Innenstädte Selbst die kleinen Läden verkaufen Einheitsware

Im Windschatten dieses Gefechts haben in der letzten Zeit immer mehr Läden eröffnet, die sich selbst als Liebhaberprojekt bezeichnen. Es gibt Geschäfte, die verkaufen nur Lakritz, andere nur Selbstgestricktes vom Chiemsee oder, gerade besonders beliebt: Design aus Skandinavien. Decken mit geometrischen Mustern, Windlichter aus eierschaldünnem Porzellan und schlank geschnittene Möbel. So geschmackvoll ich das gern in Cremeweiß gehaltenen Räumen arrangierte Angebot finde, spätestens beim dritten Laden fällt mir auf, dass ich fast exakt das gleiche Sortiment schon mal gesehen habe, in Berlin, in Stuttgart, in Rom, in Tallinn, in Rotterdam.

Auch die kleinen Läden haben sich längst globalisiert. Ihr Angebot mag auf den ersten Blick individuell wirken, aber das ist es nicht. Man google nur mal eine angesagte Seife aus Brooklyn und schaue, wie viele angesagte Läden auf der ganzen Welt diese in ihrem ausgesuchten Angebot haben. Und überhaupt: Wie viele handgewebte Geschirrtücher kann der normale Großstadtmensch gebrauchen?

Das Sterben des Einzelhandels macht Platz für die Realität

Auch die kleinen Läden werden das Sterben des Einzelhandels in unseren Städten nicht aufhalten. Es reicht nicht mehr, Ware in einem Geschäft feilzubieten. Egal wie künstlerisch wertvoll die drapiert ist und egal wie ausgefallen sie sein mag. Im Internet findet man immer noch mehr Auswahl und vermutlich auch zu einem besseren Preis. Gleichzeitig dürfte die Schnitzeljagd mit den Paketen und Paketscheinen bald ein Ende nehmen, wenn erst einmal die Zukunft des Zustellservices beginnt: fahrende Paketroboter, die freundlich, ohne Murren und ständig Vorfahrt gewährend die Lieferung nach Hause bringen, wo sie am Abend der Besitzer einfach aus der intelligenten Paketstation nimmt.

Und die Innenstädte? Hätten endlich die Chance, etwas anderes zu sein als immer noch eine weitere austauschbare Fußgängerzone, ein Riesenareal mit Shoppingmall oder Einkaufsarkaden. Ich träume zum Beispiel schon seit Langem von Schlaf-Cafés, in denen es sich die Besucher auf Sofas gemütlich machen, weil man schon viel zu viele Stunden auf den Beinen ist. Oder wie wäre es mit Coworking Spaces, in denen sich der Kunde auch mal nur für einen Nachmittag einen Schreibtisch mieten kann?

Es gäbe genug Alternativen zu der Shoppingödnis, die unsere Städte momentan narkotisiert. Vielleicht bietet das Sterben des Einzelhandels endlich die Möglichkeit, der wirklichen Welt in unseren Zentren Platz zu verschaffen. Das Einkaufen darf dann ruhig im virtuellen Raum stattfinden.

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