Investoren Unter Geiern

Immer mehr aggressive Investoren nehmen deutsche Firmen ins Visier und dringen auf Veränderungen. Jetzt will sich Thyssenkrupp aufteilen. Ist nun niemand mehr sicher?

Von Janis Beenen und Caspar Busse

Der Mann wirkt auf den ersten Blick unscheinbar, aber er kann ganze Volkswirtschaften in die Knie zwingen. Vor vier Jahren hatte Paul Singer, 74, grauer Bart, runde Brille, durchdringender Blick, Argentinien so weit. Das Land kam in ernste Turbulenzen und in Geldnot, weil es Staatsanleihen, die Singers Hedgefonds Elliott hielt, nicht zurückzahlen wollte. Als gieriger Spekulant, Staatsfeind und Geier wurde der Mann aus New York damals bezeichnet. Doch sein Ruf ist dem Milliardär, dessen Fonds 35 Milliarden Dollar verwaltet, ziemlich egal.

RWE, Eon, Metro - große Konzerne spalten sich auf

Singer ist mit seinem Fonds Elliott ein sogenannter aktivistischer Aktionär, was positiv klingen mag, es aber nicht immer ist. Es handelt sich um Investoren, die sich massiv und mit einer mehr oder weniger großen Aggressivität in die Geschäftsführung von Unternehmen einmischen. In ihrem Geschäftsmodell ist für Gefühle und Sentimentalitäten kein Platz. Das Prinzip ist, bei angeschlagenen Unternehmen (oder gar Staaten) einzusteigen, auf grundlegende Veränderungen zu dringen, anschließend mit Gewinnen, möglichst in Milliardenhöhe, wieder auszusteigen - und weiterzuziehen. Die Zahl solcher Investoren steigt, das ihnen zur Verfügung stehende Kapital auch. Und sie entdecken nun Europa, vor allem Deutschland.

Bei Thyssenkrupp gelang nun ein spektakulärer Erfolg in Deutschland. Nicht ausgeschlossen, dass das diesen Investoren Aufwind geben wird.

In diesem Jahr erst ist Singer mit drei Prozent als Aktionär beim Essener Traditionsunternehmen Thyssenkrupp eingestiegen. Zusammen mit dem schwedischen Investor Cevian, schon seit 2013 an Bord, hat er nun überraschend schnell die gewünschte Aufteilung des Dax-Konzerns mit derzeit noch fast 160 000 Mitarbeitern erreicht. Wenn der Aufsichtsrat an diesem Sonntag zustimmt - und daran gibt es wenig Zweifel -, wird es künftig wohl zwei etwa gleich große und voneinander weitgehend unabhängige Unternehmen geben. Die Thyssenkrupp Materials AG umfasst das bisherige Krisengeschäft, den Stahl, die U-Boote und den Werkstoffhandel, eine Art Resterampe. In der neuen Thyssenkrupp Industrials AG sind alle zukunftsträchtigen Bereiche gebündelt: das Geschäft mit Aufzügen, mit Autoteilen etwa und der Anlagenbau. Die endgültige Entscheidung soll eine Hauptversammlung voraussichtlich erst im Jahr 2020 treffen.

Die Aktie machte nach der Ankündigung einen deutlichen Sprung, viele Analysten begrüßen den Schritt. Singer und Cevian können darauf hoffen, dass sie bald mit einem ansehnlichen Gewinn ihre Thyssenkrupp-Anteile verkaufen können.

Ist der Fall Thyssenkrupp der letzte Weckruf auch für andere Unternehmen? Kann sich nun niemand mehr sicher fühlen, ganz gleich wie groß und traditionsreich das betroffene Unternehmen auch sein mag, egal, wie viele Mitarbeiter es auch beschäftigt?

Vieles deutet jedenfalls daraufhin, dass es noch größere Veränderungen bei deutschen Unternehmen geben wird. Vorbilder gibt es bereits. "Mit Dogmen und Unbeweglichkeit lässt sich nicht mehr viel erreichen", sagt ein Beteiligter. Die Geschwindigkeit der Veränderungen ist hoch. Das Modell eines integrierten Konzerns, des lange gefeierten Mischunternehmens mit mehreren Standbeinen, das dadurch stabiler sein soll, ist jedenfalls aus der Mode, nicht zuletzt auf Druck neuer Investoren - oder aus Angst, zu einem Ziel solcher zu werden. Die Liste der Betroffenen ist lang.

So haben sich die beiden größten deutschen Energiekonzerne aufgespalten. RWE bündelte das Zukunftsgeschäft in Innogy, Eon lagerte die Kraftwerke in die neue Firma Uniper aus. Das reichte nicht, nun wird an Korrekturen gearbeitet.

Dass eine Teilung den schnellen Erfolg bringt, diesen Beweis ist bislang auch der Düsseldorfer Handelskonzern Metro schuldig geblieben. Die Elektronikmärkte Saturn und Mediamarkt wurden in der Firma Ceconomy gebündelt, verkauft wurden die Kaufhof-Warenhäuser, demnächst soll auch die Kette Real veräußert werden. Ob am Ende das, was unter dem Namen Metro übrig bleibt, nämlich der Lebensmittelgroßhandel, eine gute Zukunft haben wird, ist zweifelhaft.

Erfolgreicher war bisher der Bayer-Konzern. Gleich mehrmals wurden große Geschäftsfelder abgespalten und an die Börse gebracht, zum Beispiel die Spezialchemie (Lanxess) und der Kunststoffbereich (Covestro), beide Unternehmen waren in der neuen Unabhängigkeit erfolgreich (Bayer wiederum erwarb den umstrittenen US-Konzern Monsanto - Ausgang offen). Der Autobauer Daimler setzt auf eine neue Holdingstruktur, und selbst Volkswagen, nicht gerade für große Flexibilität bekannt, arbeitet derzeit an einer Verselbständigung der Lkw-Sparte - späterer Börsengang nicht ausgeschlossen.

207 Jahre

liegen die Anfänge von Thyssenkrupp zurück. 1811 gründete Friedrich Krupp eine Gussstahlfabrik. Es folgte der Aufstieg zu einem der größten Unternehmen Deutschlands. Umbrüche sind in den vergangenen Jahrzehnten für die Mitarbeiter Alltag geworden. Der heutige Konzern entstand aus mehreren Fusionen, 1999 schließlich gingen Thyssen und Krupp zusammen. Die Stahlbetriebe prägten das Leben im Ruhrgebiet und sind für viele Menschen mehr als Arbeitgeber. Das Engagement der Unternehmerfamilie Krupp mit Versicherungen und Wohnungen für ihre Angestellten hat sich in der Region mittlerweile zu einem Mythos entwickelt. Die emotionale Bindung zum Konzern besteht bis heute - auch, wenn es längst um mehr als um Malocher und Stahl im Revier geht.

Bei Thyssenkrupp sind die Veränderungen auf großen Druck nur einzelner Anteilseigner zustandekommen. Doch davon oder gar von einer Zerschlagung will man in der Essener Zentrale allerdings nicht sprechen. "Damit wird eine Zerschlagung von Thyssenkrupp verhindert", betonte IG-Metall-Mann Markus Grolms. Der stellvertretende Chef des Aufsichtsrats führt das Gremium kommissarisch, nachdem Chefaufseher Ulrich Lehner im Juli zurückgetreten ist. Und doch sieht die nun geplante Aufteilung sehr nach der Zerschlagung aus, die der langjährige Konzernchef Heinrich Hiesinger, der im Sommer entnervt hinwarf, verhindern wollte.

Nun kommt genau diese Aufteilung, die vor zwei Jahren schon einmal im Gespräch gewesen sein soll. Und das auch noch mit der ausdrücklichen Zustimmung der Arbeitnehmer und der Krupp-Stiftung, beide hatten lange Zeit alle Veränderungen bei Thyssenkrupp blockiert. Die IG Metall will nun zustimmen, wenn auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet wird. Vorstandschefs Guido Kerkhoff teilte bereits mit, dass es zu keinem größerem Arbeitsplatzabbau kommen werde. Zudem verlangt die Gewerkschaft, dass ein Wirtschaftsprüfer die finanzielle Tragfähigkeit der Aufspaltung durchrechnet. Mehr wollen sie nicht. Dabei sind die Arbeitnehmervertreter ungewöhnlich mächtig im Konzern. Denn sie stellen derzeit zehn von 18 Aufsichtsräten, haben so vorübergehend die Mehrheit, zwei Posten der Kapitalseite sind seit dem Ausscheiden von Lehner und des Ex-Telekom-Chefs René Obermann unbesetzt.

Schweigen und genießen - so lautet wohl die Devise des Spekulanten

Überraschend passiv bleibt derzeit auch die Krupp-Stiftung, größter Einzelaktionär des Konzerns. Der Stiftung wurde einst eine entscheidende Rolle bei der Ausrichtung des Unternehmens zugeschrieben. Stattdessen signalisierte sie nun schlicht Zustimmung. Die Stiftung werde sich "keiner Lösung verschließen, die eine gute Balance aus Sicherung von nachhaltiger Wettbewerbsfähigkeit und Sicherung zukunftsfähiger Arbeitsplätze gewährleistet", hieß es lediglich. Obwohl sich die Macht im Konzern also deutlich verschoben hat und der große Einfluss der neuen Investoren offensichtlich geworden ist, betonte Vorstandschef Kerkhoff bei Bekanntgabe der Pläne fast trotzig: "Wir entscheiden selbst, wie Thyssenkrupp in Zukunft aussehen wird."

Selbst entscheiden - das hat sich auch Siemens-Chef Joe Kaeser gedacht, als er den Konzern zuletzt deutlich umbaute und den Bereichen mehr Eigenständigkeit gab. Die Zahl sogenannter aktivistischer Investoren nehme besonders in Deutschland zu. "Das ist ein Teil unseres Systems und wir sollten das ernst nehmen", mahnte der Siemens-Chef. Und: "Nicht die größten Unternehmen werden überleben, sondern die anpassungsfähigsten."

Und was sagt Paul Singer zu alldem? Man äußere sich zunächst nicht, sagte ein Sprecher. Schweigen und genießen, lautet wohl seine Devise.