Interview mit Werber Amir Kassaei:"Ich habe am Bahnhof die Klos geputzt"

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SZ: Manche sagen, es ginge Ihnen gar nicht um die Sache. Die Rolle als Enfant terrible der Werbebranche gefällt Ihnen schon, oder?

Kassaei: Fragen Sie mich, ob ich eitel bin? Da haben Sie recht. Wer ist denn nicht eitel? Aber das ist nicht der Punkt. Wenn man etwas verändern will, muss man konsequent sein. Aber bei Veränderungen haben die meisten Angst, aus der Angst heraus entsteht Unverständnis und aus diesem Unverständnis heraus entstehen Vorurteile. Deswegen habe ich bei manchen vielleicht einen schlechten Ruf. Aber es stimmt schon, ich bin natürlich auch nicht der geborene Diplomat.

SZ: Das ist noch milde ausgedrückt.

Kassaei: Ich habe aufgrund meiner Lebensgeschichte eine ganz andere Einstellung und Perspektive als die meisten. Das fängt schon damit an, dass ich es mir schon in sehr jungen Jahren im wahrsten Sinne des Wortes nicht leisten konnte, mir selbst oder anderen etwas vorzumachen. Das prägt.

SZ: Sie waren mal Kindersoldat.

Kassaei: Im Ersten Golfkrieg (Iran-Irak-Krieg; Anm. d. Red.), das stimmt. Ich war dreizehn damals. Nach zwei Jahren bin ich über die türkische Grenze nach Österreich geflüchtet.

SZ: Ganz allein?

Kassaei: Ganz allein. Irgendwann stand ich mitten in Wien, als Fünfzehnjähriger, ohne Geld und ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Da ist keine Zeit für Bullshit-Bingo. Da kann man dann nicht jammern, man ist damit beschäftigt, irgendwie zu überleben. Ich habe die Sprache gelernt, bin zur Schule gegangen und habe nebenher jeden denkbaren Job gemacht, den man in Wien machen kann.

SZ: Zum Beispiel?

Kassaei: Ich habe Schnee geräumt, am Bahnhof die Klos geputzt. Alles, was irgendwie Geld gebracht hat. Das war hart, aber im Nachhinein die beste Schule. Das hat mich souverän gemacht.

SZ: Souverän?

Kassaei: Ich bin nicht korrumpierbar. Viele Leute werden irgendwann Bewahrer und Verteidiger des Alten. Weil sie denken, dass das, was sie aufgebaut haben, das Wichtigste ist, und weil sie Angst haben, es wieder zu verlieren. Ich aber weiß, dass ich meine Familie jederzeit auch anders durchbringen könnte. Ich brauche kein Segelboot und keine Designeranzüge. Alles, was ich seit meinem 15. Lebensjahr erlebe, ist die Kür. Ich sollte eigentlich gar nicht mehr da sein. Mit diesem Wissen geht man anders durchs Leben, souveräner eben.

SZ: Wie war Ihr Kontakt zur Familie damals?

Kassaei: Lange nur telefonisch. Als ich meine Familie das erste Mal wiedergesehen habe, war ich schon 25, da haben sie mich in Wien besucht. Heute ist es immer noch schwierig, die Reise ist für meine Eltern langsam ziemlich anstrengend und ich kann ja nicht runterfahren. Ich darf nicht einreisen.

SZ: Sie können nie mehr zurück?

Kassaei: Solange die politischen Verhältnisse so sind, nein. Ich bin ein Deserteur. Das wäre wirklich keine gute Idee.

SZ: Vermissen Sie Teheran manchmal?

Kassaei: Heimat zu konservieren ist nichts für mich. Ich rotte mich auch nicht zusammen mit anderen Iranern, wie andere das machen. Integration ist meiner Meinung nach Bringschuld und nicht Holschuld. Ich habe keine Heimatgefühle für den Iran. Wenn ich mich festlegen müsste, würde ich sagen: Ich fühle mich als Österreicher. Aber wenn sich die Dinge ändern, wer weiß? Man sagt, je älter man wird, desto größer wird die Sehnsucht nach den Wurzeln.

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