Satelliten im All:Chinesen planen umstrittenes Weltraumprojekt in Europa

Satelliten im All: Europas Konkurrenz heißt Elon Musk: Die Falcon9-Rakete befördert einen Satelliten des Projekts "Starlink".

Europas Konkurrenz heißt Elon Musk: Die Falcon9-Rakete befördert einen Satelliten des Projekts "Starlink".

(Foto: SpaceX Starlink)

Ein von China dominiertes Konsortium will in Europa ein gewaltiges Satellitenprojekt etablieren und Elon Musk Konkurrenz machen. Die Spuren führen bis in die chinesische Armee.

Von Uwe Ritzer, Vaduz/München

Das Unternehmen, das Elon Musk Paroli bieten und eine neue Macht im Weltraum schaffen will, besteht aus kaum mehr als einem Briefkasten in Liechtenstein. Es hat keine eigenen Büros, keine Angestellten, nicht mal eine Internetseite, und die Bilanz für 2019 weist nur knapp 25 000 Schweizer Franken Eigenkapital aus. Anlagewerte, Sach- und Finanzanlagen - null. Die Trion Space AG ist eine "Kleinstgesellschaft"; so haben es ihre Verantwortlichen im Formular für das Registergericht angekreuzt. Umso merkwürdiger ist, dass sie gigantische Pläne verfolgt.

Die bei einem Treuhänder im Zentrum von Vaduz angesiedelte Briefkastenfirma ist zentraler Teil eines undurchsichtigen Firmengeflechtes, mit dem deutsche, vor allem aber chinesische Investoren mitten in Europa ein gewaltiges Weltraumprojekt etablieren wollen. In einer ersten Phase sollen 288 Satelliten ins All geschossen werden; später noch einmal so viele. Von umgerechnet vier Milliarden Euro Investitionsvolumen ist die Rede, für den Anfang. Doch das Misstrauen gegenüber dem Vorhaben ist groß. Denn das Geld und Teile der Technik sollen aus staatlich kontrollierten Firmen in China kommen, Spuren führen zur Armee des Landes. Experten befürchten, dass Peking einen technologischen Brückenkopf in Europa errichten und damit hegemoniale, wenn nicht sogar militärische Interessen verfolgt. Ein Vorwurf, den Projektbeteiligte zurückweisen.

Die 38 000 Einwohner des alpinen Fürstentums erfuhren im Frühjahr von den Plänen, die hinter den Kulissen bereits seit 2014 betrieben werden. "Liechtenstein goes satellite", hieß es plötzlich in großen Werbeanzeigen, daneben war die Weltkugel zu sehen, um die ein Satellit kreist. Nach und nach stellte sich heraus, dass es um Kommunikationssatelliten geht, die in etwa 1000 Kilometern Höhe um die Erde kreisen sollen, im Low Earth Orbit (LEO), wie Fachleute die Umlaufbahnen dort nennen. Die Trion Space AG und ihre Partnerfirmen wollen dort ein satellitengestütztes Internetsystem installieren, über das vor allem Unternehmen durch riesige Datenmengen idealerweise in Echtzeit selbst mit hintersten Winkeln der Erde kommunizieren können. Ohne terrestrische Leitungen mit Knotenpunkten oder Schnittstellen also, was den Datenaustausch angeblich abhörsicherer macht. Industriebetriebe könnten damit ihre Produktionsanlagen in aller Welt steuern, Banken, Transportfirmen oder Logistiker global kommunizieren.

In Europa kommt die Zukunftstechnologie nicht in Schwung

An der technologischen Sinnhaftigkeit solcher Satellitensysteme gibt es unter Fachleuten ebensowenig Zweifel wie am ökonomischen Bedarf. Tesla-Gründer Elon Musk verfolgt mit seinem Raumfahrtunternehmen Space-X bereits solche Pläne; "Starlink" heißt das Projekt. Auch ein indisch-britisches Konsortium und kanadische Investoren arbeiten an der Zukunftstechnologie. In Europa allerdings kam sie bislang nicht in Schwung, was der seit Dezember 2019 amtierende, zuständige EU-Kommissar Thierry Breton erklärtermaßen ändern will.

Da kommt das Liechtensteiner Projekt scheinbar wie gerufen. Auch wenn der Kleinstaat kein Mitglied der EU ist, so liegt er geografisch zentral auf dem Kontinent. Als souveräner Staat hat das Fürstentum Anspruch auf Funkfrequenzen, ohne die eine solche Satellitenflotte nicht funktioniert. Vergeben werden diese von der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) mit Sitz in Genf, der auf Telekommunikation spezialisierten Organisation der Vereinten Nationen. Solche Funkfrequenzen sind knapp und entsprechend heiß begehrt. Liechtenstein hatte sein Kontingent noch nicht abgerufen, weshalb zumindest die vorläufige Zuteilung auch kein Problem war, als das Vaduzer Amt für Kommunikation (AfK) 2014 bei der ITU vorstellig wurde.

Der Behörde lag wiederum ein entsprechender Antrag einer Vorgängerfirma von Trion Space vor. Das von Finanzwirtschaft und Industrie geprägte Land steht der Satelliten-Idee im Prinzip offen gegenüber. "Man erhofft sich davon auch selbst in Sachen Digitalisierung einen gewaltigen Schritt nach vorne", sagt ein Insider in Vaduz. Im konkreten Fall aber seien "bald Zweifel aufgekommen, ob die Initiatoren das Projekt technologisch und finanziell stemmen können." Anfangs hatte man es vor allem mit deutschen Beteiligten zu tun, der in Grünwald bei München angesiedelten Firma eightyLEO etwa, vor allem aber mit deren Ableger Kleo Connect GmbH. Letztere stieg als operativer Partner in das Projekt ein und gründete eigens eine Tochtergesellschaft in Liechtenstein, die Kleo AG. Sie soll dort das Kontrollzentrum für die Satelliten aufbauen, während Trio Space als Antragstellerin in Sachen Frequenzen auftritt und etwaige Nutzungsrechte in Zukunft verwalten will.

Was von Anfang an fehlte war das notwendige Kapital. Auf der Suche nach Investoren für den Liechtensteiner Himmelssturm wurden dessen Initiatoren 2018 in China fündig. Also stiegen Geldgeber vornehmlich aus Shanghai groß ein. Sie übernahmen Mehrheiten in beteiligten Firmen wie der Kleo Connect und positionierten ihre Leute an Schlüsselstellen, etwa im Verwaltungsrat der Trio Space AG. Nach und nach entstand ein kaum durchschaubares Firmengeflecht. Mutmaßlicher Hauptfinanzier ist die staatlich kontrollierte Shanghai Alliance Investment (SAIL). Sie ist zu 42 Prozent beteiligt an der Shanghai Spacecom Satellite Technology (SSSI), welche die notwendigen Satelliten bauen und die für deren Transport ins All benötigten Trägerraketen buchen soll.

"Das Satelliten-Projekt dient ausschließlich der zivilen Nutzung und Kommunikation."

Hinter der SSSI steht wiederum eine Gesellschaft namens SECM. Das Unternehmen soll einem Sprecher zufolge als Satellitenpartner fungieren. Dabei scheint es enge Verbindungen der SECM zur chinesischen Armee zu geben. "Über ein Dutzend der Spitzenforscher des SECM haben im offiziellen Weltraumprogramm, das vom Militär betrieben wird, gearbeitet, Stipendien für Militär- und Verteidigungsforschung erhalten oder haben sogar einen militärischen Hintergrund", fand die Vaduzer Zeitung Wirtschaft regional heraus. Die SECM sei ein "wichtiger Teil der militärzivilen Fusion". Ihr Chef und sein Stellvertreter kämen von einer chinesischen Armee-Universität und hätten an militärischen Forschungsprogrammen im Bereich Luft- und Raumfahrt mitgearbeitet, so das Blatt weiter.

Den Verdacht, mitten in Europa solle ein chinesischer Brückenkopf mit militärischem Hintergrund entstehen, weisen Beteiligte zurück. "Das Satelliten-Projekt dient ausschließlich der zivilen Nutzung und Kommunikation", so ein Sprecher der SSSI auf Anfrage. "Eine militärische Nutzung ist vollkommen ausgeschlossen und nach den Regeln der ITU, die die Frequenzen vergibt und überwacht, rechtlich verboten." Details allerdings könne er "aus rechtlichen Gründen" nicht nennen. Die deutsche Kleo connect GmbH ließ eine SZ-Anfrage unbeantwortet. Der Vaduzer Treuhänder, der die Trion Space AG verwaltet und zugleich als deren Verwaltungsratspräsident amtiert, schloss gegenüber Wirtschaft regional "eine verdeckte oder missbräuchliche Nutzung" kategorisch aus. Der Staat Liechtenstein wäre im Übrigen jederzeit in der Lage, einen roten Knopf zu drücken und das Satellitensystem einzuschränken oder ganz abzuschalten, sagte er.

So weit will man es aber nicht kommen lassen. Normalerweise ist das Fürstentum ein ausgesprochen investorenfreundliches Land. Doch Vaduz ist weit davon entfernt, das orbitale Vorhaben durchzuwinken. Zu sehr habe sich das Verhältnis des Westens zu China in den vergangenen Jahren abgekühlt, heißt es hinter vorgehaltener Hand, zu groß sei die Befürchtung im Fürstentum, ungewollt vor den Karren chinesischer Interessen gespannt zu werden. Die undurchsichtigen Verhältnisse auf Seiten der Projektbetreiber tun ein Übriges. Inzwischen kabbeln sich auch die deutschen Projektbeteiligten mit ihren chinesischen Partnern. Das zuständige Amt für Kommunikation in Liechtenstein will unter Hinweis auf das "laufende Verfahren" keine Stellungnahme abgeben. Es fordert von der Trion Space AG als Antragsteller einen fundierten Businessplan. Behörde und Projektbetreiber streiten mittlerweile auch vor dem Verwaltungsgerichtshof.

Klar positioniert hat sich bereits der Astronomische Arbeitskreis im Fürstentum. Die ehrenamtlichen Hobby-Sternengucker warnen vor dem Projekt, sie fürchten "enorme Kosten und einen riesigen Imageschaden" für Liechtenstein. Und außerdem fliege im Low Earth Orbit schon jetzt zu viel Weltraumschrott herum.

© SZ/shs
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