Kampf gegen sexualisierte Gewalt:Wie Apple iPhone-Fotos scannen will

Kampf gegen sexualisierte Gewalt: Das geplante Prüfverfahren ist sehr komplex. Sicherheitsforscher haben eine Vermutung, warum Apple das so angeht.

Das geplante Prüfverfahren ist sehr komplex. Sicherheitsforscher haben eine Vermutung, warum Apple das so angeht.

(Foto: Loic Venance/AFP)

Überfälliger Schritt oder Beginn der lückenlosen Überwachung? Apple will künftig iPhones automatisch nach Fotos durchsuchen, die brutale Vergewaltigungen von Kindern zeigen.

Von Helmut Martin-Jung

Was bedeutet es, wenn Apple direkt auf iPhones, iPads und Apple-Laptops nach Bildern und Videos sucht, die Vergewaltigungen von Kindern zeigen? Kinderschutz-Gruppen begrüßen die Initiative von Apple. Einige Experten für Datenschutz und Verschlüsselung fürchten dagegen, dies könnte der Anfang totaler Überwachung sein. Die Financial Times zitiert den Sicherheitsforscher Alec Muffett mit den Worten, Apples Schritt sei "eine tektonische Verschiebung" und "ein großer Rückschritt für die Privatsphäre".

Das Besondere an Apples neuem System ist, dass es Bilder nicht bloß auf den Apple-Servern checkt, sondern auf den Geräten selbst. Wenn ein Nutzer ein Bild zu Apples Onlinespeicherdienst iCloud hochlädt, wird von dem Foto ein sogenannter Hash erstellt, das ist eine relativ kurze Abfolge von Zahlen und Buchstaben. Dieser wird gegen die Hash-Werte von einschlägigem Material geprüft. Die Datenbank mit den Hashes stellt unter anderem das amerikanische National Center for Missing and Exploited Children (NCMEC) Apple zur Verfügung.

Auf dem iPhone landen aber, um deren Missbrauch zu verhindern, nicht die Original-Hashwerte des NCMEC, sondern eine verschlüsselte Form davon. Die Bilder erhalten dann eine Art Sicherheitspass, der wiederum in zwei Schichten verschlüsselt ist. Die erste Schicht sorgt dafür, dass der Pass nur entschlüsselt werden kann, wenn es eine Übereinstimmung mit einer bekannten Darstellung sexualisierter Gewalt gibt. Pässe, die keinen Treffer ergeben, können nicht entschlüsselt werden. Die zweite Verschlüsselungsschicht stellt eine weitere Bedingung auf. Sie legt fest, dass Pässe nur dann entschlüsselt werden können, wenn es eine bestimmte Anzahl von Treffern gibt. Wie hoch diese Schwelle ist, darüber schweigt Apple. Nur so viel: Es gehe darum, Nutzer zu entlarven, die ganze Sammlungen von entsprechendem Material gespeichert hätten.

Kritiker wie der Verschlüsselungsexperte Matthew Green von der Johns-Hopkins-Universität fragen sich allerdings, wieso Apple ein derart komplexes Verfahren einführt, wo doch die Bilder in der iCloud bisher gar nicht verschlüsselt seien - also leicht gescannt werden könnten. Genau das tun Unternehmen wie Microsoft und Dropbox schon seit Jahren. Das Ganze, argumentiert Green, ergebe nur dann Sinn, wenn die Bilder in der Cloud verschlüsselt würden. Er hält es für möglich, dass Apple genau das vorhat. Datenschützer fordern das schon länger von Apple.

Kritiker fürchten, dass totalitäre Staaten die Funktion missbrauchen wollen

Die größte Sorge von Green und anderen Experten ist, dass Staaten wie China von Apple verlangen könnten, die neue Funktion auch für andere Zwecke zur Verfügung zu stellen. Apple wirbt zwar mit seinen Datenschutzfunktionen, musste aber in China weitreichende Zugeständnisse machen. Die Daten der chinesischen Nutzer etwa liegen auf Servern einer chinesischen Firma. Experten sehen zumindest starke Indizien dafür, dass das Regime Zugriff darauf hat.

Apple betont hingegen, dass das neue System so ausgelegt sei, dass es nur mit den Daten der Kinderschutzorganisationen funktioniere. Das System soll zunächst nur in den USA eingeführt werden. Geplant ist aber, es auch international anzubieten, dafür müssten allerdings noch juristische Prüfungen stattfinden.

Außerdem will Apple eine optionale Funktion einführen, die verhindern soll, dass Kinder Nacktbilder von sich versenden. Erkennt ein Algorithmus das, erscheint eine Warnung. Zudem soll es auch möglich sein, die Eltern zu informieren, wenn ihr Kind ein solches Bild versendet hat.

© SZ
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