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Interview mit VDA-Präsident Wissmann:"Die Politik ist gefordert"

Es geht aufwärts: Verbandspräsident Matthias Wissmann sieht die deutsche Autoindustrie auf dem Weg der Erholung. Für das Zukunftsprojekt Elektroauto pocht der VDA-Chef auf klare Zusagen.

Vor ein paar Monaten noch Weltuntergangsstimmung, heute schon wieder Optimismus pur: Die deutsche Automobilindustrie hat sich schneller von ihrem Horrorjahr 2009 erholt, als die meisten dachten. Großer Treiber des Wachstums aber, so Matthias Wissmann, Chef des Automobilverbandes VDA, wird das Ausland sein.

VDA-Präsident Matthias Wissmann hält es für strategisch richitg, dass die deutschen Autobauer China anpeilen. Allerdings könnte sich das Wachstum dort demnächst abschwächen. Auch Regionen wie Indien würden wieder wachsen, sagt er.

(Foto: ag.ap)

Süddeutsche Zeitung: Herr Wissmann, noch vor ein paar Monaten war in der Autobranche Weltuntergangsstimmung. Jetzt sprechen die Autobauer vom Ende der Kurzarbeit, ausgelasteten Fabriken, Überstunden am Wochenende und aufgeschobenen Sommerferien. Ist das schon das Ende der Krise?

Matthias Wissmann: Tatsächlich hat sich die deutsche Automobilindustrie schneller erholt, als wir das erwartet hatten. In den ersten fünf Monaten ist die Pkw-Inlandsproduktion um 26 Prozent gestiegen, der Export sogar um fast 50 Prozent - das ist, verglichen mit der Stimmung und den Zahlen von vor einem Jahr, ein schöner Erfolg.

SZ: Aber den Aufschwung haben wir vor allem ausländischen Märkten zu verdanken.

Wissmann: In der Tat, drei von vier Autos, die wir hierzulande produzieren, gehen in den Export. Der chinesische Automarkt hat in den ersten fünf Monaten um 57 Prozent zugelegt, der US-amerikanische um 17 Prozent. Und China und die USA spielen - neben dem europäischen Markt - nun mal die größte Rolle.

SZ: Ist es nicht riskant, ganz auf den chinesischen Autoboom zu setzen?

Wissmann: Natürlich wird China solch hohe Wachstumsraten nicht in den nächsten Jahren aufweisen können. Der Markt wird sich abkühlen. Aber China hat heute über 20 Fahrzeuge auf 1000 Einwohner, Deutschland 500 auf 1000 Einwohner. Selbst wenn China nicht mehr so stark wächst wie in den vergangenen anderthalb Jahren - es ist strategisch richtig, dass wir hier unseren Schwerpunkt legen.

SZ: Deshalb verlagern die deutschen Hersteller immer mehr ihrer Produktion nach China ...

Wissmann: Es geht nicht um Verlagerung, sondern um zusätzliches Wachstum. Wir haben 2009 in China 1,5 Millionen Autos verkauft, davon kamen über 300000 als Exporte aus Deutschland. Aber klar ist, dass wir mit unserer Produktion den Märkten folgen. Das heißt aber keineswegs, dass Arbeitsplätze abwandern, sondern nur, dass neue Arbeitsplätze in den Zukunftsmärkten entstehen.

Erfahren Sie auf der nächsten Seite, wann es Matthias Wissmann zufolge mit den Neuzulassungen wieder bergauf geht.

SZ: Werden wir Ende 2010 sagen können, dass wir eine nachhaltige Erholung in der Autoindustrie gesehen haben?

Wissmann: Wir haben noch keineswegs alle Probleme überwunden. Aber wir sind dabei. Vor allem der Premiumsektor, bei dem wir einen weltweiten Marktanteil von 80 Prozent haben, erholt sich derzeit. Insgesamt werden wir 2010 bei der Pkw-Inlandsproduktion und beim Export ein zweistelliges Wachstum sehen. Allerdings erwarte ich für das zweite Halbjahr 2010 geringere Wachstumsraten als im ersten Halbjahr, weil es in vielen Ländern keine staatlichen Anreizprogramme mehr gibt.

SZ: In Deutschland brachen die Neuzulassungen zuletzt um 35 Prozent ein. Wann geht es hier wieder bergauf?

Wissmann: Der deutsche Markt normalisiert sich 2010. Er wird zwischen 2,75 und 3,0 Millionen Pkw-Neuzulassungen liegen. Das hohe Volumen von 2009 - damals waren es 3,8 Millionen Neuwagen - hatte mit der Umweltprämie zu tun. Viele Kunden hatten ihren Autokauf vorgezogen. Im Durchschnitt beider Jahre sind das 3,3 Millionen Fahrzeuge - ein durchaus respektables Ergebnis, wenn man bedenkt, dass sich der gesättigte Inlandsmarkt mittelfristig bei etwa drei Millionen Neuwagen einpendeln dürfte.

SZ: Man wird also in Zukunft noch mehr als früher auf die Wachstumsmärkte setzen müssen.

Wissmann: Ja, aber es ist keineswegs so, dass wir mit China alles auf eine Karte setzen. Wir konzentrieren uns auch auf andere Regionen wie Lateinamerika oder Indien. Auch die USA werden sich, wenn es keinen weiteren "Tornado" an den Finanzmärkten gibt, 2011 weiter erholen.

SZ: Wie groß ist denn das Risiko, dass es zu Rückschlägen an den Finanzmärkten kommt?

Wissmann: Das Risiko ist da, und wir müssen die Lage genau beobachten. Keine Industrie ist so sehr auf stabile Rahmenbedingungen angewiesen wie unsere. Das liegt allein schon daran, dass für die meisten Menschen der Autokauf - gleich nach der Immobilie - die wichtigste und größte Anschaffung in ihrem Leben ist. Um weitere Wirtschaftskrisen zu vermeiden, wäre uns auch eine klare internationale Finanzmarktregulierung mit eindeutigen Transparenzregeln als Ergebnis der G-20-Gespräche sehr wichtig. Außerdem ist es entscheidend, dass die Rohstoff- und Energiepreise keine größeren Kapriolen schlagen - auch da gibt es einen Grund zur Sorge. Drittens benötigen wir stabile Wechselkurse. Ein großes Auf und Ab können wir hier nicht brauchen. Mit einem Verhältnis von etwa 1,20 Dollar je Euro aber können wir gut leben.

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SZ: Wie sehen Sie die Ankündigung der chinesischen Regierung, ihre Währung Yuan aufzuwerten? Profitieren wir davon?

Wissmann: Wir gehen davon aus, dass die Chinesen ihre Währung nur sehr langsam aufwerten werden. Auch damit kommen wir zurecht.

SZ: Anfang Mai wurde in Berlin die "Nationale Plattform Elektromobilität" ins Leben gerufen - eine Initiative von Autoherstellern, Energieversorgern und Politikvertretern, mit der das Elektroauto in Deutschland gefördert werden soll. Wie laufen die Gespräche?

Wissmann: Die sieben Arbeitsgruppen arbeiten sehr intensiv. Wir sehen einen sehr engen Schulterschluss zwischen Politik und Wirtschaft. Und wir hoffen, dass die Regierung schon in ihrem Haushaltskonzept für 2011 und für die mittelfristige Finanzplanung bis 2014 Konsequenzen aus diesem Schulterschluss zieht und eine Fortschreibung des Nationalen Entwicklungsplans Elektromobilität über 2011 hinaus ins Auge fasst.

SZ: Konkrete Hilfszusagen hat die Regierung bislang aber nicht gegeben - glauben Sie denn wirklich, dass die in Zeiten großer Sparprogramme noch kommen werden?

Wissmann: Wir wollen keinen Subventionswettlauf, aber eine zukunftsorientierte Forschungspolitik auch für die Entwicklung alternativer Antriebe. Den Löwenanteil der Forschungsentwicklung wird ja die Industrie selbst stemmen. Das sehen Sie daran, dass die deutsche Automobilindustrie in den nächsten drei bis vier Jahren zehn bis zwölf Milliarden Euro für die Entwicklung alternativer Antriebe in die Hand nimmt. Aber auch die Politik ist gefordert - und darüber brauchen wir Klarheit.

SZ: Gibt es denn erste Signale?

Wissmann: Mein Eindruck ist, dass die Ministerien willens sind, sich an der Entwicklung zu beteiligen. Das ist wichtig für unsere weitere Arbeit.

SZ: Es geht bei der Nationalen Plattform um Geld, aber längst nicht nur.

Wissmann: Wichtig ist, dass wir bei Normung, Zertifizierung und Standardisierung in Europa vorankommen. Wir brauchen einen Forschungsrahmen, in dem Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zusammenarbeiten. Das muss von der Außenwirtschaftspolitik begleitet werden. Denn viele Rohstoffe wie Seltene Erden oder Lithium, die wir für die Elektromobilität benötigen, sind rar und liegen an wenigen Orten der Erde. Wir brauchen Zugang zu diesen Rohstoffen. Wenn sich hier die betroffenen Länder mit Exportrestriktionen wirtschaftspolitisch abschotten, haben wir ein Problem.