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Interview mit Claus Hipp:"Älterwerden ist eine gerechte Sache"

Auch im besten Rentenalter ist der Familienunternehmer Claus Hipp noch gut beschäftigt: Der 71-Jährige über den Konflikt der Generationen und den Reiz von Spielbanken.

Claus Hipp hat zum Interview ins georgische Konsulat in München gebeten. Mehrmals in der Woche ist der Unternehmer hier zu finden, denn er ist Generalkonsul des osteuropäischen Landes. Das ist nur einer seiner vielen Nebenjobs. Ansonsten sieht er vielleicht gerade in Pfaffenhofen in der Babybrei-Produktion nach dem Rechten oder unterrichtet an der Universität in Tiflis Wirtschaftswissenschaften oder Malerei - der 71-Jährige ist ein vielbeschäftigter Mann. Gegen Mittag erwartet man ihn bereits in der Münchner Kunstakademie, am Abend dann in der Schweiz. Er hat eine Stunde Zeit.

Babynahrungshersteller Hipp

Eigentlich wäre er gern Maler oder Schauspieler geworden. Aber Claus Hipp übernahm dann doch die Geschäftsleitung des Babykostherstellers und verhalf Hipp zu weiterem Wachstum.

(Foto: ag.dpa)

SZ: Herr Hipp, besitzen Sie immer noch keine Aktien?

Hipp: Ich habe keine Ahnung vom Aktienmarkt. Mein Geld steckt in der Firma. Das Unternehmen selbst hat einen geringen Teil in Aktien angelegt für die Betriebsrenten. Wie viel genau, weiß ich nicht. Ich selbst spekuliere nicht.

SZ: Ist Spekulieren unanständig?

Hipp: Das soll jeder machen, wie er will. Ist es unanständig, in die Spielbank zu gehen?

SZ: Sicher nicht. Würden Sie in die Spielbank gehen?

Hipp: Nein.

SZ: Warum nicht?

Hipp: Sie können dort auf Schwarz und auf Rot setzen. Dann gibt es noch die Null. Rechnerisch werden Sie immer mit weniger Geld rausgehen, als Sie reingegangen sind. Die Gewinnchance liegt unter 50 Prozent. Genauso ist das beim Spekulieren. Es wurden Dinge versprochen, die nicht realistisch waren. Das haben wir ja jetzt in der Bankenmisere erlebt. Wenn eine Bretterhütte in Amerika mit einer hohen Hypothek beliehen wird, dann stimmt etwas nicht.

SZ: Wirtschaften wie im Spielkasino -, sind die Banken an allem schuld?

Hipp: Es kommt darauf an. Wir brauchen die Banken. Aber wenn Chance und Risiko nicht mehr in einem vernünftigen Verhältnis stehen, nähern wir uns Verhältnissen wie in einer Spielbank. Wer das will, der kann das machen. Ich mache das nicht.

SZ: Sie unterrichten Wirtschaftswissenschaften in Tiflis. Bringen Sie das auch Ihren Studenten in Georgien bei?

Hipp: Ich will vermitteln, dass es für einen Unternehmer nicht nur darum geht, möglichst schnell viel Geld zu machen. Er muss langfristig erfolgreich sein.

SZ: Ist das nicht selbstverständlich?

Hipp: Dort nicht. Die Eltern meiner Studenten sind im Kommunismus groß geworden. Nun erleben die Kinder, dass einige wenige in ihrem Land sehr schnell sehr reich werden. Diesen zweifelhaften Vorbildern muss man was entgegensetzen. Wir werden später nicht daran gemessen, wie viel Geld wir im Leben angehäuft haben. Sondern daran, was wir mit dem Geld gemacht haben.

SZ: Ihr Vater hat die Firma Hipp gegründet. Sie führen das Familienunternehmen weiter. Sie hatten es doch relativ leicht, oder?

Hipp: Es ist sicher ein Vorteil, aus einer Unternehmertradition heraus zu kommen. Es macht einen Unterschied, ob Kinder im Unternehmen groß werden und in eine Aufgabe hineinwachsen, oder ob jemand sich mit den Ellenbogen eine Position erkämpfen muss. Andererseits trägt man schon früh große Verantwortung.

SZ: Sind Sie streng erzogen worden?

Hipp: Mein Vater war sehr streng. Aber er war auch ein musischer, kunstinteressierter Mensch. Sein erstes Geld hat er mit Malen verdient. Als 14-Jähriger hat er schon im Münchner Glaspalast ausgestellt. Später hat er auch mir das Malen beigebracht.

SZ: Sie haben in Ihrer Jugend als Stuntman gearbeitet. Eine Rebellion gegen das strenge Elternhaus?

Hipp: Nein, ich war ein begeisterter Reiter. Ich kam ja aus der Landwirtschaft und konnte gut mit Pferden umgehen. Als Schüler und Student hatte ich immer wieder Rollen beim Film. Das habe ich wahnsinnig gern gemacht. Dafür habe ich dann auch noch Geld gekriegt. Das war eine herrliche Sache.

SZ: Was war Ihre Aufgabe?

Hipp: Zum Beispiel habe ich im Film "Gustav Adolfs Page" Curd Jürgens gedoubelt. Meine Aufgabe war es, für ihn vom Pferd zu stürzen. Ich habe über solche Rollen auch Lilo Pulver und Heinz Rühmann kennengelernt. Das war eine spannende Zeit für mich.

SZ: Sie haben sich dann doch für das Familienunternehmen entschieden. Das Geschäft von Hipp dreht sich um den Anfang des Lebens. Haben Sie Angst vorm Älterwerden?

Hipp: Älterwerden ist eine gerechte Sache. Älter wird jeder, das gehört zum Leben dazu. Angst habe ich nicht davor.

SZ: Woran liegt es, dass unsere Gesellschaft mit Alten längst nicht so fürsorglich umgeht wie mit Kindern?

Hipp: Unserer Gesellschaft fehlt ein vernünftiges und gutes Verhältnis zum Ende und zum Beginn des Lebens. Ich hoffe sehr, dass es uns gelingt, dies zu entwickeln. Unser Problem ist der starke Geburtenrückgang. Jede Generation wird ein Drittel weniger Kinder haben. Wir werden uns also zwangsläufig besser um die Alten kümmern müssen.

SZ: Wie kann das gehen, wenn es immer weniger gibt, die sie versorgen?

Hipp: Die Lebensarbeitszeit muss länger werden. Wir werden zwar auch immer einen Teil an Menschen haben, der nicht mehr in der Lage ist zu arbeiten. Aber es wird dank der besseren medizinischen Versorgung auch mehr Ältere geben, die noch arbeitsfähig und willig sind. Ihnen muss man eine Chance geben. Das allein wird aber nicht genügen, weil Arbeitskräfte fehlen. Ich bin überzeugt, dass wir in Deutschland unseren Lebensstandard nur durch Zuwanderung halten können.

SZ: Genau davor haben viele Deutsche Angst. Sie fürchten eine Überfremdung, und das führt zu Konflikten.

Hipp: Es gibt keine Alternativen, solange die Geburtenrate nicht steigt. Danach sieht es aber nicht aus. Außerdem: Deutschland war schon immer ein Einwanderungsland, das zeigt die Geschichte. Denken Sie nur an die Bajuwaren, die aus dem Böhmischen eingewandert sind. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine Einwanderungswelle. Wir sollten keine übertriebene Angst haben.