Initial Coin Offerings Krypto Royale

Tausende Betrüger, tote digitale Münzen, total unreguliert: Der Markt für Krypto-Börsengänge gleicht einem Kasino. Das könnte sich bald ändern.

Von Victor Gojdka Und Nils Wischmeyer

Es war im Frühjahr, als die Webseite des Start-ups Savedroid plötzlich verschwand und der Gründer Yassin Hankir gleich mit. Hankir postete noch ein Bild von sich am Flughafen. Nun schien es, als sei alles weg. Wenige Tage zuvor hatte die Frankfurter Krypto-Firma 40 Millionen Euro eingesammelt. Die Staatsanwaltschaft schaltete sich ein, wenige Stunden später stellte sich heraus: alles nur ein Scherz. Gründer Hankir wollte bloß zeigen, wie leicht es wäre, mit dem Geld zu verschwinden. Die gesamte Szene tobte. Hankir hielt der Szene einen Spiegel vor, in den viele nicht schauen wollten.

Für einige Monate gab es einen unbändigen Hype um Initial Coin Offerings (ICO). Die Idee dahinter, sie klang so einfach: Start-ups erschaffen ihre eigenen Digitalmünzen und verkaufen sie an Anleger. Mehrere 1000 Firmen haben so die Kryptogemeinde angepumpt. Hankir kassierte mal eben 40 Millionen Euro für seine Krypto-Spar-App, die Gründer von Block.one lächeln darüber müde. Ihnen warfen die euphorischen Anleger gleich vier Milliarden Dollar hinterher.

4 Milliarden

Dollar hat das bislang größte ICO-Projekt rechnerisch eingenommen. Bei einem sogenannten Initial Coin Offering (ICO) sammeln Unternehmen Geld bei Anlegern ein. Im Gegenzug geben diese Coins oder Tokens aus. Oft erwerben die Anleger damit Nutzungsrechte, können mit den digitalen Münzen später also die Dienste des Unternehmens nutzen. Schaffen es die Münzen auf eine Krypto-Börse, können Anleger schlicht auch auf einen Wertzuwachshoffen. In seltenen Fällen sind die Münzen ähnlich wie eine Aktie ein Anteilsschein des Unternehmens.

Mit den Summen wuchsen die Erwartungen. Mittlerweile zeigt sich: Viele der Projekte sind offenbar Betrug, mehr als ein Drittel aller Anleger hat in nur wenigen Monaten mehr als die Hälfte seines Einsatzes verloren, zeigen Studien. Trotzdem fließen weiter Dutzende Milliarden in den Markt. Das ruft auch die Finanzaufsicht auf den Plan, die sich nun erstmalig ausführlich äußert. Dabei ist die Katastrophe längst eingetreten.

Zu besichtigen ist das Desaster auf einem virtuellen Friedhof: Die Seite Coinopsy sammelt digitale Münzen vieler Start-ups, von denen nicht mehr geblieben ist als ihr Name. Mehr als 1000 der digitalen Münzen listet die Seite inzwischen als inaktiv. Man könnte sagen: Gut, es sind Start-ups. Die einen haben Anlaufschwierigkeiten, die anderen technische Probleme und wieder andere finden gerade keinen Programmierer. Aktuelle Zahlen offenbaren aber, dass nicht nur Kinderkrankheiten das Problem sind: 81 Prozent aller ICO-Projekte über 50 Millionen Dollar Marktwert waren dem Analysehaus Satis Group zufolge glatter Betrug. "Wie so häufig in Hype-Situationen gibt es tatsächlich viele schwarze Schafe", sagt Matthias von Oppen, ICO-Experte der Wirtschaftskanzlei Ashurst. Viele waren nicht mehr als Betrüger, die die Gunst der Stunde nutzten. Am Anfang schrieben sie noch Prospekte, darin fanden sich meist viele Visionen, nur nichts Konkretes. Je größer der Hype, desto schlampiger wurden die Prospekte. Manche gaben sich nicht einmal die Mühe, seriös zu wirken. Sie nannten sich Trump Coin, Putin Coin, Jesus Coin. In ihrer Euphorie wetteten Anleger entgegen jeder Vernunft auf steigende Kurse.

Einige Geschäftsleute versuchen es mit einem Anstrich des Seriösen

Gleichzeitig versuchen es einige Geschäftsleute mit einem Anstrich des Seriösen. Als der Berliner Unternehmer Jan Denecke im Januar auf der Tech-Messe CES in Las Vegas auftauchte, hatte er Jeff Clarke im Schlepptau, Chef des einstigen Fotokonzerns Kodak. Zusammen stellten beide Kodak One vor, eine Firma, die Bildrechte im Internet schützen soll. Mit dem Kodak Coin gibt es gleich eine Münze dazu, quasi einen digitalen Gutschein für den künftigen Service der Firma. Der Witz: Kodak hat mit dem Kodak Coin praktisch nichts zu tun. Die Fotofirma hat lediglich ihre Markenrechte an Denecke abgetreten. Mittlerweile hat sich die Firma wohl auch auf Druck der US-Finanzaufsicht SEC darauf verständigt, nur noch an Profi-Investoren zu verkaufen.

Nicht immer ist die Aufsicht rechtzeitig zur Stelle. Im Sommer 2017 warben DJ Khaled und Boxer Floyd Mayweather für Centratech. Mayweather postete gar ein Foto mit stapelweise Dollarscheinen und schrieb: "Ich werde eine Scheiß-Tonne voll Geld damit machen." Die Anleger schmissen dem Start-up 32 Millionen Dollar hinterher. Zwei der Gründer wurden festgenommen. Auch Statistiken offenbaren ein verheerendes Bild: Mehr als die Hälfte aller ICO-Projekte überlebt nicht einmal vier Monate. Nur 15 Prozent der digitalen Münzen schafften es überhaupt auf eine Kryptobörse im Internet.

Die vielen Betrugsfälle haben die Finanzaufsichten aufgeschreckt. Die chinesische reagierte streng, verbot nahezu alle ICOs, und in den USA griff die SEC mehrmals hart durch. Einen anderen Ansatz fährt die deutsche Finanzaufsicht Bafin. "Hier gilt das Credo, den Markt weder abzuwürgen, noch Wild-West-Methoden zuzulassen", sagt Kryptoexperte Gilbert Fridgen von der Universität Bayreuth.

Im November 2017 befasste sich die Bafin erstmals mit dem Thema, prüfte mehrere Projekte. Die Regulierung aber blieb lax. Bei der Bafin heißt es zwar: "ICOs sind für Anleger hochspekulative Finanzanlagen". Anleger müssten mit Schwankungen und einem Totalverlust rechnen. Vor konkreten Maßnahmen schreckt man in Frankfurt offenbar jedoch zurück. Eine Pflicht, jeden ICO unter die Lupe zu nehmen, gibt es nicht. Man kann das allerdings freiwillig beantragen.

Wer sich damit genauer auseinander setzen will, kommt ins Büro von Matthias von Oppen. Der Anwalt begleitet junge Firmen bei der Finanzierung und hält diesen Schritt für wichtig. Er selbst soll die Projekte professioneller aufstellen. Vielen Kunden rät er dazu, sich den Bafin-Stempel abzuholen. Am Ende muss der Markt erwachsen werden, sich selbst bereinigen.

Ausgerechnet ein Junge, der in einem abgelegenen Bergdorf aufgewachsen ist, zeigt, wie das gehen kann. Für seine Stiftung Iota hat Dominik Schiener 2015 Bitcoin und andere Kryptowährungen im Wert von damals etwa 500 000 Dollar eingeworben. Über Iota sollen in der Zukunft autonome Maschinen miteinander sprechen: So könnte eine intelligente Fertigungsmaschine einen Eimer Farbe nachbestellen und automatisch bezahlen. Vor wenigen Jahren stand Schiener noch auf der dunklen Seite, hackte sich an die Spitze der Weltrangliste des Computerspiels "Call of Duty" und kassierte 50 Euro, wenn er das aus seinem Kinderzimmer heraus für andere tat. Heute betreibt er ein ernst zu nehmendes Projekt. Damit ist er einem Großteil des Marktes voraus.