Interview mit Tom Lamberty "Die Linken müssen wegkommen von dem Bäh-ekelhaft-Ding"

Tom Lamberty arbeitet für einen Technikkonzern und ist auch noch Geschäftsführer des Merve-Verlags.

(Foto: Regina Schmeken)

Tom Lamberty arbeitet für einen Technikkonzern und ist Chef des linken Kult-Verlags Merve. Im Interview spricht er über wilde Zeiten in Westberlin und das Gute am digitalen Kapitalismus.

Von Alexander Hagelüken und Jan Willmroth

Das waren wilde Zeiten, damals in Westberlin vor der Wende. Man hörte New Wave und Punk, viele nahmen Heroin, später wummerte Techno in den Clubs, als die Mauer gefallen war. Irgendwo mittendrin bewegte sich Tom Lamberty, beteiligte sich an Projekten der alternativen Szene, las philosophische Bücher und brachte sich nebenher bei, was man mit Computern alles anstellen kann. "Ich hab damals nix gemacht, außer zu lesen, an die Uni zu gehen, ohne eingeschrieben zu sein, und zu programmieren", erzählt er.

Heute führt er den linken Verlag Merve, der schon Werke wie "Tausend Plateaus" von Gilles Deleuze und Felix Guattari verlegte, Meilensteine der Theorie im 20. Jahrhundert. Schon oft hat er sich gefragt, wie der Verlag so lange überleben konnte. "Meistens denke ich: Was machst du hier? Du reißt dir den Arsch auf und verkaufst 500 Exemplare von 'nem Buch. Wir sind ja froh, wenn wir vierstellige Auflagen haben", sagt er. Zwanzig Stunden pro Woche gehen zusätzlich drauf, wenn er an Büchern arbeitet. Trotzdem läuft es immer noch, irgendwie, mit Übersetzern, die kaum etwas verdienen, mit Autoren, die schlecht bezahlt werden. Lamberty nennt den Verlag ein "Selbstausbeutungsunternehmen".

Die Linken müssten ihre Haltung zum digitalen Kapitalismus ändern, sagt Lamberty

Deshalb könnte er selbst auch nicht davon leben. Ende der Achtziger hatte er die ersten Programmier-Jobs, daraus wurde sein Beruf, heute arbeitet er in der Personalentwicklung beim US-Technikkonzern Cisco und lebt in Naumburg an der Saale, im Herzen des digitalen Kapitalismus. Wie passt das zu linker Theorie? "Die Linken müssen endlich mal wegkommen von dem Bäh-ekelhaft-Ding und sich überlegen, welche Möglichkeiten das alles bietet", sagt Lamberty. "Digitale Technologie ist erst einmal kein Manipulationsapparat." Und der Silicon-Valley-Kapitalismus sei doch gar nicht so böse, wie alle immer sagten.

Dabei böte er genug Stoff, um sich heute noch ideologisch zu beharken. Das passiere aber kaum mehr, findet Lamberty. In den Achtzigern, was wurde da noch über Theorie gestritten! "Früher hatte man den Glauben an eine wahrere Wahrheit", sagt er. "Das ist den Leuten komplett abhandengekommen. Alles ist relativ. Es gibt keine Haltungen mehr." Wobei... Ändert sich das nicht gerade wieder?

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