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Interview mit Noam Chomsky:"Die Bundesrepublik war sozialistischer als die DDR"

Geriet einst ins Visier der CIA: der Intellektuelle Noam Chomsky.

(Foto: AFP)

Der Kapitalismuskritiker Noam Chomsky mag Clinton nicht und Trump noch viel weniger. Im Interview erklärt er, warum Trump dennoch viele wählen - und Staatsunternehmen eine gute Idee wären.

Wenn man die Wirkungsstätte eines bedeutenden Links-Intellektuellen ohne jeden weiteren Hinweis zeichnen müsste - es käme wohl so etwas heraus wie das Büro von Noam Chomsky: Der Schreibtisch verschwindet unter Türmen von Büchern, die die Sicht nach draußen versperren und kaum Platz für ein Notizbuch oder einen Laptop lassen. Ein paar dürre Pflanzen recken sich in ihrem Überlebenskampf zum knappen Tageslicht, auf dem Sideboard stehen ein großes Schwarz-Weiß-Foto des britischen Philosophen Bertrand Russell und ein Mitgliedsausweis der Industrial Workers of the World, einer ebenso elitären wie radikalen internationalen Arbeiter-Gewerkschaft. "Krieg ist ein Schwindel. Einige wenige profitieren - die große Mehrheit zahlt", steht in knallgelber Schrift auf einem leuchtend roten Schild an der Wand.

Noam Chomsky, 87, ist nicht nur ein bedeutender, sondern nach Meinung vieler der bedeutendste lebende Intellektuelle der Welt. Mit seiner Theorie, dass die Aneignung von Sprache weniger auf einem Lernprozess als auf der Entfaltung angeborener Fähigkeiten beruht, revolutionierte er Ende der 1950er Jahre die Linguistik. Später machte er sich als radikaler Gegner der US-Außenpolitik und Kapitalismuskritiker einen Namen. Außerdem entwickelte er das sogenannte Propagandamodell, das belegen soll, wie Interessengruppen unter Zuhilfenahme der Massenmedien Einfluss auf demokratische Gesellschaften ausüben.

Zum Interview empfängt er in seinem Büro im renommierten Massachusetts Institute of Technologie vor den Toren Bostons, wo er trotz seines fortgeschrittenen Alters noch fast jeden Tag auftaucht. Der Wollpullover ist ein wenig aus der Form geraten, die Jeans sind ausgebeult. Seine intellektuelle Schärfe aber ist ungetrübt: Chomsky, 1928 als Sohn ukrainischer Auswanderer in Philadelphia geboren, spricht leise, aber bestimmt und geht keiner Frage aus dem Weg.

Sein liebster Zankapfel ist der Neoliberalismus. Jenes Konstrukt aus Steuersenkungen, Deregulierung der Finanzindustrie und Liberalisierung des Arbeitsmarkts, das unter den Präsidenten Ronald Reagan und Bill Clinton einen lang anhaltenden Wirtschaftsaufschwung in Gang setzte, aber auch die Spekulationsblase schuf, die dann 2008 mit lautem Knall zerplatzte.

Als Alternative schlägt er eine Staatswirtschaft mit öffentlichen, von Vertretern der Zivilgesellschaft geführten Unternehmen vor. Den Einwand, dieses sozialistische Experiment sei schon einmal in der DDR krachend gescheitert, wischt er vom Tisch: "Was in der DDR passierte, hatte nicht im Entferntesten etwas mit Sozialismus zu tun", sagt er. "Sogar die Bundesrepublik war sozialistischer als die DDR."

Wenig Freude bereitet dem Regierungskritiker, der einst ins Visier des Geheimdiensts CIA geriet, auch der laufende US-Präsidentschaftswahlkampf. Von Hillary Clinton hält er wenig - von Donald Trump gar nichts. Clinton sei bei vielen Menschen regelrecht verhasst, so Chomsky. "Das Problem ist nur: Alles, was sie an Clinton hassen, ist bei Trump noch schlimmer."

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