Investitionen Sachsen will nicht mehr "verlängerte Werkbank" sein

Blick auf ältere Industrieanlagen im "sächsischen Manchester" - wie Chemnitz auch genannt wird.

(Foto: imago/Rainer Weisflog)

In den Ost-Bundesländern wird viel produziert, aber kaum geforscht. Sachsen hat sich aus dieser misslichen Lage befreit - und zieht nun Milliarden an.

Von Cornelius Pollmer, Dresden

Zu den Kuriositäten der Arbeitswoche von Stanislaw Tillich gehört der Fakt, dass die Verkündung einer 300-Millionen-Euro-Investition für ihn nur der zweitwichtigste Termin an diesem Montag gewesen ist. Der Tabakkonzern Philip Morris baut eine Fabrik in Dresden, von 2019 an sollen 500 Beschäftigte Tabaksticks für E-Zigaretten herstellen. Als Tillich zur Präsentation fuhr, hatte er in Berlin bereits die Vorstellung der Milliardeninvestition durch Bosch begleitet.

Darüber nicht in Vergessenheit geraten sein wird bei Tillich der Termin, den er vor weniger als einem Monat in Kamenz absolviert hatte. Mit Daimler-Chef Dieter Zetsche und Bundeskanzlerin Angela Merkel war dort der Grundstein für ein Batteriewerk gelegt worden, Investitionsvolumen: etwa 500 Millionen Euro.

Knappe drei Wochen davor flog die aufregende Meldung in einen bis dahin gewöhnlichen Mittwochnachmittag, der chinesische Automobil-Zulieferer WKW plane, in der Lausitz 1,1 Milliarden Euro zu investieren und 1000 Arbeitsplätze in einem neuen Fahrzeugwerk für Elektroautos gehobener Güte zu schaffen. Angesichts dieser Häufung darf man eine Frage stellen, die sonst eher in anderen, betrüblicheren Kontexten häufiger gestellt worden ist: Warum immer wieder Sachsen?

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Die Wirtschaftsgeschichte des Nachwende-Ostens ist schließlich eine, die mit vielen und herben Niederlagen begann. Hunderttausende Industriearbeitsplätze gingen von jetzt auf praktisch gleich verloren, es folgte eine Massenarbeitslosigkeit, die sowohl Teil der kollektiven Erinnerung als auch Wunder vieler Familienbiografien geblieben ist. Als weniger gut sichtbar, aber in der Konsequenz empfindlich erwies sich, was auf diesen Absturz alles nicht folgte: zum einen verlegte kein einziger großer Konzern seinen Firmensitz in den Osten, selbst wenn er ihn noch heute im Namen trägt wie die Gothaer Versicherung. Zum anderen kam auch der Staat seinen mal insinuierten, teils zugesagten Vorhaben nicht nach, wesentliche Teile öffentlicher Strukturen in den Osten zu verlegen.

In der stattlichen Liste der Bundesämter und Bundesanstalten etwa ist der Osten kaum vertreten, am nennenswertesten noch mit dem Umweltbundesamt in Dessau. Dort, hört man, schätzen Mitarbeiter vor allem die zügige Pendelverbindung nach Berlin. Und so müht sich die Landespolitik seit vielen Jahren, mit teils sehr gewagter Ansiedlungspolitik neue Cluster zu schaffen. Dies schlug mal gewaltig und fabelgleich fehl wie bei dem Versuch, tatsächliche Luftschiffe in Brandenburg zu bauen. In anderen Branchen wie der Solarindustrie hat man den Überblick über Zahl und Ausmaß der Pleiten längst verloren.

Sachsen teilt oft das Schicksal des Ostens

Dass Sachsen aus diesen schwierigen Bedingungen bisher mehr gemacht hat als andere Ost-Bundesländer, geht wie so vieles hier irgendwie auch auf Kurt Biedenkopf zurück. Was diesen von seinen Amtskollegen unterschied, lässt sich schön in den Erinnerungen Wolfgang Böhmers nachlesen, seinerzeit Regent in Sachsen-Anhalt. Darin steht, Biedenkopf habe ihm einmal gesagt, "Herr Böhmer, Wirtschaftsentscheidungen fallen doch nicht im Ministerium, die fallen auf dem Golfplatz."

Das Charisma, im persönlichen Umgang für einen Standort zu werben, reicht freilich nicht aus, wenn dieser völlig ungeeignet ist. Biedenkopf und seine Nachfolger Georg Milbradt und Stanislaw Tillich standen, respektive stehen einem Land mit großer Industrie- und Innovations-Tradition vor. Die Region war mal eine der höchstentwickelten deutscher Lande. Diese Tradition ist heute einerseits noch sichtbar: VW etwa betont gern die herausragende Produktivität des Werkes in Zwickau, in jenem in Chemnitz lief am Montag der 15-millionste Motor vom Band. An genau diesen Standorten aber lässt sich auch ein Problem beschreiben, das mutmaßlich auch auf die Investitionen von Philip Morris und Daimler zutreffen wird.

Sachsen teilt oft das Schicksal des Ostens, die "verlängerte Werkbank" von Firmen mit Sitz im Westen zu sein. Arbeitsplätze in der Produktion (Ost) aber haben ihren durchschnittlichen Nachteil gegenüber solchen in Verwaltung und Forschung in Zentralen (West), weil sie niedriger entlohnt und leichter verlagerbar sind.

Gerade deswegen, sagt der Ökonom Ulrich Blum von der Uni Halle, sei der Fall Bosch in Dresden interessant. Es entstünden hier auch forschungsnahe Arbeitsplätze. Was Halbleiter angehe, habe sich Dresden als Cluster "zu einer überkritischen Größe gemausert". Die strategische Bedeutung dieser Industrie für Europa erlaubt zudem eine Förderung durch die öffentliche Hand, die in anderen Branchen nicht möglich wäre. So ist eine Art Leuchtturm entstanden, den zu stützen er für sinnvoll erachte, sagt Joachim Ragnitz von der Dresdner Dependance des Ifo-Instituts. Denn ohne Leuchttürme "wäre es noch viel dunkler".

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