Kommentar:Wieder Remmidemmi

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(Foto: Bernd Schifferdecker)

Die Innenstädte stecken in der Krise - und das nicht nur wegen der Corona-Pandemie. Doch sie können zurück zu altem Glanz finden.

Von Joachim Käppner

Mitten in Freiburg, schrieb 1926 Ricarda Huch, liegt "der schönste Schatz des Stadtbildes: das Münster. Es ist kein Platz abgesonderter Stille, wie er sonst der Hauptkirche eingeräumt wird, sondern des täglichen Marktgewimmels; das prächtige Kaufhaus und das gediegene Kornhaus, Sitz der städtischen Verwaltung, grenzen daran. Mitten aus der fröhlichen Geschäftigkeit des Alltags wächst das Ehrenhaus der Gottesmutter, vom blühenden Schimmer seiner Steine wie von einer Rosenhecke umsponnen." Was die Historikerin Huch in ihren "Lebensbildern deutscher Städte" da am Beispiel von Freiburg im Breisgau schilderte, war eine Verneigung vor einer der traditionsreichsten Institutionen des Landes: der Stadt als Mittelpunkt der Gesellschaft. Die badische Boomtown mag vieles davon über die Zeit hinweggerettet haben, was ihren Charme ausmacht, doch zählt sie damit bereits zu einer Minderheit. Die Innenstädte, die ja jahrhundertelang die Stadt an sich waren, geschützt durch Mauern, Tore und Freiheiten, stecken in der Krise.

Der Verlust an Anziehungskraft ist vielerorts schmerzhaft spürbar. Ein Besuch in der Fußgängerzone offenbart selbst flüchtigen Betrachtern leere Ladenlokale oder die üblichen Ketten-Filialen, wo einst alteingesessene Geschäfte waren. Die Vielfalt geht verloren, nach 20 Uhr liegen ihre verkehrsberuhigten Straßen da, als sei der Lockdown eben erst ausgerufen worden. Die Besucherzahlen sinken: Ganz offensichtlich ist die Zeit vorüber, als "Lange Samstag En D'r City", so ein Lied der Kölschen Mundartrocker Bläck Fööss, der Höhepunkt eines Wochenendvergnügens war.

Man mache sich nicht vor, bessere Zeiten kämen schon wie von selber wieder. Die Corona-Pandemie hat den Trend nach unten nur beschleunigt, ihn aber nicht verursacht. Heute rächt sich eine Fehlentwicklung, die bis auf die Wirtschaftswunderjahre zurückgeht, aber nie entschlossen genug korrigiert wurde: die Reduzierung der Innenstädte auf Konsumflächen. Lange haben davon die Wirtschaft wie die Kommunen selbst dermaßen profitiert, dass sie die weichen Faktoren vergaßen, die den Reiz der alten Stadt ausmachten: die Vielfalt, das Bunte, die City als Wohnort und Mittel- und Treffpunkt der Stadtgesellschaft. Immer neue Ladenpassagen und die Verdrängung der Bewohner durch Geschäfte garantierten dem Handel wie der Stadtkasse gutes Geld - womit die Kommunen nicht immer das Richtige anzufangen wussten. Davon legen zahllose bauliche Grässlichkeiten, mit der sie den Standort zu bereichern gedachten, ihr gruseliges und betongraues Zeugnis ab. Experimente wie die neue Frankfurter Altstadt, welche den verlorenen Reiz zurückholen wollen, sind daher keineswegs so verwerflich, wie manche von ihren Luxusproblemen umgetriebene Architekturkritiker gern behaupten.

Neustart und Rückbesinnung

Das Konzept "City gleich Verkaufsfläche" ist längst von gestern, spätestens als Folge des Onlinehandels, der immer noch weiter wächst. Die Innenstädte benötigen zugleich einen Neustart wie eine Rückbesinnung auf ihre alte Rolle, ja ihre Werte. Sie brauchen finanzielle Hilfe von Bund und Ländern, um leer stehende Flächen kaufen oder anmieten zu können, die sich dann flexibel weitergeben lassen an Start-ups und Gründerinnen oder an Sport und Kultur, was die Attraktivität der City erhöht. Mehr Rechte wären zudem nötig und weniger Bürokratie, die Energie und Zeit stiehlt wie die kleinen grauen Herren in der Kindergeschichte "Momo". Und die Stadt sollte das Wohnen in der City erleichtern. Vieles davon hat der Deutsche Städtetag in einem klugen Strategiepapier gerade gefordert.

Hinzu kommt etwas, wozu sich der Verband vorsichtshalber nicht geäußert hat: der unkontrollierte Wildwuchs der Gewerbemieten. Nichts außer einem neuen Börsencrash oder der Einführung leninistischer Planwirtschaft könnte zwar in Ökonomenkreisen unpopulärer sein als der Ruf, auch diese gesetzlich zu begrenzen. Aber eine Bremse für Gewerbemieten kann notwendig werden, wenn die viel beschworenen Kräfte des Marktes in den Citys weiterhin so wenig heilsam wirken. Vielleicht kommen dann die Zeiten wieder, über welche die Bläck Fööss sangen: "En d'r Stadt es Remmi Demmi / Alle Parkhüser sin voll / Üvverall nur Minschemasse / Un die kaufen hück wie doll."

© SZ
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