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Insolvenz von Prokon:Aus der Traum von der ethisch korrekten Geldanlage

Prokon

Sitz von Prokon in Itzehoe: Die Ökostromfirma ist pleite.

(Foto: Ulrich Perrey/dpa)

Windkraftbetreiber Prokon ist pleite. Zehntausende Anleger wollten ethisch korrekt investieren und dabei viel Geld verdienen - nun drohen hohe Verluste. Das Unternehmen gibt sich trotzdem optimistisch.

Von Markus Balser und Oliver Hollenstein

Kaum eine Firmen-Internetseite war in den vergangenen Tagen so oft geklickt worden wie die des angeschlagenen Windkonzerns Prokon. Zehntausende Anleger riefen immer wieder auf, was die Prokon-Chefetage zur drohenden Insolvenz nach draußen dringen ließ. Am Mittwochabend schließlich brach die Seite zusammen - so wie das Firmenimperium selbst. Die Prokon Regenerative Energien GmbH habe am Mittwoch beim Amtsgericht Itzehoe Insolvenz beantragt, hatte das pressescheue Unternehmen zuvor auf seiner Homepage mitgeteilt.

Damit vollzieht sich auf dem Grauen Kapitalmarkt in Deutschland eine der größten Pleiten seit Jahren. Betroffen sind 75.000 Anleger, die zusammen 1,4 Milliarden Euro in Form von Genussrechten in die Firma gesteckt haben. Wie hoch die Verluste für Investoren am Ende sein könnten, wagen bisher selbst Experten nicht zu beurteilen. Als Eigenkapitalgeber müssen sich die Anleger in der Insolvenz jedoch hinten anstellen und könnten einen großen Teil ihres Einsatzes verlieren.

Auch für den umstrittenen Firmengründer und Prokon-Chef Carsten Rodbertus bedeutet die Insolvenz einen herben Absturz. Die Geschicke im Unternehmen darf er nicht mehr allein führen. Das Amtsgericht Itzehoe bestellte den Hamburger Rechtsanwalt Dietmar Penzlin zum Insolvenzverwalter. Er ist auf erneuerbare Energien spezialisiert.

"Keineswegs das Aus"

Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung belasteten das Unternehmen neben der Flucht der Anleger auch anstehende Zinszahlungen. Bereits in der kommenden Woche wären Millionenzahlungen fällig geworden, heißt es aus Unternehmenskreisen. Prokon war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. In einer Mitteilung an die Investoren gab sich die Firma dennoch gewohnt optimistisch. Die Insolvenz bedeute "keineswegs das Aus". Die Prüfung werde nun einige Monate in Anspruch nehmen, in dieser Zeit werde ein vorläufiger Insolvenzberater das Unternehmen begleiten. "Parallel werden wir unter Einbeziehung der Anregungen unserer Genussrechtsinhaber das Geschäftsmodell anpassen." Es sei klar, dass sich etwas ändern müsse, aber: "Wir sind nach wie vor operativ gut aufgestellt und sind zuversichtlich, dass wir die aktuellen Schwierigkeiten überstehen werden."

Mit dem Insolvenzantrag endet für Tausende Anleger der Traum von der ethisch korrekten Anlage, die auch noch gute Renditen abwirft. Jahrelang hatte Prokon-Gründer Rodbertus mit Werbespots zur besten Fernsehzeit und Anzeigen in Bussen und Bahnen geworben: Eine Investition in Grüne Energien, ohne räuberische Banken, zum Wohle der Gemeinschaft - und mit traumhaften Zinsen von bis zu acht Prozent, aber in Zeiten hoher Inflation sicherer als ein Sparbuch. Die eingesammelten Milliarden investierte Prokon in 52 Windparks in Deutschland und Polen, eine Ölmühle in Magdeburg, Wälder und einen Holz verarbeitenden Betrieb.

Rodbertus Brief an die Anleger

Doch schon vor einiger Zeit wurden Zweifel laut, ob das Geschäftsmodell die immensen Zinsen überhaupt erwirtschaften kann. Experten warnten vor einem Schneeballsystem, was Prokon stets dementierte. Hinzu kam Kritik an der Anlageform von Prokon. Rodbertus beteiligte die Investoren mit Genussrechten an seinem Unternehmen. Diese Mischform aus Aktie und Anleihe verspricht den Anlegern regelmäßige Zinszahlungen, berechtigt aber nicht zur Mitsprache. Und die größte Gefahr: Im Fall einer Pleite werden zunächst andere Gläubiger bedient, erst dann die Genussrechtsinhaber.

Weil zuletzt offenbar weniger Investoren an Prokon glaubten, wurde die Finanzlage Anfang des Jahres eng. Mitte Januar schrieb Geschäftsführer Rodbertus seinen Anlegern: Garantierten nicht 95 Prozent des Genussrechtskapitals bis mindestens Oktober 2014 im Unternehmen zu bleiben, drohe Ende des Monats die Insolvenz. "Wir brauchen Zeit, um die Genussrechte und das Unternehmen zu restrukturieren und wieder auf einen zukunftsfähigen Kurs zu bringen", appellierte er und setzte eine Frist bis zu diesem Montag. Doch nur etwa 38.000 der insgesamt rund 75.000 Anleger wollten ihr Kapital in Höhe von gut 740 Millionen Euro bis zum Ende der Frist im Unternehmen lassen, wie Prokon mitteilte - das sind gut 50 Prozent.

Aus Branchenkreisen verlautet bereits, dass es Interessenten für die Übernahme von Unternehmensteilen gebe. Mehrere Unternehmen können sich demnach einen Einstieg in Projekte vorstellen. Bei einer Insolvenz könnten dann zumindest Teile des Geschäfts weiterlaufen. Betroffen sind von der Pleite nach Unternehmensangaben 1300 Mitarbeiter. Die Politik will indes nicht einspringen. Die schleswig-holsteinische Landesregierung erklärte, sie könne Prokon nicht direkt helfen, da es sich bei der Firma um ein Kapitalmarkt-Modell handele.

© SZ vom 23.01.2014/fran
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