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Film "Was bin ich wert?":Zynismus oder Transparenz?

Das Gesundheitssystem billigt einem kranken Mensch also nur eine begrenzte Summe zur Wiederherstellung seine Gesundheit zu.

Was ist ein gesundes Lebensjahr in Großbritannien wert?

Zwischen 20000 und 30000 Pfund. Multipliziert man die Zahl mit der jeweils noch vorhandenen Lebenserwartung, ergibt sich der Wert des Restlebens. In Schweden soll ein ähnliches System eingeführt werden und einzelne Elemente wohl auch in Deutschland.

Ist das ökonomischer Zynismus? Oder nur Transparenz für etwas, was es eh schon überall gibt?

Auch bei uns wird natürlich mit Budgets gearbeitet, oft aber ist unklar, wann die greifen. Hier sagt man vielleicht einem 75-Jährigen im Krankenhaus: "Die Hüftoperation wirst Du wahrscheinlich nicht überleben. Lass das mal lieber." Tatsächlich steckt - womöglich - der Gedanke dahinter: Du bist 75, ökonomisch ist es nicht mehr sinnvoll, Dich zu operieren. So gesehen ist das System in Großbritannien in seiner Transparenz ehrlicher. Gleichzeitig gelangt man aber in einen Bereich, der komplett irrsinnig ist.

Warum irrsinnig?

Weil in England nicht nur der Wert eines Lebensjahres berechnet wird, sondern mit statistischen Methoden auch die Lebensqualität definiert wird - unabhängig davon, wie es einer Person tatsächlich geht. Da steht man dann plötzlich vor Fragen wie: Können Lebensjahre eines Menschen mit Behinderung noch mit der höchsten Summe bewertet werden? Oder wird allein schon für die Behinderung ein Zwangsabschlag vorgenommen?

Wer antwortet auf solche Fragen?

In Großbritannien das National Institute for Health and Care Excellence, ein Institut, das sich in Deutschland am ehesten mit dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitsweisen vergleichen ließe. Dem geht es aber nicht um einzelne Fälle, sondern es schafft etwa über Umfragen die Grundlage für solche Entscheidungen. Man befragt zum Beispiel 5000 Menschen mit Brustkrebs, wie sie ihre Lebensqualität bewerten und legt anschließend für eine solche Krankheit Parameter fest. Nur diese Statistiken zählen dann, nicht aber, wie die tatsächlich Betroffenen ihre Situation selbst einschätzen. Die Konsequenz: Der Patient kann noch so zufrieden mit seinem Leben sein - im Extremfall bestimmt die Statistik, ob er weiterleben darf.

Was sagen die Patienten, denen eine wichtige Operation verweigert wurde, selbst dazu?

Es war überraschend schwierig, welche zu sprechen: Es ist uns in der Zeit dort nicht gelungen. Wir hatten es über drei Patientenorganisationen probiert, doch die wehrten ab. Möglicherweise wollen die sich nicht gegen die staatliche Gesundheitspolitik stellen, weil sie befürchten, dass das für ihre Verbände später Nachteile haben könnte.

Gibt es eine Berechnungsmethode, die Ihnen mehr zugesagt hat als die britische?

Am meisten beeindruckt hat mich das sogenannte Modell vom Wert eines statistischen Lebens, weil dort die Menschen - anders als in Großbritannien - im Grunde selbst ihren Wert schätzen. Es ist absurd spekulativ und zugleich unheimlich simpel. Es wurde von dem US-Ökonomen Kip Viscusi entwickelt und wird vor allem in den Vereinigten Staaten eingesetzt.

Wie funktioniert das?

Ein vereinfachtes Beispiel: Man bittet Leute, sich vorzustellen, dass sie einer von 10000 Menschen in einem Fußballstadion wären. Bis zum Ende des Spiels werde einer sterben, jeden könne es treffen. Die Frage an sie ist dann: "Wie viel würden sie zahlen, um nicht dieser eine zu sein?" Im ersten Moment sagen dann die meisten: "Alles". Dann denken die Leute kurz nach und korrigieren sich: "Nicht alles" - weil das Risiko ja gar nicht so groß ist - "aber beispielsweise 500 Euro". Wenn diese Summe jeder der 10.000 nennen würde, läge der Wert eines Lebens rechnerisch bei fünf Millionen Euro.

Ist dieses Methode weit verbreitet?

Sie ist überaus populär, in den Vereinigten Staaten müssen viele Organisationen mit ihr arbeiten. Etwa wenn es darum geht, Neuerungen im Verkehr einzuführen, die einerseits Leben retten, andererseits viel Geld kosten.

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