Süddeutsche Zeitung

Türkei:Ein riesiger Erdoğan-Flughafen

  • Eine Fläche von umgerechnet 10 000 Fußballfeldern - der neue Flughafen Istanbuls ist acht Mal so groß wie der alte. Am Montag soll er öffnen.
  • Flughäfen, Brücken, Tunnel und Autobahnen sollen in der Türkei nicht nur die Infrastruktur fördern; es sind auch Prestigeprojekte Erdoğans.
  • Die Regierung garantiert der Betreibergesellschaft für die ersten zwölf Jahre 6,3 Milliarden Euro Einnahmen - sonst zahlt sie die Differenz.

Von Christiane Schlötzer

Heiter sei die Landschaft, "ihre Täler, Flüsschen und Berge lächeln immer". Als Konstantinos Kavafis, der große griechische Dichter, der eine Weile am Bosporus lebte, dies schrieb, bedeckten noch dichte Wälder die Hügel am Wasser. Damals, um 1880, hatte die Stadt knapp 900 000 Einwohner, heute sind es mindestens 15 Millionen. Immer weiter ist Istanbul nach Norden gewachsen, mit jeder neuen Brücke über den Bosporus, drei sind es jetzt. Trabantenstädte zwängen sich in die Täler, Wohnburgen ziehen sich die Hügel hinauf. Und ganz im Norden, wo der Bosporus ins Schwarze Meer mündet, liegt nun der neue Flughafen, auf einer gigantischen Fläche von 76,5 Millionen Quadratmetern oder umgerechnet 10 000 Fußballfeldern - das ist achtmal so groß wie der alte Istanbuler Atatürk-Airport.

Türkischer Größenwahn? "Wenn jemand eine Vision für die nächsten 20, 50, 100 Jahre hat, braucht es eine völlig neue Infrastruktur", sagt Kadri Samsunlu, der Chef der neuen Flughafengesellschaft IGA. Wen Samsunlu meint, ist klar: Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Bei der Grundsteinlegung im Juni 2014 nannte Erdoğan, damals noch Premier, den Airport ein "Monument des Sieges", einen gebauten Beleg für den ökonomischen Aufstieg der Türkei in die Weltelite. "Die türkische Regierung hat eine sehr aggressive Strategie für den Transportsektor", sagt Samsunlu. Der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige. Aber Flughäfen, Brücken, Tunnel und Autobahnen sind für Erdoğan auch Prestigeprojekte, und die halbstaatliche Turkish Airlines (THY) ist ein Instrument der Außenpolitik. Weltweit hat keine andere Fluglinie in den letzten zehn Jahren ihr Netz so ausgeweitet wie THY, zu Zielen in Nah- und Fernost, Afrika und Amerika.

Seit der Grundsteinlegung 2014 ist viel passiert, die Türkei hat einen Putschversuch erlebt, der Tourismus ist erst eingebrochen, nun kommen wieder mehr Gäste. Aber diese Woche hat die Bundesregierung die Reisehinweise erneut verschärft, weil Äußerungen in sozialen Medien von der türkischen Justiz als "Präsidentenbeleidigung" gewertet werden könnten.

Zudem steckt die Türkei in einer Finanzkrise. Samsunlu ist trotzdem optimistisch, er glaubt, der Flughafen werde die hochgesteckten Ziele erfüllen. Bis 2023, wenn die Republik 100 Jahre alt wird, soll es "mindestens 100 Millionen Passagiere geben". Vor Kurzem wurden noch bis zu 140 Millionen Passagiere genannt, oder gar 200 Millionen bis 2030. Damit hätte Istanbul wirklich einen der größten Flughäfen der Welt. Der Platz dafür wäre da. Heute steht Atlanta in den USA mit gut 100 Millionen Reisenden an der Spitze.

Samsunlus Büro ist in einem schlichten Zweckbau untergebracht, wenige Autominuten vom Flughafengelände entfernt. Bis zur offiziellen Eröffnung am kommenden Montag, dem 95. Gründungstag der Republik, wird dort noch gearbeitet. Gelbe Riesenkräne ragen in die Luft. Im Terminal aber hängen schon riesige Erdoğan-Porträts für den Festakt. Erst dann soll der Name des Airports verraten werden. Ex-Verkehrsminister Ahmet Arslan, bis Juli im Amt, fragte bereits: "Warum nicht Recep-Tayyip-Erdoğan-Flughafen?" Samsunlu sagt: "Das ist nicht meine Entscheidung."

Das Terminal ist lichtdurchflutet, Deckenhöhe 28 Meter. Im Werbeprospekt ist neben der Abflughalle die Hagia Sophia abgebildet, deren Kuppel ist allerdings genau doppelt so hoch. Bezüge zur Geschichte sind gewollt, der Tower hat Tulpenform. Die "Tulpenzeit" gilt als kulturelle Blütezeit des Osmanischen Reiches.

Im Terminal haben sie schon den "echten" Flugbetrieb geprobt. Samsunlu hat es auf Facebook gepostet. Seine Leute tragen gelbe Westen und lachen viel, als wären die Hügel am Bosporus immer noch heiter, obwohl man für den Mega-Airport doch jeden Buckel planiert hat. Samsunlu sagt, das Gelände sei zu einem "beträchtlichen Teil bereits beschädigt" gewesen, weil hier früher Kohle abgebaut wurde. "In den Tümpeln hätte kein Fisch überlebt."

Naturschützer kritisierten dagegen das Abholzen von 657 000 Bäumen. Die Zahl stammt aus einem Gutachten des Umweltministeriums. Es gab Klagen vor Gericht, auch erfolgreiche. Vor Gefahren für die Trinkwasserversorgung Istanbuls - im Norden liegen auch die Speicherseen - wurde gewarnt. Am Ende siegte die Regierung, Gutachten wurden geändert. Fünf große Baufirmen bekamen den Zuschlag, sie gelten als regierungsnah.

Istanbul will vor allem anderen Transitairports Konkurrenz machen. Die Strecke von London über Istanbul nach Mumbai sei kürzer als die von London über Dubai nach Indien, rechnet der IGA-Chef vor. "Die Leute wollen nicht so lang im Flugzeug sitzen. Wir haben einen geografischen Vorteil." Viel- und Langstreckenflieger werden mit einer 800 Meter langen Shoppingmall umgarnt, "geformt wie der Bosporus". Denjenigen, die nicht verweilen wollen, sondern weitereilen müssen, verspricht der Manager, dass sie trotz "etwas längerer Wege" in 50 bis 55 Minuten von den sieben Eingängen über zwei Sicherheits- und eine Passkontrolle ihr Gate erreichen würden, weil "alle Prozesse beschleunigt wurden".

Der Atatürk-Airport liegt im Süden, er ist von Häusern umgeben, kaum erweiterbar und heillos überfüllt. Im Gespräch war als Alternative ein anderes Gebiet im Süden, landschaftlich reizlos. Der grüne Norden aber erschien attraktiver, vor allem den Baukonzernen, sagen Umweltschützer. "Das wird das neue Istanbul", sagt Samsunlu. Trabantensiedlungen in Airportnähe sind schon geplant. Nachteil für den Norden: Hier gibt es häufig Nebel, vom Schwarzen Meer. Und oft ist es windig, deshalb stehen hier viele Windräder. Zugvogelschwärme gab es bislang auch. Sie würden "intensiv beobachtet", sagt Samsunlu,

Wenn der Flughafen zu wenig Gewinn macht, zahlt der Staat drauf

Die fünf Baufirmen bilden auch die Betreibergesellschaft. Sie haben nach offiziellen Angaben bislang 10,5 Milliarden Euro investiert, geplant waren knapp sieben Milliarden. Das Gelände erwies sich als schwieriger als gedacht. Gebaut wurde dennoch in Rekordtempo. Mehrfach streikten Arbeiter, klagten über hohen Zeitdruck, schlechtes Essen, Bettwanzen, verspätete Bezahlung. Die Gewerkschaft zählte 37 Tote durch Unfälle, der Verkehrsminister 27, bis Februar. Samsunlu sagt: "Ich bedauere jeden Verlust von Menschenleben."

Nach 25 Jahren bekommt der Staat den Airport geschenkt, vorher zahlt die IGA Konzession. Für die ersten zwölf Jahre garantiert die Regierung 6,3 Milliarden Euro Einnahmen, sonst zahlt sie die Differenz. "Das wird nicht nötig sein", sagt Samsunlu. Bei anderen von Erdoğans Megaprojekten zahlt der Staat jedoch schon drauf.

Eine Metro zum Airport wird es erst 2020 geben, davor fahren Busse. Vom Zentrum sollen sie den Weg in einer Stunde schaffen - ohne Stau. Bis Jahresende gibt es nur eingeschränkten Flugbetrieb. "Soft Opening" nennen sie das. THY wollte mehr Zeit zur Umstellung, heißt es. Der Riesenumzug um Silvester soll 45 Stunden dauern, dann soll "Atatürk" bald schließen und das Gelände ein Park werden.

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SZ vom 26.10.2018/lüü
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