Interdisziplinäre Ökonomie:Traditionelle und Querdenker arbeiten am Kompromiss

Ökonomen aller Schulen loben einen Studiengang in Bayreuth. Der Studiengang basiert auf dem volkswirtschaftlichen Mainstream. Doch der philosophische Anteil soll lehren, zu hinterfragen.

Von Janis Beenen

Die Universität Bayreuth macht es vor. Das Bachelor- und Masterprogramm "Philosophy & Economics" zeigt, wie traditionelle Wirtschaftswissenschaftler und Querdenker zusammenfinden können. Der Studiengang basiert auf dem Mainstream. Doch der philosophische Anteil soll lehren, zu hinterfragen.

An anderen Universitäten ist die Diskussion über die Zukunft der Wirtschaftswissenschaften festgefahren. Jahr für Jahr lehren die Professoren die gängige Neoklassik. Die Lehre geht von einem rationalen Menschen aus, der den Nutzen maximieren möchte und auf dem vollkommenen Markt agiert. Die meisten Wissenschaftler geben zu, dass die übliche Theorie die Realität nur bruchstückhaft abbildet. So zeigt es eine Studie der Universität Kassel. Die Rechtfertigungen, warum sie trotzdem weiter machen, sind zahlreich: Das System aus Bachelor und Master lasse wenig Zeit für Experimente. Mit alternativen Ansätzen sei es zudem schwer, in Fachpublikationen zu kommen. Und das ist nun mal ein wesentlicher Bestandteil der wissenschaftlichen Karriere.

Eine gänzliche Abkehr vom Mainstream möchten auch die meisten Studierenden nicht

Im ganzen Land sind Studierende unzufrieden mit dem Status quo. Sie organisieren ihre Kritik seit Jahren professionell. Die jungen Leute engagieren sich häufig im Netzwerk "Plurale Ökonomik". Sie verlangen, Meinungsvielfalt, Selbstkritik, Reflexion und Offenheit in der Lehre zu verankern. An den Universitäten veranstalten sie Lesekreise und Vorlesungen mit alternativen Denkern. In Bayreuth ist das nicht anders. Doch gibt es im Bachelor und im Master "Philosophy & Economics" eine Art Kooperation. "Unsere Gedanken werden von den Lehrstühlen angenommen", sagt Simon Werner. Er vertritt das Netzwerk "Plurale Ökonomik" in Bayreuth. "Hier ist es möglich, dass Veranstaltungen und Modulhandbücher angepasst werden", berichtet Werner.

Als Abkehr vom Mainstream sieht Professor Julian Fink sein Angebot nicht: "Unser Programm zielt nicht darauf ab, Standardökonomie zu verwerfen." Dennoch weicht die Fakultät von Etabliertem ab. In Seminaren werden aktuelle politische Fragestellungen mit Hilfe philosophischer Methodik aus mehreren Blickwinkeln diskutiert. Die praktische Anwendbarkeit der Ideen wird besprochen. Eine einzige richtige Theorie soll es nicht geben. Finks Kollege Professor Bernhard Herz erklärt den Sinn des Mittelwegs: "Viele Studierende wollen auch den Mainstream lernen, da sie dadurch bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt sehen." Ohne kritischen Umgang mit dem Gelernten möchte er die Absolventen aber nicht entlassen.

"Das ist ein Ansatz im Sinne der Pluralen Ökonomik", bestätigt Werner. Einige Lehrstühle würden jedoch zögern, politisch brisante Fragestellungen mit der Wissenschaft zu verbinden. Dabei gehe es in der Ökonomik genau darum: Empfehlungen für die Politik entwickeln.

Das Modell bewährt sich. Mittlerweile eifern weitere Universitäten dem Vorbild nach und konzipieren ähnliche Angebote. Doch die interdisziplinäre Arbeit birgt Herausforderungen. Ökonomen und Philosophen müssen in ihren Ansätzen eine gemeinsame Linie finden. Nicht so einfach bei verwandten Disziplinen, die sich jahrelang entfremdet haben.

© SZ vom 09.01.2018
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