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Insolvenz bei Schlecker:Wenn Menschen und Image egal sind

"Bäcker, Metzger, Kirche, Schlecker", war lange ein Vierklang des deutschen Bürgertums. Jetzt ist die Drogeriekette pleite - das Konzept vieler kleiner Filialen ging nicht auf. Hier hat ein tatkräftiges Gründerpaar absolut und einseitig den Profit über die Moral gestellt und seinen Mitarbeitern misstraut. Das Klima: eiskalt.

Marc Beise

Doppelt so viele Filialen wie die Drogerie-Konkurrenten Rossmann und dm zusammen, aber nur ein Viertel bis ein Sechstel des Umsatzes pro Filiale, das kann nicht profitabel gewesen sein für die Firma Schlecker, die nun in die Insolvenz gehen muss. Das Konzept der immer zahlreicheren, aber kleinen und kargen Läden rechnete sich nicht: hohe Kosten, wenig Umsatz, noch weniger Gewinn. Viel lehrreicher aber als die materiellen Ursachen sind die menschlichen Aspekte dieser Firmenpleite.

Medien: Schlecker zahlungsunfaehig

Geschlossene Filiale der Drogeriekette Schlecker.

(Foto: dapd)

Es hat hier ein tatkräftiges Gründerpaar den Profit absolut und einseitig über die Moral gestellt und partout nicht begriffen, dass das auf Dauer nicht gutgehen kann. Bitter allerdings, dass dieser Sieg auf dem Rücken der Mitarbeiter ausgetragen wird, die nun zum zweiten Mal gestraft sind: erst mit überwiegend miesen Jobs und nun voraussichtlich auch noch mit dem Verlust derselben.

Anton und Christa Schlecker haben ihr Berufsleben auf der Erfolgsstraße begonnen. Sie bauten ein Drogerieimperium auf, das eine Institution im Land wurde. "Bäcker, Metzger, Kirche, Schlecker", dieser Vierklang gehörte lange zum deutschen Bürgertum. Die Billig-billig-Fraktion dazugerechnet, gab das ein hübsches Potential für ein Milliarden-Geschäft. Eines allerdings, das die Gründer als Privatbesitz sahen; die ganze Firma samt Unternehmenskultur war allein den Zielen des Paares untergeordnet.

Eiskalt sei das Klima gewesen, heißt es seit langem. Kurz gehalten wurden die Mitarbeiter, standen unter Druck. Arbeitsbedingungen wurden diktiert, ausgeklügelte Kontrollmechanismen eingeführt, Sozialstandards nur widerwillig eingehalten, Menschlichkeit wurde kleingeschrieben. Kurz: Die Schleckers hatten kein Vertrauen zu ihren Mitarbeitern. Kunden konnten, wenn sie dafür einen Blick haben wollten, die Lieblosigkeit dieses Geschäftsmodells erkennen, es lag ja auf der Hand: kärgliche, lieblos zusammengeschusterte Filialen, gedrückte Mitarbeiter. Das spart Kosten und kostet Image.

Erst waren es nur die Gewerkschaften, die den Schlecker-Frieden störten. Dann packten die ersten Mitarbeiter aus, die Öffentlichkeit wurde aufmerksam. Und irgendwann reagiert dann immer der Kunde, der König ist. Es ist schön, wenn es das Schampoo billiger gibt, aber man möchte beim Kauf schon auch ein gutes Gefühl haben.

Zumal die Konkurrenz umso heller leuchtete. Vor allem der dm-Eigentümer Götz Werner lebt vor, was Familienunternehmen im besten Sinne heißen kann. Er schätzt und fördert seine Belegschaft, und sie dankt es ihm in den Filialen.

Hier das zentralistische Reich des Bösen, dort der gute Mensch von dm, dieses Spiel konnten die Schleckers nicht mehr gewinnen. So wie der alte Honecker in der DDR verstanden sie nicht mehr, was draußen vor sich ging. Fast schon panisch wurden am Ende die beiden Kinder nach vorne geschoben. Sympathische Menschen und glaubhaft um eine neue Ära bemüht. Während die Jungen aber in Interviews gute Stimmung zu machen versuchten, entschied im Hintergrund weiter der Vater. Er, der immer stolz auf seine Unabhängigkeit war, musste nun um Geldgeber buhlen - aber wer will sich an einem Imperium beteiligen, das derart intransparent ist?

Ein Wandel ist erst wieder möglich durch die Insolvenz. Jetzt ist Zeit für eine neue Struktur und Kultur - aber bitte ohne die alte Führung. Nur dann kann gerettet werden, was in Teilen vielleicht noch zu retten ist. So weit aber hätte es nicht kommen müssen, nicht kommen dürfen. Ein Gründerprojekt hätte keinen Schaden genommen, Mitarbeitern wäre Leid erspart geblieben - wenn zwei Unternehmer verstanden hätten, dass den Kunden nur gewinnt, wer den Mitarbeiter ehrt, dass Vertrauen besser ist als Kontrolle. Dass Profit und Moral sich nicht ausschließen, sondern bedingen.

© SZ vom 21.01.2012/mane
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