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Vural Öger:"Es ist ein Unterschichtenproblem"

sueddeutsche.de: Ist das sogenannte Türkenproblem in der Bundesrepublik ein islamisches Problem?

Öger: Nein, es ist eher ein Unterschichtenproblem. Zu uns sind Menschen teilweise aus den hintersten Dörfern Anatoliens gekommen, Bauern und ungelernte Arbeiter. Es war nicht der türkische Mittelstand, der ausgewandert ist. Man brauchte nur die Arbeitskraft.

sueddeutsche.de: Sie selbst waren Mitglied der Zuwanderungskommission der Bundesregierung. Warum blieb die Arbeit des Gremiums ohne Erfolg?

Öger: Wir waren mehr als 20 gestandene Männer und Frauen, die eineinhalb Jahre lang diskutiert haben. Wir hatten damals einen tollen Entwurf, aber der wurde von der Politik verwässert. Gerade die C-Parteien aus dem Süden waren in jedem Punkt dagegen. Das heißt: Man will die Fakten nicht akzeptieren. Man neigt eher zum Populismus. Man glaubt damit, vom rechten Lager noch mehr Stimmen zu gewinnen. Das ganze Thema wird politisiert.

sueddeutsche.de: Ihr Wunsch?

Öger: Die ganze Problematik - Ausländer, Migration, Integration - müsste überparteilich behandelt werden. Wir haben Fakten - und wir haben Politiker, die diese Fakten einfach nicht akzeptieren wollen. Ich würde Herrn Seehofer gerne fragen, wie seine Lösung aussieht. Ein Großteil dieser Menschen hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Die aktuelle Debatte ist integrationsfeindlich.

sueddeutsche.de: Hessens ehemaliger Ministerpräsident Roland Koch und auch der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, haben sich für eine gesteuerte Zuwanderung ausgesprochen. Wie müsste die Ihrer Meinung nach aussehen?

Öger: Derzeit verlassen mehr Türken die Bundesrepublik als zu uns kommen. Zu uns kommen zwecks der Familienzusammenführung nur noch rund 5000 bis 7000 Bräute aus den Dörfern. Zurzeit haben wir also ein Minus-Saldo. Es reist ja kaum einer zwecks Arbeitsaufnahme ein, darum verstehe ich die Debatte nicht. Das Hauptproblem ist nicht die Migration alleine, sondern eher die Integration der hier geborenen Kinder. Das ist unsere Hauptaufgabe.

sueddeutsche.de: Was kann die deutsche Wirtschaft von den aus dem Ausland stammenden und erfolgreich integrierten Mitarbeitern lernen?

Öger: Die Antwort können die Amerikaner den Deutschen geben: 20 Prozent des Bruttosozialprodukts in den vergangenen zehn Jahren in den USA entstanden durch die Zugewanderten. Ein Migrant hat drei Arbeitsplätze geschaffen. Das sind amtliche Zahlen. Hierzulande ist es so: Diejenigen, die unserer Wirtschaft nützlich waren, verlassen Deutschland wieder aufgrund der gesamten Atmosphäre, die in den letzten Jahren entstanden ist. Und die anderen, die von den Sozialkassen leben, bleiben bei uns, weil sie es in der Türkei nicht besser hätten. Was wir brauchen, ist eine groß angelegte und von der Politik und den Medien getragene Bildungsoffensive. Die Eingliederung der Menschen ausländischer Herkunft in Deutschland erfolgt über Bildung und den Arbeitsprozess.