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Inventur von Wald und Wiese:Wie die Natur kapitalisiert wird

Tropischer Regenwald auf Sumatra

Der tropische Regenwald - wie viel ist er wert?

(Foto: beptt - Fotolia)
  • Die Natur vollbringt enorme Leistungen, doch deren Wert ist nur schwer zu bemessen.
  • Deshalb arbeitet ein weltweites Netzwerk daran, Bäume, Flüsse und Moore mit Preisen zu versehen - in Deutschland weitgehend unbemerkt.
  • Die einen erhoffen sich durch eine Ökonomisierung der Natur Geld für den Umweltschutz. Die anderen sehen Chancen, ihr Kapital zu mehren.
  • Die marktwirtschaftliche Logik erobert damit den letzten Raum. Es drohen perverse Folgen.

Wo früher Regenwald die Erde bedeckte, sind heute rostrote Krater

So sieht es aus, wenn die Gier nach Rohstoffen blutende Wunden in die Erdoberfläche reißt. Rostrote Krater von gigantischem Ausmaß baggert der Bergbaukonzern Vale seit Jahrzehnten in die Berge von Carajás. Mitten im Amazonas-Gebiet in Nordbrasilien, dort, wo einst nichts als tropischer Regenwald die Erde bedeckte, liegt das beste Eisenerz der Welt. 7,2 Milliarden Tonnen davon könnte Vale noch abbauen, 120 Millionen Tonnen schaffen die Züge im Jahr, die das Erz zu den Häfen an der Atlantikküste bringen. Es ist die weltweit größte Erzmine, an einem der Orte mit der größten Artenvielfalt.

Das Erz hat einen Vorteil gegenüber dem Wald: Es ist ein wichtiger Rohstoff, der überall gebraucht wird. Seinen Preis bestimmen die Händler an den Rohstoffbörsen. Der Abbau kostet Geld für Arbeitskräfte, Bagger und Kipplader, für Straßen und Fabriken - und er kostet den jahrtausendealten Regenwald.

"Schneller, höher, weiter: Macht uns der Kapitalismus kaputt?" - Diese Frage hat unsere Leser in der neunten Runde des Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Beitrag ist Teil eines umfangreichen Dossiers, mit dem die Süddeutsche Zeitung diese Frage der Leser beantworten will - mit einer digitalen Reportage zum Thema Ungleichheit in Deutschland, mit Essays zu Verwerfungen und Vorteilen eines umstrittenen Systems und vielem mehr. Alles zur aktuellen Recherche lesen Sie hier, alles zum Projekt hier.

Bäume, Tiere, Stoffkreisläufe - sie stehen in keiner Bilanz

Dessen Wert aber ist schwer zu bemessen. Seine Funktion als CO2-Speicher, sein Artenreichtum, sein Wert als Lebensraum für Menschen: Wie viel sollte das kosten? Dem Erzabbau fallen Bäume, Tiere und ganze Stoffkreisläufe zum Opfer, die in keiner Bilanz stehen. Würde man diesen Wert sichtbar machen, ließe sich das Ausmaß der Zerstörung beziffern. Mehr noch: Man könnte Instrumente schaffen, von denen Investoren profitieren, wenn sie diese Zerstörung verhindern helfen. Genau daran arbeitet ein weltweites Netzwerk aus Vereinten Nationen, Unternehmensgruppen, Wissenschaftlern und NGOs seit einigen Jahren. Die einen, weil sie Geld für den Umweltschutz brauchen - die anderen, weil sie Chancen sehen, ihr Kapital zu mehren.

Carajás

Der Bergbaukonzern Vale baut in den Bergen von Carajás Eisenerz ab.

(Foto: Vale)

Die Inventur der Natur ist in vollem Gange, weithin unbemerkt in Deutschland und nur wenig diskutiert. Wildbienen, die Felder bestäuben, oder Mangrovenwälder, die Fischen Lebensraum und den Anwohnern Holz und Hochwasserschutz bieten - ohne Zutun des Menschen vollbringen Ökosysteme enorme Leistungen, für die niemand zahlen muss. Zwei Begriffe stehen für eine Entwicklung, die dabei ist, das Verständnis von Umwelt und deren Schutz grundlegend zu verändern. Man spricht von "Ökosystemdienstleistungen", die Natur wird zum Unternehmen; Bäume, Flüsse und Moore heißen jetzt "Naturkapital" - die marktwirtschaftliche Logik erobert gerade den letzten Raum.

Versuche, die Natur in ökonomische Werte zu übersetzen, gibt es schon länger. Der Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten ist ein Beispiel, bei dem eine maximale Menge an Emissionen festgelegt wird und Industrieunternehmen ihren Anteil daran bezahlen müssen - ein System mit bisher durchwachsenem Erfolg. Auch der Beitrag von bestäubenden Insekten gilt zwar schon lange als wirtschaftlich wichtig. Aber erst in jüngster Zeit haben Organisationen rund um den Globus angefangen, die Leistungen von Bienen, Vögeln oder Flüssen in monetären Werten auszudrücken.

Klima "Wir sind im Begriff, den Regenwald aufzuessen"
Club of Rome

"Wir sind im Begriff, den Regenwald aufzuessen"

Die Denkfabrik Club of Rome warnt vor dem Untergang der tropischen Regenwälder. Klimawandel und industrielle Landwirtschaft führten zu einer gefährlichen Spirale.

Wie viel ist ein intakter Wald wert?

"Eine Ökonomisierung von Ressourcen hatten wir ja schon immer", sagt Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung und prominenteste Kritikerin des Naturkapital-Konzepts in Deutschland. "Aber wir erleben gerade eine völlig neue Welle der Ökonomisierung. Marktinstrumente sollen helfen, den Verlust von Vielfalt und Ökosystemen zu stoppen. Die Natur wird in einzelne Funktionen zerlegt und damit auf Messbares reduziert." Weil aber die Leistungen der Natur in Wirtschaftsprozessen bislang unsichtbar seien, so argumentieren wiederum die Befürworter, müsse man sie erst mal aufzeigen. Erst wenn in Zahlen ausgedrückt ist, wie viel verloren geht, wenn ein Stück Mangrovenwald einer Shrimp-Farm weichen soll, haben die Mangroven nach diesem Verständnis eine Chance. Erst dann wüssten die Menschen, wie viel ihnen intakte Küstenwälder wert sein sollten. "Erfolgreicher Umweltschutz", heißt es im TEEB-Report von 2010, "muss in solider Ökonomie gründen." TEEB ist die englische Abkürzung für "Die Ökonomik von Ökosystemen und biologischer Vielfalt", sie steht für den bisher größten Versuch, weltweit die Leistungen der Natur zu bewerten.

Die Initiative geht zurück auf ein Treffen in Potsdam im Jahr 2007, als die Umweltminister der G8+5-Staaten über den weltweiten Verlust an biologischer Vielfalt berieten. Sie beschlossen, die globalen wirtschaftlichen Vorteile der Biodiversität zu untersuchen, die Kosten ihres Verlusts zu beziffern und zu beantworten, warum der Umweltschutz bisher versagt habe. Versagt, das heißt etwa: Der tropische Regenwald bedeckt heute nur noch die Hälfte der ursprünglichen Fläche, seit der industriellen Revolution wuchs die Weltbevölkerung um das Sechsfache und der Kohlendioxid-Gehalt in der Atmosphäre hat sich mehr als verdoppelt. Das ölverseuchte Niger-Delta oder die riesigen Plastik-Teppiche auf den Ozeanen sind die Spuren dieses Versagens. Ist das also die Rettung: die Natur zu kapitalisieren?

Ökologie Wald ohne Leben
Gummibaum-Plantagen

Wald ohne Leben

Gummibaum-Plantagen wirken sich genauso verheerend auf die Artenvielfalt Südostasiens aus wie die viel diskutierten Monokulturen der Ölpalme. Doch bislang stehen sie kaum in der Kritik.   Von Arne Perras

Pavan Sukhdev ist davon überzeugt. Der 55-Jährige Inder gilt als einer der Wegbereiter des modernen indischen Finanzmarkts. Er hat eine Karriere bei der Deutschen Bank hinter sich, in Singapur und Mumbai arbeitete er als Manager für das Institut, bis das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) ihn zum Sonderbotschafter auserkor und zum Vorsitzenden der TEEB-Projektgruppe machte. Wie kein anderer steht Sukhdev für die Kapitalisierung der Natur. Wer ihm bei einer seiner vielen Reden zuhört, erlebt einen akkuraten Mann in perfekt sitzendem Anzug, rhetorisch klug und mit überzeugenden Argumenten ausgestattet. Wir nutzten die Natur, weil sie für uns von Wert sei, wir schadeten ihr, weil sie kostenlos sei, sagt Sukhdev. Ausgerechnet ein Banker soll also das Versprechen einlösen, dass Wirtschaftswachstum und Umweltschutz miteinander vereinbar seien.