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Kolumne: Silicon Future:Der Nutzen des Netzes

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Marc Beise, Helmut Martin-Jung (München) und Jürgen Schmieder (Los Angeles) im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Deutschland liegt mit seiner digitalen Infrastruktur innerhalb der EU im hinteren Drittel. Home-Office und Home-Schooling zeigen aber, wie wichtig das Internet und hohe Bandbreiten geworden sind.

Von Helmut Martin-Jung

Im Herbst vergangenen Jahres war es soweit: Der private Internet-Anschluss wurde auf eine zeitgemäße Bandbreite umgestellt. Endlich, denn der alte war an seine Grenzen gekommen. Videovorlesungen der Kinder, Konferenzen mit den Kollegen, Video-Interviews - das alles frisst Bandbreite, und nicht zu knapp.

Umstellung, das hieß allerdings, dass die alte Leitung am Tag X schon um sechs Uhr früh tot war, und die neue erst nachmittags um vier Uhr wieder funktionierte. Zehn Stunden, die deutlich machten, wie sehr große Teile des Lebens inzwischen von einem funktionierenden Netz abhängen. Dabei reden wir hier nicht mal von einem Smart Home, einer Behausung also, in der (meistens) alles irgendwie automatisch funktioniert. Es geht bloß um einen Bürojob, der sich - besonders in Pandemie-Zeiten - vor allem am Schreibtisch vor dem Computerbildschirm abspielt. Das mobile Netz, gespeist vom Handy, half über das Schlimmste hinweg, doch mehr als eine Notlösung ist das nicht, nach wenigen Tagen wäre das monatliche Datenvolumen aufgebraucht gewesen.

Völlig klar: Wer einen Job hat, der sich überall dort erledigen lässt, wo man einen Computer und eine stabile Internetverbindung hat, gehört zu einer privilegierten Schicht. Für Nutzer mit hoher Bandbreite ist es auch kein Problem, wenn Anträge für dies und das nur online verfügbar sind. Wenn sie schnell etwas brauchen, bestellen sie bei einem Versandhändler. Wenn die Schule pandemiebedingt auf Unterricht via Internet umstellt, sind sie gerüstet, zumindest, was die Technik anbelangt.

Wer das alles nicht hat, aus Angst, sich mit neuen Technologien zu befassen, aus Angst davor, ausgeschnüffelt zu werden, weil man es 70 Jahre lang auch nicht gebraucht hat oder auch, weil man es sich nicht leisten kann - wer keinen ständig verfügbaren Zugang zum Internet hat, ist heute schon abgehängt. Und das wird in Zukunft nicht besser werden. Deshalb hat die Diakonie, der evangelische Wohlfahrtsverband, recht, wenn er feststellt, digitale Beteiligungsmöglichkeiten gehörten zum Existenzminimum.

Wenn es ausgerechnet daran scheitern würde, Kompetenzen im Umgang mit der digitalen Technologie zu erwerben, weil das Geld in den Familien dafür nicht reicht, wäre es fatal. Die schon bestehende Bildungsungerechtigkeit würde nur noch verstärkt, der Graben tiefer zwischen denen, die sich Bildung leisten können und den Habenichtsen. Ein großes Münchner Unternehmen berichtet zum Beispiel, dass man Auszubildenden Computerausrüstung gestellt hat, weil sie sonst nicht am digitalen Berufsschulunterricht hätten teilnehmen können. Gut, dass die Firma handelte, schade aber, dass das überhaupt nötig war.

Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Damit, Kindern und Jugendlichen einen Computer oder ein Tablet hinzustellen, ist es natürlich nicht getan. Der wohl größte Fehler, den man bei sogenanntem digitalen Unterricht machen könnte, wäre, Lehrer einfach abzufilmen. Das wäre etwa so, als läse man im Fernsehen die Zeitung vor. Es müssen also Konzepte her, wie man mediengerecht, aber auch qualitätssichernd den Unterricht digital ergänzen kann - der ausschließlich digitale Unterricht wird ja hoffentlich nur eine Episode bleiben. Kinder brauchen auch den physischen Kontakt zu Gleichaltrigen.

Doch auch die Ausstattung ist natürlich eine Grundvoraussetzung, ebenso wie eine zeitgemäße Internetanbindung. Dass es in Deutschland noch immer Schulen gibt ohne (vernünftiges) Wlan, ist der kleine Skandal im großen. Deutschland liegt mit seiner digitalen Infrastruktur EU-weit im hinteren Drittel. Dass die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zusammen mit drei europäischen Amtskolleginnen kürzlich in einem offenen Brief gefordert hat, den Ausbau der digitalen Infrastruktur in Europa endlich voranzutreiben, ist zwar dringend nötig. Nur: Wer war bloß die vergangenen 16 Jahre eigentlich Kanzlerin?

Ja, die digitale Technik lässt sich missbrauchen, aber sie hat auch viel Gutes gebracht

Es ist nicht das erste Mal, dass auf Digitalgipfeln und anderen Sonntagsredner-Veranstaltungen, mit digitalen Agenden, in Koalitionsvereinbarungen und wer weiß in wieviel anderen Papieren noch, die Bedeutung des digitalen Wandels beschworen wird. Nur passiert dann viel zu wenig.

Aber ist er denn wirklich so bedeutend, dieser digitale Wandel? Manche glauben ja fest daran, dass er die Menschheit ins Verderben führen wird. Ja, er bringt Herausforderungen mit sich, wer würde das bestreiten? Alles geht schnell und immer schneller voran, wie jede Technik lässt sich auch die digitale missbrauchen. Doch sie hat auch viel Gutes bewirkt. Allein, dass es heute möglich ist, Firmen völlig dezentral zu betreiben, hat sich in der Pandemie als Segen erwiesen. (Auch hier gilt allerdings, dass es die Mischung macht.) Wie wichtig das Netz für die Freiheitsrechte ist, kann man daran sehen, wie viel Mühe sich autoritäre Systeme dabei geben, es zu kontrollieren.

Auch die wirtschaftliche Bedeutung der Vernetzung ist enorm. Als Indien wegen des Kaschmir-Konflikts einige Monate den Internetzugang in der Region drosselte oder gar ganz sperrte, entstand dadurch ein Schaden von 2,8 Milliarden US-Dollar, weil Unternehmen, Schulen und sogar Krankenhäuser behindert wurden. Als während der Revolution in Ägypten das Internet landesweit abgeschaltet wurde, um Demonstranten an der Kommunikation zu hindern, mussten die Machthaber den Schritt nach einigen Tagen rückgängig machen: Die Wirtschaft drohte zu kollabieren.

© SZ
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