Intelligent, beweglich, widerstandsfähig Die wenigsten kommen, um zu bleiben

Migranten schaffen informelle transnationale Handelsnetze, die sich rasch in die bestehenden einklinken, spätestens, wenn es darum geht, Geldtransfers im großen Stil abzuwickeln oder Container zu ordern. Von diesem Moment an begünstigen die Immigranten auch traditionelle Wirtschaftsunternehmen wie Banken oder Speditionen. "Migranten-Netzwerke sind ein seltener, heller Funke in der Weltwirtschaft", meint der Economist. "Reiche Länder sollten sie begrüßen."

Stattdessen schottet sich die EU gegen Menschenmassen ab, die sie auf mittlere Sicht sowieso nicht wird aufhalten können. Denn wo es Migrationsgründe gibt, werden Menschen migrieren, das zeigt die Geschichte - und gerade in Afrika und Asien gibt es ausreichend Gründe zur Auswanderung, von denen nicht wenige in der Handelspolitik der Industrieländer ihren Ursprung haben.

Heimatüberweisungen als ideale Entwicklungsfinanzierung

Die reichen Länder beschränken sich jedoch darauf, Milliarden in Form von Entwicklungshilfe nach Süden zu pumpen - die in dieser paternalistisch verabreichten Form immer weniger willkommen ist, wie Laurence Marfaing sagt: In den Ländern Westafrikas gebe es einen großen Ehrgeiz, eigene Modelle für den Fortschritt zu entwickeln, anstatt sich welche verordnen zu lassen. Die Investitionen von Migranten spielen für dieses neue Selbstbewusstsein eine zentrale Rolle.

Anders als viele Bewohner der Industrieländer befürchten, kommen die wenigsten Migranten übrigens, um zu bleiben. Die UNFPA, der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, stellt fest: "Migration ist häufig zeitbeschränkt und zirkulär; viele Migranten halten Verbindung zu ihren Heimatländern.

Sie leisten wichtige Beiträge zum Wohlstand ihrer Gastländer, aber die Rückströme von Geld, Technik, sozialem und humanem Kapital in Herkunftsländer haben ebenfalls großen Einfluss auf die Armutsreduzierung und wirtschaftliche Entwicklung." Kehren Migranten mit gewonnenen Erfahrungen in die alte Heimat zurück, kann sich für diese der ursprüngliche Brain-Drain in einen Brain-Gain verkehren, in einen Zuwachs an Erfahrung, Wissen - und Geld.

Flüchtlinge Migration zahlt sich aus
Kommentar
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Migration zahlt sich aus

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Gemäß Daten des Pew-Forschungszentrums in den USA beliefen sich die Überweisungen von Auswanderern in ihre alte Heimat, die sogenannten remittances, 2013 auf 511 Milliarden Dollar weltweit. Die Zahl hat sich seit dem Jahr 2000 verdreifacht. Längst sind die remittances ein globaler Wirtschaftsfaktor: In manchen Entwicklungsländern wie Nicaragua sind sie die wichtigste Einnahmequelle, höher als Entwicklungshilfe oder Exporterlöse.

Die Weltbank und Länder wie Großbritannien sehen die remittances inzwischen als ideale Entwicklungsfinanzierung an, da die Betroffenen selbst über die Verwendung des Geldes entschieden, sagt Migrationsforscher Thomas Faist. Er empfiehlt der EU, selektiv Kurzzeit-Migration zu erlauben, weil das zu höherer Mobilität, aber auch zu häufigerer Rückkehr führen könne.

Klare, aber offene Regeln und Kontingente können Migranten auch ersparen, ihr Schicksal in die Hände von skrupellosen "Händlern des Todes" zu legen. So nennt die EU-Kommissarin Cecilia Malmström jene Schlepperbanden, die mit dem Menschenschmuggel laut dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung weltweit jährlich mehr als 30 Milliarden Euro einstreichen.

Beweglich, intelligent, widerstandsfähig

Der französische Mittelmeerhistoriker Fernand Braudel hat die Migration einst eine zivilisatorische "Unentbehrlichkeit" genannt. Wer migriert, erwirbt Flexibilität und Spontaneität, enorme Vorteile in der globalisierten Welt. International tätige Unternehmen haben die Chancen erkannt. Bei einer Umfrage der Hays AG, einem weltweit führenden Unternehmen für die Rekrutierung von Spezialisten, gab der überwiegende Teil der befragten Unternehmer als Grund, warum man Ausländer beschäftige, an: "Wir benötigen für unsere Geschäfte interkulturelle Kompetenz." Kosteneinsparung spielte nur eine Nebenrolle.

Migranten haben in vielen Betrieben den Ruf, beweglich, intelligent, offen, widerstandsfähig, risikobereit und sprachgewandt zu sein. Erst kürzlich hat eine Studie des Auswärtigen Amts belegt, dass die meisten Migranten aus Afrika und dem Nahen Osten der gebildeten Mittelschicht entstammen.

Und zunehmend sind viele Einwanderer sogar besser qualifiziert als Einheimische. In Deutschland sind 29 Prozent der Zuwanderer Akademiker, in der Gesamtbevölkerung sind es nur 19 Prozent. Als Bedrohung kann man Migranten also durchaus ansehen - weniger jedoch für Sozialsystem oder Lohnniveau der reichen Welt als für deren Selbstzufriedenheit und Trägheit.