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Energiepolitik:Israel beginnt neue Gasförderung

Die Ölplattform im Leviathan-Erdgasfeld im Mittelmeer vor der israelischen Küste.

(Foto: AFP)
  • Auf einer Plattform rund zehn Kilometer von der israelischen Küste wurde im Erdgasfeld Leviathan die Arbeit aufgenommen.
  • Die Erdgasvorkommen im östlichen Mittelmeer könnten für EU-Staaten eine Alternative zu Lieferungen aus Russland sein.
  • Vorerst größter Abnehmer von Leviathan wird Ägypten.

Von Alexandra Föderl-Schmid, Tel Aviv

Für Israels Regierung war es "ein historischer Tag": Zehn Jahre nach der Entdeckung begann am Silvestertag die Förderung im größten Erdgasfeld Leviathan, dessen Reserven auf rund 605 Milliarden Kubikmeter geschätzt werden. Auf einer rund zehn Kilometer von der Küste entfernt im Meer liegenden Plattform wurden die Arbeiten aufgenommen. Begleitet wurde das Projekt von Protesten von Anwohnern der Küstenorte, die Gesundheitsgefahren befürchten. Wegen deren Bedenken wurde der Start um eine Woche verschoben.

Bisher wurden 3,75 Milliarden Dollar investiert. Das Projekt hat jedoch eine Bedeutung, die über ökonomische Interessen hinaus geht. Es bewirkt eine verstärkte Kooperation von Ländern in einer konfliktreichen Region. Außerdem könnten die Erdgasvorkommen im östlichen Mittelmeer gerade für die EU-Staaten eine Alternative zu Lieferungen aus Russland sein.

Denn Israel hat Großes vor: Mit der Erschließung von Leviathan will das kleine Land mit seinen neun Millionen Einwohnern nicht nur seine Energieabhängigkeit vom Ausland verringern, sondern erstmals selbst Erdgas in großem Stil exportieren. Bereits seit drei Jahren bezieht Jordanien Gas vom weitaus kleineren Tamar-Feld, das 238 Milliarden Kubikmeter Reserven haben soll. Dort wird seit 2013 Erdgas gefördert. Jordanien hat Interesse an noch größeren Mengen.

Von Ägypten aus soll das Gas auf internationale Märkte fließen

Vorerst größter Abnehmer von Leviathan wird Ägypten. Die auf dem Feld federführend tätigen Unternehmen, Noble Energy aus den USA und die israelische Firma Delek Drilling, haben im Vorfeld einen über 15 Jahre laufenden Vertrag mit den ägyptischen Unternehmen East Gas und Dolphinus abgeschlossen, der ein Volumen von 19,5 Milliarden Dollar hat. Über eine Unterwasser-Pipeline fließt Gas von der israelischen Stadt Aschkelon Richtung Ägypten. Der Gasverbrauch in diesem Land wird laut Schätzungen von Experten in den nächsten zwei Jahrzehnten aufgrund des Bevölkerungswachstums um 30 Prozent steigen. Ägypten hat 2015 selbst ein Gasfeld 190 Kilometer von der Küste entfernt gefunden und es Zhor genannt: Mit einem geschätzten Gasvolumen von 850 Milliarden Kubikmetern handelt es sich um das größte bisher entdeckte Gasfeld im Mittelmeer.

Wegen Eigenbedarfs exportiert Ägypten seit 2011 kein Gas mehr, verfügt aber im Gegensatz zu Israel über zwei Export-Flüssiggas-Terminals, die nicht mehr genutzt werden. Von dort aus, so der gemeinsame Plan, soll das Gas aus Israel auf internationale Märkte gelangen - im Blick hat man vor allem Europa.

"Nicht nur im ökonomischen, sondern auch im politischen Interesse der EU" sei das Projekt, sagt Oded Eran, Experte beim Institut für Nationale Sicherheitsstudien (INSS) in Tel Aviv. "Die Europäer sollten weitere Energiequellen als die traditionellen haben, was bisher Russland ist. Die EU ist auch interessiert an einer Stabilität in ihrer Nachbarschaft im östlichen Mittelmeerraum. Diese Kooperation fördert Stabilität", meint der ehemalige israelische Botschafter bei der EU.

Mit Ägypten ist Israel seit 1979 durch einen Friedensvertrag verbunden, mit Jordanien seit 1994. Insbesondere mit Jordanien sind die Beziehungen allerdings schon seit einiger Zeit angespannt. Dort gab und gibt es auch Proteste gegen Pipelines aus Israel. Anders Ägypten: Die Zusammenarbeit zwischen Israel und Ägypten auf dem Gassektor zeige, dass man jenseits des Sicherheitsbereiches zusammenarbeiten könne, sagt Ex-Botschafter Eran. "Das fördert die Zusammenarbeit insgesamt im östlichen Mittelmeer zwischen Israel, Ägypten, Zypern und Griechenland."

Für diesen Donnerstag ist laut israelischen Angaben die Unterzeichnung eines Abkommens zur Errichtung der Eastern Mediterranean Gaspipeline geplant. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und der zypriotische Präsident Nicos Anastasiades reisen dafür nach Athen. Nach Einschätzung von Eran ist jedoch noch nicht sicher, ob diese Unterwasser-Pipeline überhaupt zustande kommt. "Es ist ein technisch schwieriges Projekt und kostet viel. Die Frage ist, ob man nicht andere Möglichkeiten zum Transport nutzt." Er verweist auf die bereits existierenden Flüssiggas-Terminals in Ägypten, von wo aus man mit Schiffen den Transport Richtung Europa rascher organisieren könnte. "Der europäische Markt ist sehr wichtig, weil es ein großer Markt ist."

Die Entdeckung neuer Gasfelder im östlichen Mittelmeer bringt neue Kooperationen hervor, löst aber auch Streit aus. Seit der Entdeckung des Gasfeldes Aphrodite 2011, das auf ein Volumen von 200 Milliarden Kubikmetern geschätzt wird, gibt es zwischen Zypern und der Türkei Streit. Die Türkei vertritt den Standpunkt, dass Zypern kein Recht habe, Konzessionen für die Gasfelder zu vergeben, wenn nicht auch die nur von Ankara anerkannte Türkische Republik Nordzypern an den Einnahmen beteiligt werde. Im November hat Zypern Konzessionen zur Erschließung des Gasfeldes an die bereits vor Israels Küste tätigen Firmen Noble Energy und Delek vergeben, Shell ist ebenfalls dabei. Von 2025 an soll dort Gas gefördert werden.

Die Türkei sucht in der Nähe Zyperns im östlichen Mittelmeer ebenfalls nach Erdgas und lässt sich von angedrohten EU-Sanktionen bisher nicht abschrecken. Gerade fertig geworden ist eine neue Pipeline, die Gas aus Russland liefert. Turkish Stream soll am 8. Januar im Beisein von Russlands Präsident Wladimir Putin und seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdoğan den Betrieb aufnehmen.

© SZ vom 02.01.2020

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