Interview mit Wekselberg "Geld ist in Russland nicht das Wichtigste"

Viktor Wekselberg ist einer der mächtigsten Oligarchen Russlands. Ein Gespräch über das "russische Silicon Valley" und die Probleme seines Landes mit Korruption.

Interview: H. Beitzer und O. Bilger

Er soll Russlands Wirtschaft in Richtung Moderne steuern: Viktor Wekselberg, 53, Gründer und Besitzer der Renova Holding und Leiter des geplanten Innovationszentrums Skolkowo vor den Toren Moskaus. Skolkowo soll Russlands Wirtschaft in den kommenden Jahren auf Weltniveau bringen. Der Milliardär Wekselberg, einer der reichsten Männer Russlands, wirbt um Unterstützung für die Skolkowo-Stiftung, die Russland mit Hilfe ausländischer Expertise in eine High-Tech-Nation verwandeln soll. In Skolkowo plant die Regierung eine Art Oase zur Förderung von Start-ups und Forschung inmitten der rückständigen russischen Wirtschaft: ohne Korruption, mit wenig Bürokratie und einem freien Meinungsaustausch, dazu soll es Steuer- und Zollerleichterungen geben. Im SZ-Interview spricht Wekselberg über den langen Weg Russlands zum freien Wettbewerb.

Russlands Milliardär Viktor Wekselberg ist Leiter des geplanten Innovationszentrums Skolkowo vor den Toren Moskaus.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

SZ: Herr Wekselberg, wenn es um die Zukunft der russischen Wirtschaft geht, geht es seit kurzer Zeit immer auch um den Namen Skolkowo, eine Art russisches "Silicon Valley".

Wekselberg: Ich bitte Sie! Das ist, als würde man einen Elefanten mit einer Mücke vergleichen. Wir versuchen nicht, den Erfolg von Silicon Valley zu wiederholen. Das ist überhaupt nicht möglich. Das Silicon Valley hat sich innerhalb von 50, 60 Jahren entwickelt. So viel Zeit haben wir in Russland nicht, um die Wirtschaft zu modernisieren.

SZ: Ist die russische Wirtschaft überhaupt bereit für eine radikale Modernisierung, wie sie die Regierung verlangt?

Wekselberg: Ob sie heute schon dafür bereit ist? Die Antwort lautet nein. Ob sie bald bereit sein sollte? Ja! Dafür gibt es Skolkowo. Skolkowo kann nur ein Anfang sein. Wir können nicht die ganze russische Wirtschaft auf einmal modernisieren. Dieser Prozess dauert lange.

SZ: Skolkowo ist also ein Startschuss für weitere Projekte?

Wekselberg: Genau, es soll irgendwann mehr Innovationszentren in Russland geben, vielleicht fünf, vielleicht zehn. Aber in Skolkowo wollen wir beginnen und uns mit bestehenden Problemen beschäftigen und in einem kleinen Rahmen ausprobieren, wie wir Schwierigkeiten lösen können. Ein Problem ist zum Beispiel, dass viele junge Fachkräfte Russland verlassen.

SZ: Wie könnte man für diese jungen Leistungsträger ihr Heimatland attraktiver gestalten?

Wekselberg: Für kleine Unternehmen und Start-ups ist es in Russland besonders schwierig, sie stoßen auf viele Hindernisse: die Bürokratie, die Korruption. Wir in Skolkowo wollen sie beschützen. Wir sagen: Ihr seid klug, ihr habt eine Idee - verwirklicht sie. Um den Rest kümmern wir uns.

SZ: Kann eine solche von oben gelenkte Modernisierung überhaupt funktionieren? Braucht Innovation nicht einen freien Markt und Wettbewerb?

Wekselberg: Das ist richtig. Aber zunächst muss es eine kritische Masse an Start-ups geben. Das ist in Russland noch nicht der Fall. Wir wollen nicht irgendwelchen Unternehmern Geld geben. Wir wollen zukunftsweisende Unternehmen auswählen. Dafür brauchen wir unbedingt auch ausländisches Fachwissen. In unserer Stiftung ist jede Führungsposition doppelt besetzt - mit einem Russen und einem ausländischen Experten.

SZ: Wie können die ausländischen Partner von dem Projekt profitieren?

Wekselberg: Ausländische Investoren können Teilhaber einer Firma werden, die von uns gefördert wird. Sie können auch 100 Prozent an einem Start-up halten, allerdings sollte dieses in Russland registriert sein und dort Steuern zahlen. Wir wollen kein Geld ins Ausland vergeben. Skolkowo soll auch kein Projekt vornehmlich für große Firmen wie Siemens werden, selbst wenn diese eine wichtige Rolle spielen, indem sie ihr technologisches Wissen einbringen. Der Fokus liegt zum einen auf der Forschung, zum anderen auf den Start-ups. Sie werden nur bis zu einer bestimmten Größe gefördert, bis sie unsere Unterstützung nicht mehr benötigen. Wir wollen eine Brücke zwischen Forschung und Wirtschaft sein.

SZ: Bis jetzt existiert die Idee von Skolkowo überwiegend auf dem Papier. Wie sieht der konkrete Zeitplan für das Projekt aus?

Wekselberg: Das Projekt hat mit der Gründung unserer Stiftung im Mai begonnen und ist bereits weit fortgeschritten. Wir haben ein Regelwerk über die Struktur der Stiftung entworfen und haben auch die Personen ausgewählt, die die verschiedenen Positionen innehaben. Darüber hinaus hat das Ausschreibungsverfahren für die Bauarbeiten begonnen. Im Dezember wollen wir den Namen des Gewinners unter den sechs internationalen Bewerbern, die in einer ersten Auswahlrunde weitergekommen waren, bekannt geben.

SZ: Wie viel investiert die russische Regierung in Skolkowo?

Wekselberg: Sie sprechen von Geld?

SZ: Natürlich.

Wekselberg: Geld ist in Russland gar nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist, dass die Regierung, vor allem Präsident Dmitrij Medwedjew, das Projekt unterstützt. Er hat Skolkowo zu seiner obersten Priorität gemacht. Ohne diese Unterstützung würde es nicht funktionieren. Aber Geld gibt es natürlich auch. Die Regierung hat uns drei Milliarden Euro in vier Jahren zugesagt. Das wird etwa die Hälfte des Projekts finanzieren.

SZ: Wie werben Sie um Investoren, die wenig Vertrauen in den russischen Markt haben? Immerhin birgt er viele bekannte Risiken: Korruption, Bürokratie, wenig Rechtssicherheit.

Wekselberg: Ok. Jeder weiß, dass es in Russland Korruption und eine unglaubliche Bürokratie gibt. Aber wir wollen wirklich etwas daran ändern. Das ist schwierig. Es ist ein langer Prozess. Aber Skolkowo ist ein Anfang. Langfristig hilft es aber nichts, wenn wir immer nur Versprechungen machen. Wir müssen den Investoren etwas bieten und Vertrauen schaffen. Wir müssen zeigen, dass wir das liefern, was wir versprechen.