Psychologie Auf der Jagd nach Selbstbestätigung

Einige Instagram-Nutzer machen überall Fotos von sich selbst.

(Foto: picture alliance/dpa)
  • Menschen brauchen soziale Anerkennung, sonst gehen sie ein. Genau dieses Bedürfnis bedienen soziale Netzwerke.
  • Studien zeigen: Jugendliche schütten vor allem dann Dopamin aus, wenn jemand auf ihre Beiträge reagiert hat - egal, ob positiv oder negativ.
  • Wer von heute auf morgen mit seiner Nutzung von sozialen Netzwerken aufhört, riskiert, unglücklich zu werden.
Von Sven Lüüs

Apps von Lieferservices bieten bis spät abends Speisen aus verschiedenen Restaurants an. Ob der Asiate, der die leckeren Nudeln mit Erdnusssoße macht, eine Straße weiter sein Restaurant hat oder am anderen Ende der Stadt - es spielt keine Rolle. Hauptsache, der hungrige Nutzer der Lieferapp, der momentan überhaupt nicht gut drauf ist, muss nicht vor die Tür gehen. Die Digitalisierung macht's möglich.

So wie es Lieferservices erleichtern, den Hunger bequem zu stillen, stillen soziale Netzwerke auch das Grundbedürfnis nach sozialer Anerkennung. Bestätigung von anderen sei "elementar fürs Menschsein", sagt Sozialpsychologe Hans-Jürgen Wirth von der Universität Frankfurt. Man werde nur durch einen sozialen Austausch mit anderen zum Menschen. Wenn Menschen keine Selbstbestätigung bekommen, gehen sie ein. Wäre das nicht so, wären auch soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram oder Twitter nicht so erfolgreich. Sie sorgen dafür, dass ihre Nutzer Glückshormone ausschütten.

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"Die Menschen, die soziale Netzwerke entwickeln, wissen das", sagt Psychiater Joachim Bauer von der internationalen Universität für Psychoanalyse in Berlin. Soziale Netzwerke würden schon entsprechend entwickelt, um diesen Hunger nach Anerkennung zu bedienen.

Die Befriedigung dieses Bedürfnisses, für das eigene Leben von anderen Nutzern digital Zustimmung zu bekommen, nimmt mittlerweile teils bizarre Ausmaße an. Auf Instagram werden vor allem Fotos miteinander geteilt. Nun vermietet ein Unternehmen aus Moskau Privatjets an Instagram-Poser, damit diese im Jet Fotos schießen können. Für zwei Stunden kann man den Jet mieten. Tatsächlich steht der dann nur herum; auf den Fotos, die natürlich im Inneren des Flugzeugs entstehen, macht es aber keinen Unterschied, ob der Jet auch fliegt. Wichtig ist dann nur die Champagnerflasche im Bild.

Studien, in denen die Hirnaktivitäten von Jugendlichen gemessen wurden, haben auch gezeigt, dass Nutzer das stimulierende Glückshormon Dopamin schon von dem Zeitpunkt an ausschütten, zu dem sie sich im sozialen Netzwerk anmelden. Die Gehirne der getesteten Jugendlichen reagieren also nach dem Motto: "Das Spiel beginnt!". Wenn später andere Nutzer signalisieren, dass ihnen gefällt, was die Person in den sozialen Netzwerken teilt, werden weitere Glückshormone ausgeschüttet. Die spornen an, noch mehr zu posten: "Das ist wie bei Fixern", sagt Bauer. Und es sei wie in einen Raum zu kommen, in dem man von allen gemocht wird.

Auch negative Rückmeldungen der anderen Nutzer regen das Gehirn dazu an, weiterzumachen. Man wolle die schlechten Rückmeldungen dann mit guten wieder ausgleichen. Der Nutzer braucht also nur Reaktionen, egal was für welche.

Kalter Entzug kann Angst auslösen

Wer von heute auf morgen mit seiner Nutzung von sozialen Netzwerken aufhört, riskiert, unglücklich zu werden, zumindest kurz nach dem Ausstieg. Auch das ist laut Bauer wie bei Fixern: Auf den Entzug von sozialen Netzwerken könnten Angst und Aggressionen folgen.

Aber warum abonnieren so viele Menschen das, was andere aus ihrem Leben teilen? Das sei Gruppenbildung, sagt Bauer. Wer eine Person oder eine Marke auf Instagram abonniert hat, sieht, wer das auch getan hat. Dieses Abonnieren wird auf Facebook auch als "gefällt mir" bezeichnet. Die gleichen Interessen zu haben, dass anderen das Gleiche gefällt wie dem jeweiligen Nutzer selbst, gibt dem Nutzer ein wohliges Zugehörigkeitsgefühl. Auch das aktiviere das Belohnungssystem im Gehirn und mache glücklich, sagt Bauer.

Die Instagram-Nutzer geizen auch nicht mit Bestätigung für andere: Mehr als eine Milliarde Menschen nutzen das soziale Netzwerk. In ihren öffentlichen Kommentaren haben sie mehr als 14 Milliarden mal Posts von anderen mit einem Herz-Symbol kommentiert.

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