Innovationen:Warum es in deutschen Unternehmen mit der Erforschung der Zukunft hapert

Die deutsche Wirtschaft lebt von ihren erfolgreichen Mittelständlern. Aber nicht alle tun genug, um den technologischen Anschluss zu halten. "Nur ein Drittel der Mittelständler setzt sich ernsthaft mit dem technologischen Wandel auseinander", beklagt ein Industrieexperte beim BDI. "Die deutsche Wirtschaft agiert aus einer Position der Defensive."

Jörg Böcking ist Vorstandsmitglied für Forschung und Entwicklung beim Familienunternehmen Freudenberg, einem der erfolgreichsten deutschen Mittelständler. Er erklärt, warum es in deutschen Unternehmen mit der Erforschung der Zukunft hapert. Es sei die Angst vor dem Ungewissen und übervorsichtiges Management.

"Wir verschwenden 90 Prozent unserer Ressourcen darauf, Risiken zu vermeiden", sagt Böcking über die typische Unternehmenskultur. Es komme aber darauf an, den Weg der Ungewissheit zu gehen, und bei Forschung und Entwicklung den Fehlschlag einzukalkulieren: "Das Scheitern ist der Normalfall." Das Management von Innovationsprozessen sei "das Management des Scheiterns".

Er präge seinen Leuten im Unternehmen ein, es sei kein Drama, wenn sich eine neue Idee nicht umsetzen lasse. "Dann ist das Projekt gescheitert, aber nicht der Projektleiter." Niemand dürfe einen Nachteil daraus haben, dass seine Entwicklung keinen Erfolg hatte, sagt Böcking. Das wichtigste Instrument zur Förderung von Innovationen sei das Vorbild. Der Chef muss vorausgehen, auf ihn kommt es an. "Innovation ist dann wichtig, wenn der Chef dieses Thema wichtig findet." So ähnlich sieht es auch Marijn Dekkers, der es geschafft hat, den Pharma-Konzern Bayer zum teuersten Dax-Konzern zu machen. "Innovation ist Chefsache", sagt der Holländer. "Der Vorstandschef ist für die Innovationskultur im Unternehmen verantwortlich."

Auf die Firmenchefs kommt es an. Fragen der IT dürfen sie nicht an untere Etagen delegieren

Vor allem sollten sich die Chefs mit IT auskennen und Fragen von Software oder Kommunikationstechnik nicht wie häufig üblich an untere Etagen delegieren. Das glaubt Norbert Gronau von der Universität Potsdam. Der Professor und Experte für die Digitalisierung der Industrie ist nach Umfragen in Unternehmern der Meinung, dass manches gehörig schieflaufe. Alle Industrien, so meint Gronau, die das Rückgrat der Industrie im deutschsprachigen Raum bilden, seien aufgrund herausragender technologischer Leistungen entstanden. "Jetzt zögern sie bei der nächsten industriellen Revolution."

Es gebe im digitalen Zeitalter immer mehr Informationen in der Wirtschaft, das seien Daten, aus denen sich Erkenntnisse für die Strategie ableiten ließen. Doch die Firmen nutzten sie nicht, sie nähmen zu wenig zur Kenntnis, was Kanäle wie Facebook oder Vertriebsplattformen an nützlichen Daten erzeugten. "Es gibt eine furchtbare Zurückhaltung, sich dieses Themas anzunehmen", klagt Gronau.

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