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Ispo:Nach dem Schlussverkauf

A snowboarder speeds down the snow-covered landscape at the Swiss mountain area of Hoch-Ybrig

Endlich wieder Pistenzauber - das hat es lange nicht gegeben. Nicht nur die Skifahrer, auch die Händler freut's.

(Foto: Arnd Wiegmann/Reuters)

Wer jetzt Skiausrüstung sucht, steht in den Geschäften oft vor leeren Regalen. Denn der Handel hat seine vollen Lager schon vor Weihnachten billig losgeschlagen.

Von Katharina Kutsche

Der Januar war gut, sagt Michael Schineis: "Wir sehen, dass die Leute Ski fahren gehen", die Parkplätze und Pisten seien voll. Nicht nur in Deutschland und Österreich, auch in Nordamerika und Japan sei das Winterwetter auf Seiten der Sportler gewesen, nur in Skandinavien nicht, da habe es Schmuddelwetter gegeben. Schineis, beim finnischen Sportartikelhersteller Amer für Wintersportausrüstung und die Marke Atomic verantwortlich, ist jedenfalls zufrieden mit dem bisherigen Verlauf des Winters. Denn die letzten zwei bis drei Jahre waren eher schwierig.

Es liegt in der nicht nur sprichwörtlichen Natur der Sache, dass kaum eine Branche so vom Wetter abhängig ist wie die der Wintersportausrüster. Je früher der erste Schnee fällt, desto besser. Wer neue Skier oder ein neues Snowboard kaufen will, macht dies dann, wenn er damit gleich auf die Piste kann. Verzögert sich der Kälteeinbruch, sitzen die Händler auf vollen Lagern.

Im Dezember ist schon Abverkauf - und wenn es im Februar schneit, sind die Regale leer

An ihrer schwierigen Lage sind Hersteller und Händler jedoch nicht unschuldig, sagt Andreas Rudolf. Er ist Geschäftsführer des Handelsverbunds Sport 2000, zu dem allein in Deutschland rund 1290 Sportfachgeschäfte gehören. Die große Mehrheit der Skiurlauber, so Rudolf, starte zwischen Januar und März in die Saison, habe vor allem in diesen Monaten Bedarf an neuer Ausrüstung. Die Hersteller lieferten die ersten Wintersportartikel aber bereits im September an die Händler aus, die dann im November und Dezember unter dem wetterbedingt schlechten Abverkauf leiden.

"Es gibt schon im Dezember große Rabatte, obwohl die eigentliche Saison noch nicht begonnen hat", so Rudolf. Die Folge: Für die Händler sei die Marge nur noch gering. Und Kunden, die im Januar noch Skiartikel kaufen wollten, stünden vor leeren Regalen. Zum Auftakt der internationalen Sportmesse Ispo am Sonntag in München forderte Rudolf deshalb: "Wir müssen den Saisonverlauf dringend dem veränderten Konsumentenverhalten anpassen." Die Industrie müsse die Produktionszyklen auf zwei Saisons abstimmen, eine für Vielfahrer und eine spätere für Familien und Gelegenheitsskifahrer - letztere stellten mit rund 7,5 Millionen den größten Teil der Skifahrer.

Wintersportartikel machen immer noch bis zu 40 Prozent des Gesamtsportmarktes aus. Schwächelt das Geschäft, können die Händler nur auf Erfolge bei anderen Sportarten hoffen. Bei Intersport etwa, der größten deutschen Verbundgruppe im Sportfachhandel, habe der milde Jahresstart 2016 zu einem Minus von fünf Prozent beim Verkauf von Ski, Skischuhen und Zubehör geführt. Dass der Händlerverbund im vergangenen Jahr trotzdem ein Umsatzplus von einem Prozent erzielen konnte, habe an Zuwächsen bei den Ganzjahressportarten Wandern, Laufen, Fitness gelegen - sowie am Sondereffekt Fußball-Europameisterschaft im vergangenen Sommer, sagt Intersport-Vorstand Jochen Schnell.

In diesem Winter läuft das Geschäft für Hersteller und Händler bisher besser. Erster Wintereinbruch im November, ein starker Januar mit einer durchschnittlichen Temperatur von minus 2,3 Grad Celsius, durchgängig kalten Nächten und einer dichten Schneedecke vor allem im Süden Deutschlands. Christoph Bronder, Chef der Marker Völkl Group, erwartet, dass der Skimarkt in diesem Jahr um bis zu fünf Prozent zulegen könnte. Schon nach dem ersten Temperatursturz seien viele Pistenskier verkauft worden.

Trotzdem bleibt die Lage für Wintersportausrüster schwierig, der Klimawandel führt dazu, dass wenige Gebiete schneesicher sind. Obwohl ökologisch höchst umstritten, boomt das Geschäft mit den Schneekanonen. Schon jetzt wird etwa die Hälfte der Skipisten in Deutschland, Österreich und der Schweiz künstlich beschneit, schätzt der Deutsche Alpenverein.

Bei Skifahrern gebe es zwei Sorten, sagt Atomic-Chef Schineis: Die treuen Urlauber, die ihr Skigebiet kennen und zum Ende des Urlaubs gleich den Aufenthalt für das nächste Jahr buchen. Und die Spontanen, die das Wetter verfolgen und Mittwoch entscheiden, ob sie Samstag in die Berge fahren. "Das hat zur Folge, dass sich das Geschäft in die Berge verlagert hat", so Schineis. Skifahrer leihen sich lieber vor Ort aus, was sie brauchen, als dass sie in eine eigene Ausrüstung investieren. Ausnahme: Skibrillen und Helme, da sei es ja auch immer eine Frage der Hygiene, ob man fremde Sachen nutzen möchte oder lieber die eigenen.

Die Hersteller denken daher um. Amer/Atomic etwa setzt verstärkt auf individuelle Lösungen wie Fittingsysteme für Skischuhe. Damit können Sportler den eigenen Schuh an geliehene Skier oder Snowboards anpassen. Ein weiterer Trend sind Hybridprodukte, also All Mountain-Skier, die sowohl für die klassische Pisten-Abfahrt taugen, als auch für das Freeriden, das Skifahren im Tiefschnee abseits der Piste, geeignet sind. Und auch bei Funktionskleidung wie Jacken ist wichtig, dass Sportler sie nicht nur bei der Abfahrt tragen können, sondern auch auf dem Weg ins Büro.

Ob die Wintersportsaison erfolgreich verläuft, hängt letztlich auch von der Infrastruktur in den Wintersportgebieten ab: moderne Lift- und Beschneiungsanlagen, gute Hotellerie und günstigen Direkt-Flugverbindungen.

"Skifahren ist ein Lebenssport: Wenn man es als Kind gelernt hat, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man bis ins hohe Alter Ski fährt", sagt Atomic-Chef Schineis. Wichtig sei daher, dass es in den Skigebieten Familienhotels gebe, die bezahlbar seien. Außerdem müsse in die Nachwuchsarbeit investiert werden, um Jugendliche mit den Wintersportarten in Verbindung zu bringen. Schineis sieht das als Auftrag an die Politik, schließlich hänge vom Wintersport auch das Überleben bestimmter Regionen in den Alpen ab.

© SZ vom 06.02.2017

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