Partner zur Fusion andienen. Als mögliche Kandidaten werden die französischen Geldkonzerne BNP Paribas und Crédit Agricole oder die Mailänder Banken Banco BPM und Unicredit gehandelt.

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