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Interview:"Ich habe riesengroßen Respekt vor Covid"

Adlon Kongress 2020, Illustration: Stefan Dimitrov

Illustration: Stefan Dimitrov

Die Ärztin und Firmengründerin Saskia Biskup spricht über ihre eigene Corona-Erkrankung, Impfen im Selbstversuch und über ihren ganz persönlichen Helden

Von Elisabeth Dostert und Claudia Henzler

Der Weg zu Saskia Biskup, 48, führt vorbei an der Corona-Teststation auf dem Parkplatz vor dem Firmensitz in Tübingen. Rot-weißes Flatterband markiert Flächen und Wege. Es ist Vormittag, noch ist niemand da, die Teststation öffnet erst am frühen Nachmittag. Hunderte von Tests machen sie täglich. Saskia Biskup, Ärztin und Humangenetikerin, führt die Besucher in ihre Praxis im zweiten Stock des hellen Betonbaus. Mit ihrem Mann Dirk Biskup hat sie mehrere Firmen gegründet mit insgesamt 230 Mitarbeitern. Immer geht es um die Gendiagnostik.

Saskia Biskup: Sie können die Masken abnehmen. Ich hatte schon Covid.

Müssen Sie nicht mehr getestet werden?

Doch. Ich teste mich alle vier Wochen auf Antikörper und alle zwei bis drei Monate auf T-Zellen. Es weiß ja kein Mensch, wie lange die Immunität nach einer Infektion anhält.

Saskia Biskup

Saskia Biskup ist Ärztin, Humangenetikerin, Gründerin, unter anderem von Cegat.

(Foto: oh)

Wo haben Sie sich mit dem Coronavirus angesteckt?

Bei meinem Mann Mitte März.

Wo hat der sich angesteckt?

Wir waren auf vielen Veranstaltungen, auch bei der IHK mit mehr als 200 Teilnehmern. Damals glaubte hier in Tübingen noch keiner, dass uns die Sache mal um die Ohren fliegt. Wir hatten so viele Kontakte, dass das Gesundheitsamt überfordert war. Wir haben dann selbst die Leute angerufen und in Quarantäne geschickt.

Wie schwer waren Ihre Symptome?

Ich hatte einen Abend extrem schlimme Kopf- und Gliederschmerzen wie ich sie noch nie hatte. Ich war gefühlt vier Stunden in einem Delirium. Ich habe alle halbe Stunde Fieber gemessen, aber ich hatte keines. Ich konnte nicht aufstehen. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich habe kein Schmerzmittel genommen, weil ich die Symptome nicht kaschieren wollte. Am nächsten Tag war es wie weggeblasen. Aber ich hatte wahnsinnige Angst vor der zweiten Woche.

Weshalb?

Bei manchen Menschen führen die Überreaktionen des Immunsystems dazu, dass sie ganz schnell auf der Intensivstation landen. Aber ich hatte keine Symptome mehr.

Leiden Sie noch unter Spätfolgen?

Nein. Ich mache mehr Sport als vorher und fühle mich fit. Ich weiß aber, dass es Spätfolgen geben kann.

Was haben Sie aus Ihrer eigenen Erkrankung gelernt?

Ich habe riesengroßen Respekt vor Covid. Einiges wissen wir schon. Und die Impfstoffentwicklung kommt voran. Aber es gibt auch noch viele Fragen. Welche Form der Immunität wird durch die Infektion generiert. Die Genetik scheint eine große Rolle zu spielen. Es gibt ja auch bei jungen Patienten schwere Verläufe, da fragt man sich, gibt es genetisch bedingte Prädispositionen, die zu einer Überreaktion des Immunsystems führen. Blutgerinnung spielt eine Rolle und die Gefäßwandauskleidungen.

Unten auf dem Parkplatz haben Sie eine eigene Teststation. Wie groß sind Ihre Kapazitäten?

Aktuell 4000 PCR-Tests pro Tag. Zu Hochzeiten haben wir mehr als 3000 Tests pro Tag gemacht, mittlerweile um die 1500, das schwankt. Wir haben der Kassenärztlichen Vereinigung und den Behörden gemeldet, dass wir freie Kapazitäten haben. Wir testen auch am Flughafen Stuttgart, und wir fahren zu den Unternehmen.

Wie lange brauchen Sie für das Ergebnis?

In der Regel 24 Stunden.

Bosch und R-Biopharm brauchen weniger als eine Stunde!

Die Schnelltests haben ihre Berechtigung, wenn es darum geht, schnell Menschen mit einer hohen Viruslast auszumachen, etwa in Altenheimen oder Krankenhäusern. Es ist doch besser, einen Superspreader gleich an der Schwelle abzufangen.

Ihr Kerngeschäft ist Humangenetik. Sie analysieren das Genom von Menschen auf mögliche Erbkrankheiten oder Dispositionen für Krankheiten wie etwa Krebs. Warum haben Sie überhaupt mit den Corona-Tests angefangen?

Wenn Sie das selbst haben und mitkriegen, dass Sie nicht an einen Test kommen und die Nachverfolgung nicht funktioniert, dann muss man handeln. Es gibt Menschen, die sagen in solchen Situationen: Es ist alles Scheiße hier. Und andere helfen mit, die Sache besser zu machen.

Lohnen sich die Corona-Tests für Sie?

Die erste Frage ist doch nicht immer, ob sich etwas lohnt. Als wir im August gefragt wurden, ob wir die Teststation am Flughafen Stuttgart übernehmen wollen, da haben wir nicht darüber nachgedacht, ob sich das lohnt, wir haben den Bedarf gesehen. Wir mussten das machen.

Hat es sich gelohnt?

Wir machen damit keinen Verlust. Aber wir hängen nicht so dran, dass wir sagen würden, wir machen jetzt nur noch Covid. Es ist eine Riesenbelastung für die Mitarbeiter, sie arbeiten auch am Wochenende und an den Abenden. Jeder will sein Ergebnis sofort. Das ist verständlich, aber auch auch stressig für uns.

Stellen Sie sich vor, Sie wären einen Tag Angela Merkel oder Winfried Kretschmann, was wäre Ihre Empfehlung zur Pandemie-Bekämpfung?

Man muss sich besser absprechen und braucht eine einheitlichere Strategie. Niemand weiß doch ganz genau, wo es welche Testkapazitäten gibt. Man kann die Ressourcen, die wir in Deutschland haben, viel effizienter nutzen.

Was noch?

Ich würde bei Verstößen viel härter durchgreifen. Es gibt Bereiche, da schaut man nicht so genau hin. Ich bin einmal mit der Bahn gefahren, die war voller Menschen und keiner kontrollierte, ob alle Masken tragen. Die Corona-App des Bundes wird doch auch nicht konsequent durchgesetzt. Damit könnte man die Gesundheitsämter entlasten. Da kann aber Frau Merkel aber auch nichts dafür, wenn die Menschen unvernünftig sind. Appelle an den gesunden Menschenverstand helfen nicht. Die Menschen unterschätzen die Gefahr, sich anzustecken und zu erkranken, einfach brutal.

Sie führen seit 2010 eine Praxis für Humangenetik. Mit Ihrem Mann haben sie einige Firmen gegründet, 2009 Cegat, eine Firma, die Gendiagnostik anbietet. Und zuletzt, 2018, zusammen mit B. Braun Melsungen, Cecava, eine Firma die Impfstoffe gegen Krebs entwickeln will. Verzetteln Sie sich nicht?

Ich habe schon eine klare Linie. Ich will sowohl die Diagnostik als auch die Therapie für Patienten besser machen, dazu braucht es verschiedenen Strukturen. Für die Diagnostik brauchte es Cegat und für die Medikamentenentwicklung Cecava.

Was treibt Sie an?

Tübingen hat einen Helden, der ist auch mein Held: Hans-Georg Rammensee. Er ist Immunologe und hat herausgefunden, dass man das Immunsystem so trainieren kann, dass es Tumorzellen erkennt.

Das müssen Sie bitte erklären.

Tumorzellen tragen andere genetische Informationen als gesunde Zellen. Diese Informationen stecken auch in den Peptiden, den Eiweißbausteinen auf der Oberfläche der Tumorzelle. Sie sind aber getarnt, so dass T-Zellen, die der Immunabwehr dienen, sie nicht erkennen. Wenn man Teile des Eiweißes von der Oberfläche synthetisch nachbaut und dem Patienten spritzt, reagiert das Immunsystem. Die T-Zellen erkennen die Tumorzellen und greifen sie an.

Machen Curevac und Immatics, Ihre Nachbarn hier in Tübingen, und Biontech in Mainz, nicht etwas ganz Ähnliches?

Wir arbeiten alle auf Basis von Erkenntnissen, die aus dem Labor von Hans-Georg Rammensee hervorgegangen sind. Immatics arbeitet mit T-Zellen, wir mit Peptiden, also den langen Eiweißbausteinen, Curevac und Biontech mit Boten-RNA. Im Prinzip arbeitet der Impfstoff, den Curevac und Biontech gegen das Corona-Virus entwickeln, nach dem gleichen Prinzip. Er baut die genetische Sequenz eines Eiweißes auf der Oberfläche des Virus nach und löst damit eine Immunreaktion aus. Ich habe mir auch einen Corona-Impfstoff gebaut. Der liegt jetzt im Kühlschrank. Gerade als ich mich impfen wollte, bekam ich Covid.

Darf sich denn jeder seinen Impfstoff basteln und im Selbstversuch testen?

So einfach ist das nicht. Um einen Impfstoff zu entwickeln, braucht es unglaublich viel Wissen. Wir haben das hier im Haus. Ich bin von der Methode überzeugt, ich hätte es auch an mir ausprobiert.

Was geschieht mit dem Zeug im Kühlschrank?

Ich teste meine T-Zellen. Sie sind das Gedächtnis des Immunsystem. Wenn ich meine T-Zellen meinem Impfstoff aussetze, schlagen sie Alarm. Das heißt: Meine Immunabwehr funktioniert. Wenn ich mich wieder mit dem Corona-Virus infizieren sollte, würden die T-Zellen die Abwehr organisieren. Ist das nicht cool?

© SZ
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