Social Media:Wie Instagram den Weg in die Magersucht weisen kann

Lesezeit: 4 min

Instagram als Plattform für Frauen mit Essstörung

In einem kleinen, aber gefährlichen Teil von Instagram werden extrem dünne oder eindeutig anorektische Schönheitsideale propagiert.

(Foto: Susann Prautsch/picture alliance / dpa)

Abgemagerte Körper, hervorstehende Rippen, Traumgewicht 35 Kilo: Forscher werfen Instagram vor, Jugendliche nur unzureichend vor Inhalten zu schützen, die Essstörungen verharmlosen oder verherrlichen.

Von Simon Hurtz, Berlin

Es braucht nur einen Fake-Account auf Instagram und sechs Fotos eines abgemagerten Mädchens, um 900 Follower zu gewinnen und die Aufmerksamkeit dubioser Männer anzuziehen. Zu diesem Ergebnis kommt die Organisation Reset, die für eine Studie "Thinstagram" untersucht hat. Das ist der vergleichsweise kleine, aber gefährliche Teil von Instagram, in dem Magersucht glorifiziert wird.

Die Initiative Reset will ein Gegengewicht zu den großen Tech-Konzernen bilden, sie wird von mehreren großen Stiftungen und Organisationen finanziert. Ihre Studie lag der SZ vor Veröffentlichung vor. Das Fazit der Forscherinnen und Forscher: Instagram scheitert daran, besonders verletzliche Teenager ausreichend zu schützen und Inhalte zu entfernen, die Essstörungen verharmlosen oder verherrlichen.

Die Empfehlungslogik der Plattform verschärfe nach Auffassung der Forschenden das Problem. Wer einer Handvoll Konten aus der "Thinfluencer"-Szene folge, bekomme automatisiert Beiträge und Accounts vorgeschlagen, die Gewichtsverlust glorifizieren und reihenweise Bilder offensichtlich anorektischer Körper teilten. Die SZ konnte diesen Mechanismus mit eigenen Testprofilen verifizieren.

Instagram als Plattform für Frauen mit Essstörung

Manche Nutzerinnen dokumentieren auf Instagram auch, wie sie ihre Essstörung überwunden haben und helfen sich gegenseitig beim Umgang mit der Krankheit.

(Foto: Monika Skolimowska/picture alliance / dpa)

Essstörungen treffen vorwiegend Mädchen in der Pubertät, ältere Frauen, Jungen und Männer erkranken aber auch an Anorexie oder Bulimie. Die Corona-Pandemie hat das Problem verschärft: Einer Analyse der DAK zufolge ist die Zahl der Jugendlichen mit starkem Untergewicht im vergangenen Jahr um mehr als ein Drittel gestiegen, in Krankenhäusern werden zehn Prozent mehr Essstörungen stationär behandelt. Doch auch eine Therapie hilft nicht immer: Zwischen zehn und 15 Prozent der Patientinnen sterben, damit ist Anorexie die mit Abstand gefährlichste psychiatrische Erkrankung.

Das Fake-Profil hat mittlerweile rund 900 Follower

"Wir nehmen die Themen mentale Gesundheit und Essstörungen sehr ernst", sagt Alexander Kleist, der als Head of Public Policy Instagrams politische Interessen im deutschsprachigen Raum vertritt. Gemeinsam mit Expertinnen und Experten habe man deshalb die Gemeinschaftsrichtlinien entwickelt. Dort beschreibt das Unternehmen, welche Regeln für Nutzerinnen und Nutzer gelten. Kleist zufolge versucht Instagram, einerseits schädliche Inhalte zu entfernen und es andererseits Menschen zu ermöglichen, über ihre persönlichen Erfahrungen mit Essstörungen zu sprechen.

Für den experimentellen Teil der Studie erstellten die Forscherinnen und Forscher von Reset ein anonymes Profil, auf dem zwar keine Gesichter zu sehen sind, dafür aber dürre Beine, knochige Hüften und Fotos, auf denen man jede Rippe einzeln zählen kann. In der ersten Woche teilten sie eine Handvoll Bilder und folgten einigen Dutzend Accounts, die extrem dünne oder eindeutig anorektische Schönheitsideale propagieren.

Obwohl die Forschenden nach sechs Tagen jegliche Aktivität einstellten, gewann der Fake-Account konstant an Reichweite, derzeit hat er rund 900 Follower. Reset schlussfolgert daraus, dass Instagram das Konto und dessen Beiträge anderen Nutzerinnen und Nutzern wohl aktiv vorgeschlagen hat, anders sei das Wachstum nicht zu erklären. Instagram sagt, man versuche mithilfe von Technologie, solche Inhalte nicht an Orten wie der Explore-Seite zu empfehlen. Dort stellt die Plattform neue Konten und Beiträge zusammen, die auf den vermuteten Interessen und Vorlieben der jeweiligen Nutzerin basieren.

Manche Männer nutzen Instagram, um magersüchtige Mädchen zu belästigen

Bereits am vierten Tag des Experiments meldete sich der erste selbsternannte "Ana-Coach" per Direktnachricht. Hinter diesen Accounts verbergen sich meist Männer, die vorgeben, den Mädchen beim Abnehmen helfen zu wollen. Sie verlangen dafür Fotos, angeblich um die Fortschritte beim Gewichtsverlust zu kontrollieren. Oft belästigen sie die betroffenen Teenager auch oder drohen mit sexualisierter Gewalt. Manche nutzen Instagram, um mit Jugendlichen in Kontakt zu kommen, und versuchen dann, die Kommunikation über Messenger wie Telegram fortzusetzen - dort ist das Risiko noch geringer, entdeckt zu werden.

Viele Teenager vergleichen sich auf Instagram mit anderen Jugendlichen und folgen Influencerinnen, die unrealistische bis krankhafte Schönheitsideale verkörpern. Psychologen fürchten deshalb, dass soziale Medien bei einem Teil der Nutzerinnen und Nutzer das Selbstwertgefühl schwächen können. Das Gleiche ließe sich aber auch über viele Fernsehsendungen, Filme und Serien sagen. Instagram und andere Plattformen sind also Teil eines Problems, das in erster Linie gesellschaftliche Ursachen hat.

Im Zuge des Experiments hat das Forscherteam von Reset aber auch zwei zentrale Versäumnisse bei Instagram selbst identifiziert. Zum einen gelinge es der Plattform nicht zuverlässig, Fotos, Videos und Konten zu sperren, die eindeutig gegen Instagrams Richtlinien verstoßen. "Wir entfernen Inhalte, die Essstörungen verherrlichen oder Anregungen dazu geben", schreibt der Konzern im Hilfebereich.

Zwar werden bestimmte Hashtags und Suchbegriffe geblockt, dennoch gibt es Dutzende Stichwörter, über die sich problematische Inhalte finden lassen. Teils blendet Instagram vorher einen Hinweis ein und listet Hilfsangebote für Menschen auf, die sich in psychischen Notlagen befinden. In Deutschland sind das die Nummer gegen Kummer und die Telefonseelsorge. Teils fehlen aber auch Warnungen und Vorsichtsmaßnahmen. Der Umgang mit solchen Themen ist herausfordernd, schließlich tauschen sich über Instagram auch Teenager aus, die sich aus einer Magersucht herauskämpfen. Sie spenden sich gegenseitig Kraft und zeigen, dass Anorexie keine Einbahnstraße ist. Pauschal Fotos abgemagerter Körper zu löschen, ist also keine Lösung.

Instagram müsste seine Richtlinien konsequenter durchsetzen

Ein Teil der Beiträge bewegt sich aber nicht in einer Grauzone, sondern ruft offen zum Hungern auf und nutzt dabei einschlägige Hashtags und Codewörter. 14-jährige Mädchen dokumentieren ihren Gewichtsverlust. Mit jedem Kilo weniger und jeder Rippe mehr wird der Beifall lauter und die Bewunderung in den Kommentaren größer. Zumindest in diesen eindeutigen Fällen müsste Instagram seine eigenen Richtlinien konsequenter durchsetzen.

Zum anderen kritisieren die Forschenden, dass Instagram potenziell gefährliche Inhalte nicht nur übersehe, sondern auch noch weiterverbreite. Die Algorithmen der Plattform schlagen selbstständig Fotos und Videos junger Frauen vor, die bis auf die Knochen abgemagert sind. Selbst bei einem Kontrollprofil, dessen Alter aus Testzwecken mit 14 Jahren angegeben wurde, wimmelt der sogenannte Explore-Bereich von Beiträgen, die den Weg in die Magersucht weisen könnten.

Vor einigen Monaten tauchten interne Untersuchungen auf, die angeblich zeigen, dass Instagram der mentalen Gesundheit von Teenagern schaden kann. Die Studienlage ist aber unklar, deshalb fordern Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mehr Zugriff auf Daten, um unabhängige Forschung zu ermöglichen. Am Mittwochabend wird Instagram-Chef Adam Mosseri sich dazu vor dem US-Kongress den Fragen der Senatoren stellen.

Wohl nicht ganz zufällig kündigte Instagram am Dienstagmorgen eine Reihe von Maßnahmen für das kommende Jahr an. Neue Funktionen sollen Eltern mehr Kontrolle über den Social-Media-Konsum ihrer Kinder geben und junge Nutzerinnen und Nutzer schützen. Unter anderem sollen die Standardeinstellungen für die Konten von Teenagern überarbeitet werden, sodass sie seltener in Kontakt mit potenziell problematischen Inhalten kommen.

Für Reset ist das bestenfalls ein Anfang. "Mit blumigen Versprechungen haben sich Facebook und Instagram schon viel zu oft aus der Verantwortung gestohlen", sagt Felix Kartte, der die Arbeit von Reset in Deutschland leitet. "Was wir brauchen, sind Gesetze, die nicht nur sicherstellen, dass Sicherheitsmaßnahmen für Kinder vorhanden sind, sondern auch, dass sie tatsächlich funktionieren."

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