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Investor Cerberus' Pläne mit Waffenfirma:Ein Höllenhund kriegt kalte Füße

Die Private-Equity-Branche ist nicht für moralische Skrupel bekannt. Doch aus dem Amoklauf von Newtown zieht der Investor Cerberus nun radikale Konsequenzen - er will die boomende Freedom Group verkaufen, einen der größten Handfeuerwaffenhersteller der Welt.

Von Jannis Brühl

Die Debatte um eine Verschärfung des Waffenrechts wird die Politik der Vereinigten Staaten noch beschäftigen, ein Unternehmen hat bereits Konsequenzen aus dem Amoklauf an einer Grundschule in Newtown, Connecticut gezogen. Die Private-Equity-Firma Cerberus verkauft auf Druck ihrer Investoren Freedom Group, einen der weltweit größten Hersteller von Handfeuerwaffen.

Eine der Waffen, mit denen der 20-Jährige Attentäter Adam Lanza seine Mutter und in der Sandy-Hook-Schule 26 Menschen tötete - darunter 20 Kinder -, war ein halbautomatisches Gewehr, Typ AR-15. Hersteller: Bushmaster, eine Tochter der Freedom Group.

Cerberus' Verkaufspläne dürften massive Auswirkungen auf die Branche haben. Denn die Freedom Group ist das mächtigste Konglomerat der amerikanischen Kleinwaffenindustrie. Sie kaufte in den vergangenen Jahren ein Dutzend Waffenfirmen auf, neben Bushmaster etwa den Gewehrmacher Remington und den Revolver- und Flintenhersteller H & R. 2011 machte die Gruppe 775 Millionen Dollar Umsatz (Bilanz als PDF).

Colorado Community Mourns In Aftermath Of Deadly Movie Theater Shooting

Ein Bushmaster-AR15-Sturmgewehr auf einer Waffenmesse in Colorado.

(Foto: AFP)

Der Schritt ist offenbar Reaktion auf den öffentlichen Druck, den Investoren nach dem Massaker auf Cerberus ausübten. Am Montag hatte der Pensionsfonds der kalifornischen Lehrer öffentlich erklären lassen: "Unsere Investment-Abteilung untersucht die Investition in Cerberus, um zu bestimmen, wie wir uns vorwärts bewegen sollen angesichts der tragischen Ereignisse am vergangenen Freitag."

"Wendepunkt" der Debatte

Der kalifornische Pensionsfonds ist der zweitgrößte der USA. Cerberus verwaltet für die Pensionäre ein Vermögen von mehr als 600 Millionen Dollar (PDF). Eliot Spitzer, Demokrat und ehemaliger Generalstaatsanwalt von New York, hatte am Montag in einem Beitrag für das Online-Magazin Slate gefordert, Druck auf Cerberus auszuüben. Auf die Politik sei in Sachen Waffenrecht wenig Verlass.

Cerberus gab am Dienstag eine Mitteilung heraus, die sich von den reflexartigen Verteidigung anderer Waffenhersteller unterscheidet, deren Mantra immer war: "Waffen töten keine Menschen, Menschen töten Menschen." Die Investmentfirma drückt dagegen ihre Fassungslosigkeit über die Morde aus und schreibt: In der Debatte sei ein "Wendepunkt" erreicht. Gesetze zur Waffenkontrolle seien zwar Aufgabe der Politik. "Es gibt allerdings Schritte, die wir als Firma unternehmen können." Ein Berater sei engagiert worden, um einen Verkauf einzufädeln.

Cerberus-Büros auf der Park Avenue in New York.

(Foto: AFP)

Benannt ist Cerberus nach dem mythischen dreiköpfigen Hund, der den Eingang zur Unterwelt bewachen soll. Sie ist eine der größten Private-Equity-Firmen der Welt. Solche Investoren kaufen andere Unternehmen günstig ein, bauen sie um, ersetzen oft auch das Management. Vor allem im US-Wahlkampf wurde die Private-Equity-Vergangenheit des republikanischen Kandidaten Mitt Romney zum Thema - die Unternehmen kämpfen gegen ihrem Ruf als "Heuschrecken", die Betriebe ohne Interesse an Arbeitnehmern und gewachsenen Traditionen ausnehmen und weiterverscherbeln.

Cerberus hält unter anderem Anteile an anderen Finanzfirmen, Satellitenbildanbietern und dem privaten Sicherheitsunternehmen Dyncorp, das auch in Afghanistan und im Irak auf Kosten der US-Regierung im Einsatz war. Zwischen 2007 und 2009 hielt Cerberus die Mehrheit an Chrysler, stieg dann aber nach der Insolvenz schnell wieder aus.

Ungewöhnliche Liaison

Der US-Markt der Handfeuerwaffen ist frei von der Machtkonzentration, die für andere amerikanische Branchen bestimmend ist. Die Kriegswaffenindustrie etwa wird von Firmen wie Northrop Grumman und Lockheed Martin dominiert. Den auf sechs Milliarden Dollar pro Jahr geschätzten Umsatz mit Handfeuerwaffen teilen sich dagegen 300 meist kleinere Unternehmen. Ein großer Akteur wie die Freedom Group ist eine Ausnahme.

Der Einstieg von Cerberus bei der Waffenschmiede war von Anfang an ungewöhnlich. So ganz hatte der Investor von der 3rd Avenue in Manhattan nie in die Welt der Waffenhersteller gepasst, die zumindest öffentlich lieber von Tradition, Patriotismus und der Leidenschaft zum Schießen redeten als von nüchternen Zahlen.

Während Waffenfirmen-Chefs wie Mike Fifer von Sturm, Ruger & Co. damit angeben, welche Raketen sie schon von U-Booten der Marine aus abgefeuert hätten, meidet der 52-jährige Milliardär und Cerberus-Gründer Stephen Feinberg die Presse und ist für Wall-Streeet-Verhältnisse eher bodenständigen Lebensstil bekannt. Eine Verbindung zu Schusswaffen gibt es aber dennoch: Feinberg soll leidenschaftlicher Großwildjäger sein.

© Süddeutsche.de/bbr
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