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Insolventer Weltbild-Verlag:"Als ob uns jemand die Pistole auf die Brust setzte"

Weltbild-Verlag vor Insolvenz

Sanierung gescheitert: Der Weltbild-Verlag musste Insolvenz anmelden

(Foto: dpa)

Dem Weltbild-Verlag droht das Aus: Deutschlands Bischöfe verweigern dem Krisen-Unternehmen weitere Mittel, weil sie fürchten, bald noch mehr geben zu müssen. Ein Sanierungsgutachten der Prüfungsgesellschaft KPMG sieht indes die Gründe für die Insolvenz bei der Weltbild-Geschäftsführung - und in der schwierigen Gesellschafterstruktur.

Es ist eine prominente Kirchenversammlung, die da am vergangenen Donnerstag kurz vor 16 Uhr in einem Tagungsraum am Frankfurter Flughafen zusammenkommt: Der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch und der Münchner Kardinal Reinhard Marx sind dabei, die Oberhirten aus Augsburg und Eichstätt, Konrad Zdarsa und Gregor Maria Hanke, dazu die Generalvikare und weitere Geistliche aus zwölf deutschen Bistümern. Eine ideale Runde eigentlich, über Glaubensfragen und die Zukunft katholischer Verkündigung zu reden.

Tatsächlich müssen die Kirchenmänner aber eine sehr weltliche Entscheidung treffen: Sind sie als Gesellschafter des Weltbild-Verlags bereit, mindestens 135 Millionen Euro in das marode Unternehmen zu stecken oder bereiten sie einem fünf Jahre währenden Gezerre um die Zukunft des zweitgrößten deutschen Buchhändlers hier am Frankfurter Flughafen ein Ende?

Schnell wird in der Runde klar, dass die klare Mehrheit lieber ein Ende mit Schrecken will als einen Schrecken ohne Ende. Denn die Präsentation, die Weltbild-Geschäftsführer Carel Halff und Josef Schultheis vorbereitet hatten, ist nichts als eine Drohung: Wenn die Kirchenmänner nicht binnen weniger Tage mehrheitlich zusagen, statt der vereinbarten 65 nun in drei Tranchen 135 Millionen der am Ende benötigten 170 Millionen bereitzustellen, verlieren womöglich nicht nur 6800 Menschen ihre Arbeit, auch die katholische Kirche büßt weiter an Reputation ein. Wörtlich klingt das so: "Negative Öffentlichkeitswirkung ("Schlecker II"): Kirche als Gesellschafter überlässt sanierungsfähige Gruppe der Zerschlagung in der Insolvenz."

"Es war, als ob uns jemand die Pistole auf die Brust setzte", sagt einer der Teilnehmer. Tatsächlich ist der Nachmittag von Frankfurt der Showdown in einem Zerwürfnis zwischen Geschäftsführung, Aufsichtsrat und Bistümern, das sich über Monate verschärft hatte und vergangene Woche noch einmal eskalierte. Noch am Dienstag waren die Gesellschafter davon ausgegangen, dass die 65 Millionen Euro ausreichen müssten, die man mühevoll in den Bistümern zusammengekratzt hatte.

Vorreiter war dabei der Münchner Kardinal und sein Generalvikar Peter Beer, der zugleich Chef des Weltbild-Aufsichtsrats ist. Allein 20 Millionen Euro sollte sein Erzbistum beisteuern. "Wir wollten nicht zu früh aufgeben. Ich hatte die Hoffnung, dass wir damit auf einen guten Weg kommen", sagt Marx zwei Tage nach der Entscheidung von Frankfurt. Nach SZ-Informationen hätten aber selbst die 65 Millionen nur gereicht, um den Verlust von 2200 Arbeitsplätzen in der Weltbild-Holding für wenige Wochen, höchstens Monate zu verzögern.

Doch auch der Kardinal, Papst-Vertrauter und wortgewaltiger Verteidiger der katholischen Soziallehre, musste am Ende die Waffen strecken. Denn Mitte der Woche präsentierte die Geschäftsführung das gesamte Ausmaß des Desasters: "Der Kapitalbedarf ist mehr als doppelt so hoch, die Geschäftsprognosen sind vage und Folgekosten nicht absehbar", schildert Marx.

Deshalb senken die Kirchenmänner kurz vor 19 Uhr in Frankfurt den Daumen, wohl wissend, dass die katholische Kirche mit der Insolvenz bei Weltbild erneut wochenlang negative Schlagzeilen bekommen werde. Doch in dieses Dilemma hatten sich die Bischöfe selbst gebracht, als die Konservativen um Kölns Erzbischof Joachim Meisner 2008 den Streit um Weltbild vom Zaun brachen.