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Internetkriminalität:Fatale Gier

Internet: Symbolbild für Finanzbetrug und Computerkriminalität

Im internationalen Kampf gegen organisierte Internetkriminalität ist ukrainischen Ermittlern ein Schlag gelungen.

(Foto: Michael Weber/imago)

Die Täter sind in Osteuropa, ihre Opfer in reichen Ländern wie Deutschland: Kleinanleger wurden monatlich um Millionen Euro gebracht. Ukrainische Ermittler haben nun eine Bande geschnappt.

Von Uwe Ritzer, Kiew/Bamberg

Langsam gleitet das Garagentor nach oben und gibt den Blick frei auf ein halbes Dutzend Luxusautos, allesamt blank poliert und fein säuberlich nebeneinander aufgereiht. Keines davon ist unter 250 000 Euro zu haben. Die Kamera, die ein ukrainischer Ermittler führt, zoomt auf Details in den Fahrzeugen und auf die Markensymbole. Alles vom Feinsten. Im weiteren Verlauf des zweiminütigen Videos ist aber noch mehr zu sehen: Ein geöffneter Tresor, dicke Bündel von Fünfzig- und Einhundert-Euro-Scheinen, sowie Banknoten anderer Währungen. Unterlegt ist der inzwischen im Internet verbreitete Clip mit dramatischer Filmmusik. Solch ein Erfolg will schließlich zelebriert sein.

Im internationalen Kampf gegen organisierte Internetkriminalität ist ukrainischen Ermittlern ein Schlag gelungen. Konkret geht es um massenhaften Anlagebetrug auf sogenannten Tradingplattformen. Mit erfundenen Geschichten über angeblich durch solche besonders renditestarke Onlinegeschäfte noch reicher gewordene Prominente werden Kleinanleger auf solche Seiten gelockt. Wer dort jedoch investiert, sieht sein Geld nie wieder. Die Dimension des Betruges ist enorm; Insider schätzen den Schaden europaweit auf mehrere Milliarden Euro pro Jahr. Die Drahtzieher agieren meist von Osteuropa aus, ihre Opfer sitzen in reichen westeuropäischen Ländern wie Deutschland.

So ist es auch bei jener Bande, die nach den Erkenntnissen der Generalstaatsanwaltschaft in Kiew zwischen 2017 und 2020 Anleger hauptsächlich aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Großbritannien um monatlich acht bis zehn Millionen Euro geprellt haben soll. Bei einer Razzia kurz kurz vor Weihnachten wurden in der Ukraine neun Tatverdächtige festgenommen. Ihnen wird vorgeworfen, betrügerische Tradingplattformen mit Namen wie forbslab, huludox, tradecapital oder nobeltrade betrieben zu haben.

"Um Investoren in die Irre zu führen" hätten ihnen die Täter mit Hilfe einer speziellen Software Geschäfte mit Wertpapieren, Edelmetallen, Krypto-, sowie Fremdwährungen angeboten und dabei eine "angebliche Steigerung der Rendite um das Hundertfache" vorgegaukelt, so die Generalstaatsanwaltschaft Kiew. Obendrein hätten die Kleinanleger 15 Prozent ihrer Einlage als Servicegebühr zusätzlich bezahlen müssen. In Wahrheit landete das Geld bei Scheinfirmen unter anderem in Estland, Tschechien, Ungarn und Großbritannien.

Die ukrainischen Ermittler gehen außer von Betrug auch von Geldwäsche aus. Bei den Durchsuchungen von Privaträumen, Büros und Callcentern Mitte Dezember beschlagnahmten sie hauptsächlich im Raum Kiew etwa eine Million Euro in bar sowie Immobilien und Luxusautos im Gesamtwert von 50 Millionen Euro. Die von der Polizei gefilmten Fahrzeuge gehören übrigens alle einem Ukrainer, den internationale Experten als Drahtzieher einstufen.

Der Anstoß für die Polizeiaktion kam aus Bamberg. Auf Betreiben der bei der dortigen Generalstaatsanwaltschaft angesiedelten Zentralstelle Cybercrime Bayern (ZCB) waren im Frühjahr bei einer Razzia in Serbien und Bulgarien sieben Tatverdächtige aus zwei weitgehend getrennt operierenden Banden festgenommen worden (die SZ berichtete). Dieser "Action Day", so der polizeiliche Codename damals, richtete sich vor allem gegen Betreiber von Callcentern in Belrad und Sofia. Angebliche Broker überredeten dort die Opfer, die sich auf den Tradingplattformen registriert hatten, telefonisch zu Handelsgeschäften, die es in Wahrheit nicht gab.

Die Ermittler können den Anlagebetrug nur durch internationale Zusammenarbeit bekämpfen

Die Auswertung des im April beschlagnahmten Beweismaterials durch Spezialisten der Kriminalpolizei in Bamberg ergab Spuren in die Ukraine. Daraufhin schalteten die deutschen Fahnder ihre Kollegen in Kiew ein. Diese leiteten ihrerseits Ermittlungsverfahren ein, die nunmehr die Razzia und die Festnahmen auslösten. "Die Tätergruppe war stark auf den deutschsprachigen Raum konzentriert. Der Ermittlungserfolg ist das Ergebnis internationaler Zusammenarbeit, die immer besser wird", sagt Oberstaatsanwalt Thomas Goger, Vizechef der Zentralstelle Cybercrime. "Die Wege zwischen den Ermittlungsbehörden werden kürzer." Davon hoffen nun auch die Bamberger Ermittler zu profitieren, die ihrerseits über Rechtshilfeersuchen an den Erkenntnissen ihrer ukrainischen Kollegen teilhaben wollen.

Anders als durch grenzüberschreitende Zusammenarbeit ist dem massenhaften Anlagebetrug über Tradingplattformen auch nicht beizukommen. "Wir haben es hier mit global aufgestellten Netzwerken, bestehend aus zahlreichen Scheinfirmen und Strohmännern sowie Unmengen von Spuren zu tun", sagt Goger. "Deshalb ist eine umfassende und akkurate Datenerfassung sehr wichtig." Allein diese ist sehr aufwändig.

Im Fall der ukrainischen Bande bearbeiten das ZCB und die Kripo in Bamberg zentral alle Strafanzeigen mit Geschädigten aus Deutschland, knapp 400 an der Zahl. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein, denn viele Opfer stellen keine Strafanzeigen. Entweder, weil sie tatsächlich glauben, bei riskanten Hochrenditegeschäften Verluste erlitten zu haben. Oder aber, weil sie sich schämen, auf die Betrugsmasche überhaupt reingefallen zu sein.

© SZ
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