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Insolvenz:Gefahrgut für Sparer

Nach der Zahlungsunfähigkeit der Containerfirma P&R fürchten die Anleger um ihr Geld. Das kommt immer wieder vor - wie Beispiele aus 150 Jahren zeigen.

Mit der Insolvenz beginnt eine Zeit, in der selbst einfache Fragen nur schwer zu beantworten sind. Zehntausende Anleger hat die Firma P&R aus Grünwald bei München zu Eigentümern von Schiffscontainern gemacht, seit Montag sind drei ihrer vier deutschen Gesellschaften offiziell zahlungsunfähig. Aber welche der etwa 1,2 Millionen Container gehören eigentlich wem? Und an wen sind sie vermietet? Wenn man das nur wüsste. Nicht einmal bei P&R, wo man sich im Auftrag der Anleger darum kümmerte, die Container auszulasten, dürfte man diese zum jetzigen Zeitpunkt genau zuordnen können.

Immerhin hat die Firma ihr Schweigen gebrochen. Auf der eilig eingerichteten Webseite frachtcontainer-inso.de informiert der Insolvenzverwalter über die wichtigsten Punkte. Wegen der hohen Zahl an Anlegern, insgesamt 51 000, könne man derzeit keine individuellen Fragen beantworten, heißt es dort. Also für alle: Kann ich etwas tun, um meine Ansprüche gegen die insolventen Gesellschaften durchzusetzen? Das Amtsgericht München habe die Zwangsvollstreckung in das Vermögen der Gesellschaften untersagt, ist zu lesen, und weiter: "Es besteht derzeit keine Möglichkeit für die Gläubiger, ihre Ansprüche gegen die insolventen Gesellschaften zwangsweise durchzusetzen." Betroffenen P&R-Kunden bleibt also nichts anderes übrig, als abzuwarten und darauf zu hoffen, möglichst große Teile ihres Vermögens zurückzubekommen. Das wird dauern, vermutlich wird es am Ende schwierig.

Der Insolvenzverwalter Michael Jaffé hat zunächst drei Monate Zeit, um die wirtschaftliche Lage der P&R-Gruppe zu prüfen. Auch die Wirtschaftsprüfer von PwC sind im Haus und schauen in die Bücher. Sie haben einiges zu sortieren. Unter dem Dach der P&R-Gruppe in Grünwald sind vier Gesellschaften zusammengefasst - drei davon stehen seit Montag unter vorläufiger Insolvenzverwaltung. Die vierte Gesellschaft, die P&R Transport-Container GmbH, hat offenbar Forderungen gegen die drei Schwestergesellschaften. Das geht aus einer Pflichtmitteilung hervor, die sie am Dienstag veröffentlicht hat. Weil diese Forderungen nun ausfallen könnten, steht es darin, sei "die Fähigkeit der Emittentin zur Erfüllung der Verpflichtungen gegenüber den Anlegern auf Verzinsung und Rückzahlung erheblich beeinträchtigt."

Das operative Zentrum der Gruppe liegt steueroptimiert im schweizerischen Zug

Das heißt: Die Ansprüche der Anleger stehen in Konkurrenz zu Ansprüchen der P&R selbst. Wie ist das möglich? "Laut Prospekt dürfte es zwischen den einzelnen P&R-Gesellschaften keine Verbindlichkeiten geben", sagt der Anwalt Marc Gericke von der Kanzlei Göddecke. "Das sieht jetzt nach einer schmutzigen Insolvenz aus", befürchtet er. Denn P&R hat noch eine Außenstelle in der Schweiz, die ihrerseits Geld fordern kann. "Dass die eine P&R-Tochter Forderungen bei den insolventen P&R-Töchtern anmeldet und erklärt, sie sei ihrerseits Forderungen von der P&R-Tochter in der Schweiz ausgesetzt, zeigt, dass es für die Anleger schwer werden wird, ihr Vermögen zurückzuerhalten."

Die Gesellschaft im Schweizer Kanton Zug trägt den Namen P&R Equipment & Finance Corp. Sie kauft die Container ein und vermietet sie, bei ihr gehen auch die Mietzahlungen ein. In Zug liegt somit das operative Zentrum. "Die P&R-Gruppe in Grünwald hat Vertragsbeziehungen mit Zug. Sie kann die Gelder, die dort liegen, zurückfordern", sagt der Münchner Anwalt Peter Mattil. Doch was, wenn dort nicht genug zu holen ist? "Dann müsste auch die P&R Equipment Konkurs anmelden", sagt er. Mattil geht davon aus, dass der deutsche Insolvenzverwalter das Vermögen aus der Schweiz dann einfordert - und die Schweizer Konkursverwalter sich wiederum dagegen wehren würden. "Es gäbe einen langen Rechtsstreit über die Frage, wem die Container gehören. P&R in München, P&R in Zug oder den Anlegern."

Die Frage ist entscheidend. Die Container sind neben den laufenden Mieten der wichtigste Vermögensgegenstand, der noch etwas abwerfen kann. Könnten die Anleger über ihre Container verfügen, ginge die Sache vielleicht glimpflich aus. In einer Mitteilung des Unternehmens aber heißt es vorsorglich: "Eine Einzelverwertung der Container, die weltweit im Frachtbetrieb vermietet und eingesetzt sind, durch die Investoren selbst ist faktisch unmöglich und wirtschaftlich unsinnig." Das Vermietungsgeschäft solle weiterlaufen.

Wie bestellt meldeten sich am Dienstag auch die ersten politischen Akteure zu Wort und forderten eine noch einmal schärfere Regulierung von Finanzprodukten. So kritisierte der Verbraucherzentrale Bundesverband die jüngste Reform des Anlegerschutzes als unzureichend. Für Verbraucher seien Produkte auf dem Grauen Kapitalmarkt "zu komplex und bergen zu hohe Risiken", sagte Verbandschef Klaus Müller. Ein aktiver Vertrieb solle deshalb verboten werden.