Eigentlich hätte man annehmen können, bei Intel könne es nicht noch schlimmer kommen. Der alte Chef geschasst, technologisch hintendran, der Plan, als Auftragsfertiger zu arbeiten, praktisch gescheitert, Massenentlassungen, Schwierigkeiten mit der Einführung einer neuen Fertigungstechnologie. Und nun das: Lip-Bu Tan, ein alter Fahrensmann der Chip-Branche, erst vor wenigen Monaten nach längerer Suche zum neuen Intel-Chef gekürt, bekommt es mit dem Weißen Haus zu tun. Nicht etwa wegen der Zollpolitik des Präsidenten Donald Trump. Sondern, weil der republikanische Senator Tom Cotton Tan eine zu große Nähe zu China vorwirft. Woraufhin Trump den sofortigen Rücktritt Tans gefordert hat: „Es gibt keine andere Lösung für dieses Problem“, schrieb er auf seiner Online-Plattform Truth Social.
Die Sache ist durchaus heikel, weil Intel als eine von wenigen Chip-Firmen noch Chips selbst herstellt, auch in den USA. Intel hat auch einen Auftrag für Chips im Wert von drei Milliarden Dollar vom Verteidigungsministerium und viel Fördergeld bekommen. Senator Cotton hatte davor einen Brief an den Chef des Intel-Aufsichtsrates, Frank Leary, geschickt. Darin fragte er, ob man sich bei Intel dessen bewusst sei, dass die Technologiefirma Cadence, die der im heutigen Malaysia geborene Tan vor seinem Wechsel zu Intel geführt hatte, widerrechtlich Produkte an eine Militäruniversität in China verkauft und Technologie an ein chinesisches Unternehmen weitergegeben habe. Auch gebe es Berichte, wonach Lip-Bu Tan „Dutzende“ Firmen in China kontrolliere. Cotton forderte eine Antwort des Intel-Verwaltungsrats bis Mitte August.
So lange wollte der Präsident offenbar nicht warten, er forderte den sofortigen Rücktritt Tans. Ganz neu sind die Anschuldigungen allerdings nicht. Bereits im April hatte die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass Lip-Bu Tan etwa 200 Millionen Dollar in chinesische Firmen investiert habe, darunter auch einige mit Verbindungen zum chinesischen Militär. Von Intel hieß es zunächst nur, man werde die in dem Brief des Senators aufgeworfenen Fragen klären.
Im April hatte Reuters unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen berichtet, Tan habe sich von diesen Beteiligungen getrennt. Allerdings fanden Journalisten der Nachrichtenagentur heraus, dass chinesische Firmendatenbanken viele seiner Beteiligungen noch als aktiv führten.
Das ist auch nicht illegal, solange die Firmen nicht dem militärisch-industriellen Komplex in China angehören und damit auf einer Liste des US-Finanzministeriums auftauchen. Reuters fand keine Hinweise darauf, dass sich unter den noch aktiven Investments solche mit Verbindungen zum chinesischen Militär befanden. Unabhängig von den aktuellen Vorwürfen hat Cadence, Tans frühere Firma, vergangene Woche zugestimmt, eine Strafe von 140 Millionen Dollar dafür zu bezahlen, dass sie Chip-Produkte an eine chinesische Militäruniversität verkauft hatte.
Der Fall dürfte den ohnehin strauchelnden Intel-Konzern noch tiefer in die Krise stürzen.

