Online-Handel Ein Leben ohne Amazon ist möglich, aber beschwerlich

Amazon ist mittlerweile viel mehr als ein Online-Händler - aber bekannt und groß wurde er mit dem Buchversand, den immer noch viele Kunden schätzen.

(Foto: Uli Deck/dpa)

Wer bei dem Online-Händler kauft, hat ein schlechtes Gewissen, dafür aber das, was er will - zu einem fairen Preis. Über das Phänomen Amazon.

Essay von Kurt Kister

Die Börse spiegelt nicht nur ökonomischen Erfolg und Machtverhältnisse wider, sondern auch den Zustand der Gesellschaft. Die fünf in diesem Sinne wertvollsten Firmen der Welt heißen Apple, Amazon, Alphabet (also Google), Microsoft und Facebook. Bis auf Facebook liegen die anderen vier im Börsenwert jeweils in der Gegend von einer Billion Dollar. Die oligarchischen Fünf verbindet, dass es sie ohne das Internet nicht gäbe, und dass das Internet ohne sie nicht das wäre, was es heute ist. Es gibt kein Ereignis, keine Entwicklung und keinen Prozess in der Geschichte der Menschheit, die binnen so kurzer Zeit die gesamte Welt, aber auch die individuellen Leben von Milliarden Menschen so sehr verändert und beeinflusst hätten, wie dies das Internet in zwei Jahrzehnten getan hat. Selbst die wissenschaftlich-technische Revolution, die im 18. Jahrhundert begann - Mechanik, Elektrizität, Massenproduktion, Verkehrsmittel -, hat sich im Vergleich dazu lange hingezogen.

Man mag einerseits das Netz als eine Folge dieser langsamen Revolution sehen. Andererseits aber befindet sich die Welt seit etwa 20 Jahren in einem neuen Zeitalter. Immer mehr Menschen leben, lieben, hassen, arbeiten mit dem und durch das Netz; Politik, Erwerbsleben, Reisen, Kommunikation finden heute zu immer größeren Teilen völlig anders statt, als dies noch 1998 der Fall war. Ein Mensch des elften Jahrhunderts hätte sich nach einiger Umgewöhnung im 15. Jahrhundert einigermaßen zurechtgefunden. Fiele aber jemand durch eine Zeitfalte von 1850 nach 2018, landete er in einer unverständlichen, ihm unverständlich bleibenden Welt.

Amazon ist eines jener Phänomene, die den Beginn des digitalen Zeitalters definieren. Man kauft nicht mehr ortsgebunden, sondern erledigt das über Klugtelefon und Computer. Soweit das Erworbene nicht selbst aus Datenströmen besteht (Filme, Serien, Musik, elektronische Bücher), erfolgt die Lieferung noch in einer Mischung aus neuer Zeit und alter Technik - schlecht bezahlte Boten bringen das von überwiegend schlecht bezahlten Verpackungsarbeitern zusammengestellte Zeug. Auch dies wird sich in absehbarer Zeit durch automatisierte Logistik- und Zustellungssysteme ändern, gesteuert durch einen ausreichenden Anteil von Intelligenz, aus Menschensicht "künstliche" Intelligenz genannt. Mindestens die Jüngeren unter uns werden es vermutlich noch erleben, dass Maschinen zwischen ihrer Intelligenz und menschlicher Intelligenz unterscheiden werden.

Amazon entlohnt Mitarbeiter für positive Tweets

Der Konzern beschäftigt eine "Armee der Glaubwürdigen", die in den sozialen Netzwerken Missstände dementieren soll. Mittlerweile glaubt ihnen niemand mehr. Von Vivien Timmler mehr ...

Auf Amazon jedenfalls entfällt bereits jetzt etwa ein Drittel des Online-Handels in Deutschland. Möglicherweise werden ortsfeste Läden und der ortlose Handel über das Netz noch eine ganze Weile nebeneinanderher existieren. Pragmatisch gesehen braucht man allerdings Verkaufsstellen an bestimmten Orten immer weniger. Läden werden da überleben, wo sie ein Erlebnis vermitteln können - man spricht beim Einkaufen nicht mit Alexa, sondern mit einem Menschen; man bummelt; man geht durch eine Ladenstraße als soziales Erlebnis. Das ist so ähnlich wie der fortschreitende Ersatz des Musikhörens auf Tonträgern durch das Streaming von Musik. Amazon macht beides: Es verkauft Vinyl-Schallplatten und CDs, bietet aber auch zu einem Spottpreis - im Vergleich zu den Tonträgern - Musik über das Netz an. Kein Wunder, dass Amazon nun auch hier und da Buchläden eröffnet hat, richtige Buchläden mit Regalen. In gewisser Weise ist ein Amazon-Buchladen so etwas wie eine Reenactment-Gruppe für geschichtsinteressierte Menschen: Die ziehen sich neue, alte Uniformen an und tun so, als könnten sie ein paar Stunden lang so leben wie zu Zeiten des amerikanischen Bürgerkriegs. Der Reenactor glaubt, etwas zu erleben, was früher einmal die Normalität, die Gegenwart war. Wer einen Amazon-Buchladen betritt, ist ein Reenactor des 20. Jahrhunderts.

Am Beispiel Amazons lässt sich eine weitere Entwicklung beobachten: Als die Menschenwelt noch jünger und unkompliziert war, machten die Menschen zuerst Dinge und handelten dann mit ihnen, wenn sie genug Dinge hergestellt hatten und andere Dinge wollten. Die Produktion kam vor dem Handel, der Handel war eine Funktion der Produktion. Bei Amazon ist das anders, bei Amazon war zuerst der Handel. Nachdem das ortlose Geschäftsmodell dieses Handels so gut funktionierte, befand man bei Amazon, man könne durch eigene Produktion den Handel weiter vorantreiben. Die Folge davon: Es gibt jede Menge Dinge, die Amazon mittlerweile de facto selbst herstellt, das reicht von Filmen über Lebensmittel bis hin zu Textilien.

Man hat ein schlechtes Gewissen, dafür aber Sir Richard F. Burton auf dem Reader

Dasselbe Prinzip herrscht übrigens in einem anderen Bereich vor, den Amazon pflegt, soweit Amazon überhaupt etwas jenseits des mit Geldverdienen verbundenen Servicegedankens pflegt. So gut wie jeder kann bei Amazon ein Buch veröffentlichen. Man braucht keine wuseligen Agenten mehr, keine arroganten Lektoren, keine Verlage und keinen Buchhandel - eben weil Amazon das alles selbst ist. Wenn das Geschriebene sich verkauft, ist es fein. Wenn nicht, kann sich der selbstverlegende Autor darauf berufen, dass auch Franz Kafka nur ganz kleine Auflagen hatte.

Nein, für Menschen, die im 20. Jahrhundert sozialisiert worden sind, klingt die Herrschaft der Digitalkonzerne nicht gut. Und dennoch: Wer außer vielleicht solchen, die aus Überzeugung Bibel-TV sehen (selbst das ist ein digitaler Sender), benutzt kein Taschentelefon, kein Internet, fotografiert noch auf Film, kauft nie bei Amazon?

Letzteres, so viel Persönliches sei erlaubt, habe ich mal probiert. Amazon macht Buchläden kaputt, und weil ich Buchläden für wichtiger halte als Lebensmittelläden (Bücher sind Lebensmittel), habe ich eine Zeit lang nicht mehr bei Amazon bestellt. Dann aber wollte ich die vierte Staffel einer Serie und außerdem die gesammelten Werke des Forschers und Abenteurers Sir Richard F. Burton, die in schönen antiquarischen Ausgaben drei Vermögen kosten. Bei Amazon kosten 18 350 Seiten gesammelter Burton 99 Cent. Man lädt sie auf die elektrische Lesemaschine von Amazon und hat sie dann immer dabei. So gehen die Buchläden kaputt, Amazon wird eine Billion Dollar wert, und der Mensch hat ein schlechtes Gewissen, dafür aber auch A Personal Narrative of a Pilgrimage to Al-Madinah & Meccah auf dem Reader.

Bezos' Billionen-Saga

Gewinn? Nicht so wichtig! Warum die Anleger trotzdem begeistert von Amazon und der großen Erzählung seines Gründers sind. Von Malte Conradi mehr...