Interview:"Es gibt immer noch Dienstleister wie Mossack Fonseca"

Die ehemalige Staatsanwältin Sarah Paul über die US-Ermittlungen.

Interview von Will Fitzgibbon

Nach der Veröffentlichung der Panama Papers im April 2016 leiteten die US-Behörden umfangreiche Ermittlungen ein: gegen die Eigentümer der Skandalkanzlei Mossack Fonseca, einige ihrer Angestellten und etliche ihrer Kunden. Die Juristin Sarah Paul, die heute Partnerin einer Anwaltskanzlei ist, bereitete für die New Yorker Staatsanwaltschaft die ersten Panama-Papers-Anklagen vor.

SZ: Wann haben Sie das erste Mal von Mossack Fonseca gehört?

Sarah Paul: Ich hatte noch nie von der Kanzlei gehört, bis die Panama Papers plötzlich Schlagzeilen machten.

Warum wurden Sie mit den Ermittlungen betraut?

Als jemand, der bereits Erfahrung mit Ermittlungen zu Steuerhinterziehung mithilfe von Offshore-Konstrukten hatte, war es naheliegend, an diesem Fall zu arbeiten. Ich hatte seit 2013 gegen Schweizer Banken ermittelt, die US-Steuerzahlern halfen, ihr Geld zu verstecken. Offshore-Steuerhinterziehung ist ein riesiges Problem.

Wann begannen Sie mit den Panama-Papers-Ermittlungen?

Im Grunde von der Minute an, in der die ersten Geschichten veröffentlicht wurden.

Wie sind Sie vorgegangen?

Wir waren von Anfang an sehr vorsichtig, was das Anwaltsgeheimnis angeht. Denn Mossack Fonseca war ja eine Anwaltskanzlei. Das Ermittlungsteam hat deshalb keine Nachrichtenartikel gelesen. Ein spezielles Team tilgte aus den Zeitungsartikel alles, was potenziell vertraulich sein konnte. Wir lasen nur, was übrig war. Wir wussten wahrscheinlich weniger über den Fall als viele Leute auf der Welt.

Warum haben Sie zunächst nur vier Personen angeklagt?

Wir waren vor allem an den US-Steuerzahlern interessiert, die mit Hilfe von Mossack Fonseca das meiste Geld versteckt hatten. Schon früh hatte sich ein Mann namens Harald Joachim von der Goltz als so jemand herausgestellt. Auch sein Steuerberater Dick Gaffey war sehr interessant. Denn jedes Mal, wenn ein in den USA ansässiger Steuerberater in so etwas involviert ist, nehmen wir das ernst.

Was macht den Fall von der Goltz so besonders?

Es ging nicht nur um Briefkastenfirmen, sondern auch um Scheinstiftungen, die Mossack Fonseca für Kunden gründete. Diese Scheinstiftungen waren die "Eigentümer" der Briefkastenfirmen, auf deren Namen wiederum Bankkonten liefen.

Hinzu kommt, dass Harald Joachim von der Goltz behauptete, dass seine 100-jährige Mutter die wahre Besitzerin der Briefkastenfirmen ist.

Herr von der Goltz trug sie wirklich als die wirtschaftliche Eigentümerin dieser Konten und Vermögenswerte ein. Aber das war eine Lüge - sie war es nicht. Das war jedoch ein wichtiger Teil seines Plans.

Was ist mit den Mossack-Fonseca-Angestellten Ramsés Owens und Dirk Brauer, die Sie auch angeklagt haben, die sich aber in Panama beziehungsweise Deutschland aufhalten?

Ich gehe nicht davon aus, dass hier das letzte Wort schon gesprochen ist.

Wäre das, was man in den Panama Papers gesehen hat, heute immer noch möglich?

Ich denke, es passiert immer noch. Es gibt immer noch Dienstleister wie Mossack Fonseca, die ähnliche Aktivitäten betreiben.

Wie wichtig ist die Rolle solcher Finanzdienstleister?

Sie spielen eine entscheidende Rolle. Die meisten der US-Steuerzahler, mit denen ich in meiner Zeit als Staatsanwältin zu tun hatte, hatten keine großen Kenntnisse darüber, wie sie ihr Geld verstecken können. Sie verlassen sich auf die Mittelsmänner, die ihnen die Werkzeuge dazu geben.

Was hat sich Ihrer Meinung nach seit der Untersuchung der Panama Papers geändert?

Das Anti-Geldwäsche-Gesetz von 2020 hat alles verändert. Durch den Corporate Transparency Act werden bestimmte Unternehmen dazu verpflichtet, Informationen über ihre wahre Eigentümer gegenüber den Behörden offenzulegen. Für die Ermittlungen ist auch der neue Mechanismus zur Beschaffung ausländischer Bankunterlagen von Bedeutung. Wenn eine ausländische Bank in den USA als Korrespondenzbank Dollarüberweisungen tätigt, kann ein US-Staatsanwalt alle Aufzeichnungen über jedes beliebige Konto bei der ausländischen Bank anfordern - auch wenn diese Unterlagen außerhalb der USA geführt werden.

Übersetzung: Mauritius Much

© SZ vom 03.04.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB