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Schlecker-Insolvenzverfahren:Zahlen, die Fragen aufwerfen

Während die Schlecker-Kinder im Gläubigerverzeichnis stehen, stürzen Tausende Mitarbeiter in die Arbeitslosigkeit: Plötzlich ist ein früher angeblich milliardenschwerer Unternehmer pleite. Aber wie sehr wirklich? Man könne der Familie vieles vorwerfen, sagt Insolvenzverwalter Geiwitz, "nicht aber die Rettung von Vermögen in großem Stil".

Max Hägler, Ulm

Das juristische Ende kommt per Strichcode. Samt einem Ja und einem Nein ist er auf die weißen Stimmzettel gedruckt. Betreff: "Insolvenzverfahren über das Vermögen der Anton Schlecker e. K." Über eine Stunde lang hatte Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz den Niedergang des Drogisten erklärt, vom Schrumpfen seit dem Jahr 2003 bis zum Ende, als nur noch jede zehnte Filiale profitabel war.

Schlecker wird zerschlagen

Schlecker ist Geschichte. Die Gläubiger bestätigten am Dienstag das Aus der Drogerie.

(Foto: dpa)

Jetzt, um kurz vor zwei Uhr am Mittag, halten die Gläubiger ihre Zettel in den Leseautomaten. Ihre angemeldeten Forderungen entscheiden: 99,2 Prozent der versammelten Summe bestätigen, was die wichtigsten Gläubiger bereits am Freitag beschlossen hatten: Der Betrieb Schlecker wird dicht gemacht, weil keiner der 34 Bieter letztlich Interesse hatte an dem maroden Unternehmen. Die Abordnung des Amtsgerichts auf der Bühne protokolliert. Tränen verwischen die Wimperntusche von Christel Hoffmann, der Betriebsratschefin. Schon vorher, als sie vor der Runde sprechen durfte und an die 25.000 Kollegen und vor allem Kolleginnen erinnerte, die nun auf der Straße stehen, versagte ihre Stimme.

Es geht um große Zahlen an diesem Tag. So viele wie selten in Deutschland verlieren ihre Arbeit. Einige von ihnen stehen vor der Tür des Versammlungsortes, der ehemaligen Dreifaltigkeitskirche in Ulm. Sie halten Transparente: "Schleckers sitzen auf 40 Millionen, und wir gehen der Armut entgegen", steht etwa darauf.

Das sind die anderen große Zahlen, die Gelder: Ein früher angeblich milliardenschwerer Unternehmer mit tausenden Filialen ist plötzlich pleite. Aber wie sehr wirklich? Hat er nicht viel vom früheren Gewinn an Frau Christa und die beiden Kinder Meike und Lars verschoben, die ausweislich der europäischen Handelsregister Gesellschafter von über einem Dutzend Gesellschaften sind? Die LDG Logistik- und Dienstleistungsgesellschaft mbH ist etwa nur auf Sohn Lars eingetragen und arbeitete wohl allein als Dienstleister für die Drogerie: Im Jahr 2010 erwirtschaftete das Unternehmen bei 33 Millionen Euro Umsatz etwa 12 Millionen Euro Überschuss - eine ungewöhnlich gute Rendite.

Die Namen der beiden Kinder stehen mit 48 beziehungsweise 50 Millionen Euro im Gläubigerverzeichnis, neben 147 anderen Gläubigern, darunter just Lars' LDG mit 64 Millionen Euro. Die Arbeitsagentur ist ebenfalls notiert mit 125 Millionen Euro, der Versicherer Euler-Hermes mit mehr als 200 Millionen Euro und dem Finanzamt schuldet Schlecker 74 Millionen Euro.

"Er hat das Scheitern nicht sehen wollen"

Viel Geld fordern die Leute im Saal, insgesamt 749 Millionen Euro. Herren in Anzügen beschwören, in einer "Schicksalsgemeinschaft" verbunden zu sein. Einer fragt laut nach: Ist die Forderung der Kinder denn berechtigt? Thilo Schultze, der Anwalt der Familie antwortet: Diese Forderungen resultieren aus stillen Einlagen und zeigten, das nichts aus der Firma geschafft wurde. Geiwitz bestätigt: Man könne der Familie viele Fehlentscheidung vorwerfen. "Nicht aber die Rettung von Vermögen in großem Stil." Im Gegenteil: Schlecker habe zwischen 2008 und 2011 mehrere Hundert Millionen Euro in das kriselnde Drogerie-Imperium gesteckt, insgesamt etwa eine Milliarde Euro in den vergangenen zehn Jahren verloren.

Viele andere hätten in dieser Lage zumindest die Rechtsform gewechselt, weg vom persönlich haftenden eingetragenen Kaufmann, urteilt Geiwitz. Das sei nicht der Stil von Anton Schlecker, erklärt Schultze: "Er hat das Scheitern nicht sehen wollen." Immerhin der Familie bleibe noch ein wenig, das stellt der Familien-Anwalt auch klar. Zwar hatte seine Mandantin Meike Schlecker Ende Januar erklärt: "Es ist nichts mehr da!" Doch Schultze betont an diesem Tag der Abrechnung erstaunlich offen: "Das bezog sich auf e. K.", also nur Vater Anton. All das werde er nun nochmals überprüfen, kündigt Geiwitz an. Sollte Anton Schlecker in den vergangenen zehn Jahren Gelder verschoben haben, über die LDG oder andere Wege, kann der Insolvenzverwalter das Geld zurückfordern und den Gläubigern zur Verfügung stellen.

500 bis 700 Millionen Euro wird die Zerschlagung des einst größten Drogeriekonzerns Europas bringen, schätzt Geiwitz. Das Unternehmen insgesamt habe zwar "keinen wirklichen Wert", das habe die vergebliche Investorensuche gezeigt.

Für Tochterunternehmen oder Grundstücke könnten sich jedoch durchaus Käufer finden, hofft er. So schien bereits der Verkauf von Schlecker XL und der Kette "Ihr Platz" mit insgesamt über 800 Filialen unter Dach und Fach - allerdings meldete der Warenversicherer Euler-Hermes am Dienstag Bedenken an: Er sei sich mit dem Kaufinteressenten Dubag noch nicht einig über die genauen Konditionen.

© SZ vom 06.06.2012/fran
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